zum erstem Mal in der Oper?

29. FEBRUAR 2020

 

EINE UNKOMPLIZIERTE ANLEITUNG FÜR DEN KLASSIK NEWBIE

©Nicole Hacke

Für die einen ist es das Normalste auf der Welt ein Opernhaus zu betreten, für die anderen ein Rätsel mit sieben Siegeln.


Letztere haben sich höchstwahrscheinlich auch noch nie mit den Themen: klassische Musik, Oper und dergleichen eingehender auseinandergesetzt. Warum auch? Schließlich ist es nicht schlimm, wenn man keine Ahnung von dieser Musikgattung nebst Begleiterscheinungen hat. Alles ist erlernbar und in der Musik dazu noch vollumfänglich erlebbar.


Um den allergrößten Irrtum im Vorwege aufzuklären: Man braucht ganz sicher kein Experte und kein eingenordeter Operngänger sein, um in den Genuss einer Vorstellung zu kommen. Auch muss man nicht zu den oberen Zehntausend gehören, einer elitären Gemeinschaft beiwohnen oder gar eine fundierte musikalische Grundbildung genossen haben, damit einem Einlass in die hehren Musentempel dieser Welt gestattet wird.

 

Es ist um so vieles einfacher. Eigentlich - und das ist die simple Magie dabei - braucht es zu einem Opernbesuch nur die gehörige Portion Leidenschaft. Entweder liebt man klassische Musik oder man verabscheut sie bis auf´s Mark. Dazwischen liegt Niemandsland. Denn über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich weder streiten noch diskutieren. Die Meinung des Herzens allein entscheidet darüber, ob Top oder Flop.


Wenn Du also noch nie einer Opernaufführung beigewohnt haben solltest, vielleicht aber schon mal mit dem einen oder anderen klassischen Stück in Berührung gekommen bist und es Dich emotional berührt hat, der Funke womöglich sogar richtig übergesprungen ist, dann wäre es doch an der Zeit, den nächsten Schritt in eine Live-Darbietung zu wagen, denn nichts ist vollkommener und erhebender, als klassischen Hörgenuss direkt und unmittelbar zu erfahren.


Die folgenden, sehr persönlichen Empfehlungen sollen Dir nun helfen, Dich ein wenig besser im Kosmos der Opernwelt zurechtzufinden und Dir im Idealfall sogar ein wenig die Manschetten vorm ersten Opernbesuch nehmen.

 

©Nicole Hacke

1. Zu spät in die Vorstellung. Was nun?


Ja, das ist tatsächlich ein Dilemma. Denn wer zu spät zum ersten Akt erscheint, der muss leider für die Dauer desselben draußen im Foyer der Oper warten bis zur ersten Pause geläutet wird. Das ist zum einen verlorene Zeit, die man wartend totschlagen muss, ohne davon irgendeinen Mehrwert zu generieren und zum anderen äußerst ärgerlich, da man erst zum Folgeakt in die Handlung und die musikalische Geschichte eintauchen kann. Völlig aus dem Kontext gerissen, muss man sich dann irgendwie in das Thema des Opernstücks reinfuchsen. Das ist unschön, anstrengend und letztendlich auch schlichtweg unnötig.


Daher mein Tipp: immer etwa eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn in der Oper aufschlagen, genügend Zeit für die Fahrtdauer mit den öffentlichen Verkehrsmittel einplanen, damit man nicht in einen Stau gerät oder von anderweitigen unvorhersehbaren Ereignissen ereilt wird. Bestenfalls kommt man sogar schon eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn in die Oper, gönnt sich noch ein paar kleine Häppchen oder einen Drink und startet dann entspannt und gut eingestimmt in das bevorstehende Opernspektakel.

 

2. Wo sitze, sehe und höre ich am besten?


Für die Sparfüchse unter uns oder für diejenigen, die nicht mal so eben lockere 100, 200 oder schnappatmungswürdige 300 Euro für eine Opernkarte in den begehrten vorderen Reihen berappen können, sind die Ränge und vorzugsweise sogar die Galerieplätze die allerbeste Wahl für ein klangliches Genusserlebnis, insbesondere da sich von dort oben Orchesterklang und Gesang am intensivsten entwickeln, beziehungsweise entfalten können.

 

Und mit viel Glück macht man in den entsprechenden Preiskategorien ab 100 Euro abwärts, einen guten Deal, der in jedem Fall ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis verspricht. Es ist pure Einbildung zu glauben, dass im Parkett, in den vordersten Reihen sitzend, ein ästhetisch schöneres Klangbild erzeugt wird als anderswo. Sicherlich ist man von dort näher am Geschehen dran, doch die Wucht, mit der einem die 100 und mehr Dezibel eines Orchesters um die Ohren fliegen, ist anstrengend für das Gehör und kann frustrierend für den musikalischen Gesamteindruck sein.

 

Außerdem hat man von oben aus den Rängen und der Galerie einen fantastischen Überblick auf das Gesamtbild der Bühne, wohingegen man im Parkett seinen Blick immer wieder von links nach rechts und Vice versa schweifen lassen muss, je nachdem, wo die Darsteller gerade schauspielern. Ich sage nur: Sehr anstrengend, zumal einen die Oper mindestens drei Stunden an den Sitzplatz fest kettet.

 

©Nicole Hacke

3. Klatschen! Zu früh, zu spät, lieber gar nicht oder einfach abwarten?


Gute Frage! Wer noch nie in der Oper war und mit den Gepflogenheiten eines Opernbesuchs, der Etikette und den allgemeingültigen Reglements einer Aufführung nicht vertraut ist, folgerichtig daher auch nicht wissen kann, wann es angebracht ist zu applaudieren, der wartet besser ab, was die Mehrheit tut und wann sie es tut. Manchmal möchte man zu gerne aus purer Freude und Euphorie laut klatschend seine Begeisterung bekunden.

 

Nur mitten im Akt das Schauspiel stören, kommt selten gut, denn es unterbricht die Handlung und den musikalischen Fluss. Also heißt es, warten bis der erste Akt vorbei ist und alle unisono lautstark in eine Klatschorgie einstimmen.


Sicherlich können im Einzelfall auch Ausnahmen die Regel bestätigen. Doch kommt das äußerst selten vor und wenn, dann nur, wenn Weltstars wie Jonas Kaufmann oder Anna Netrebko das Publikum zum Beben bringen. Dann ist es durchaus schon mal üblich, dass direkt nach einer bekannten, besonders mitreißend vorgetragenen Arie der Applaus geschlagene 20 Minuten anhält und als Aufforderung zur Wiederholung derselben verstanden werden muss. Aber wie gesagt, ein Dauerapplaus ist genauso unüblich wie das Wiederholen einer Arie während der laufenden Opernvorstellung.

 

4. Studium des Opernführers! Notwendig oder vernachlässigungswürdig?


Es kann nie schaden, sich vor einem drei oder mehrstündigen Opernmarathon schlauzumachen was gespielt wird. Welcher Komponist das Werk vertont hat, aus welcher Epoche es stammt, ergo, welcher Musikstil dem Werk zugrunde liegt, und worum es in dem musikalischen Schauspiel überhaupt geht. Das erleichtert einem während der Opernvorstellung den direkten Einstieg in die Handlung, was mich direkt und ohne Umschweife zur nächsten Frage überleiten lässt:


5. Mitlesen der Untertitel während der Vorstellung! Ja oder Nein?


Das ist nicht unbedingt und vielleicht auch gar nicht so empfehlenswert. Besucht man dieselbe Vorstellung mehrmals, scheint es legitim sich bei der ersten Aufführung von den Untertiteln durch die Handlung führen zu lassen. Nur muss einem dann klar sein, dass man, während die Augen zum Mitlesen auf den Untertiteln kleben, das eigentliche Spektakel auf der Bühne gar nicht wirklich miterlebt. Diese Form der Ablenkung ist schlecht, da die Konzentration auf Musik und Schauspiel deutlich zu kurz kommt.


Mein Tipp: Grob die Handlung im Opernführer oder im Programmheft studieren und sich dann voll und ganz nur auf das musikalische Schauspiel, die Akteure, das Orchester und das Bühnenbild konzentrieren. Aus den szenischen, darstellerischen und musikalischen Zusammenhängen, ergibt sich oftmals das perfekte Gesamtbild, das mehr Aussagekraft besitzt als die wortwörtlichen Monologe und Dialoge zum Gesamtverständnis aufbieten können. Letztendlich verkörpert die Oper ein ganz großes Gefühl und Gefühle werden nicht immer nur von Worten dominiert, sie werden vielmehr über Emotion, Klang und Ausdruck vermittelt.

 

Nicole Hacke

6. Mit welchem Opernrepertoire fange ich an?

 

Es wäre vermessen und fast schon fahrlässig, sich direkt auf das schwere deutsche Opernfach zu stürzen. Wahrscheinlich wäre das sogar ein zu großer Stolperstein, der die ersten zarten Gehversuche auf unbekanntem musikalischen Terrain sofort wieder zunichtemacht.


Daher sollte man sich als Klassik Newbie zuerst an die leicht zu verdauende Kost im großen unübersichtlichem Klassikuniversum herantasten. Empfehlenswert sind sogar zu Beginn die leichteren Operetten und Salonklassiker aus der Zeit um Mitte des 19. Jahrhunderts. Johann Strauß, Franz Lehár oder Emerich Kálmán, um nur einige Komponisten der damaligen Zeit zu benennen, sind in diesem Fall eine ganz besondere Empfehlung wert, da sie spritzige, flotte und unverschämt "Gute-Laune-Musik" komponiert haben, die eingängig und melodiös in eigentlich jeden Gehörgang vordringt.


So gesehen, zäumt man mit dieser Herangehensweise das sprichwörtliche Pferd von hinten auf und bahnt sich behutsam so seinen Weg von der leichten zur immer schwereren Muse. Von der Unterhaltungsmusik der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück zu den italienischen und französischen Opernklassiker, landet man dann irgendwann zwangsläufig beim schweren Wagner-Fach, dem man sich dann stellen kann oder aber auch nicht. Alles kann, nichts muss!


Anbei eine kleine unverbindliche Auswahl meiner Klassikfavoriten, die in der Reihenfolge von 1. bis 10, ergo von leicht nach schwer, verstanden werden sollen:


1. Die lustige Witwe - Operette von Franz Lehár
2. Die Fledermaus - Operette von Johann Strauß
3. Andrea Chénier - italienische Oper von Umberto Giordano
4. La Traviata - italienische Oper von Guiseppe Verdi
5. La Forza del Destino - italienische Oper von Guiseppe Verdi
6. Tosca - italienische Oper von Giacomo Puccini
7. La fanciulla del West - italienische Oper von Giacomo Puccini
8. Die Meistersinger von Nürnberg - deutsche Oper von Richard Wagner
9. Parsifal - deutsche Oper von Richard Wagner
10. Otello - italienische Oper von Guiseppe Verdi

 

©Nicole Hacke / Programmhefte der Bayerischen Staatsoper

7. Garderobe: Etikette wahren - Ja oder Nein?

 

Ich bin der Überzeugung, dass man sich in Abendgarderobe uneingeschränkt wohlfühlen sollte. Auch dann oder sogar gerade dann, wenn man in die Oper geht.

Wer sich also höchst unwohl in einem Kleid und Pumps fühlt, mit einem Anzug und Fliege überhaupt nichts anfangen kann, der darf sicherlich auch mit einer bequemen Hose und flachen Schuhen in die Aufführung gehen. Es muss nie und in keinem Fall die ganz große Abendgarderobe oder gar ein Ballkleid sein. Oftmals ist Understatement besser, was aber nicht bedeutet, dass man in legeren, ausgetragenen Jeans und Turnschuhen in der Oper aufschlagen sollte.

Sicherlich kann man das tun, aber zollt man sich selbst gegenüber Respekt damit? Ist es nicht viel angenehmer, wenn man sich optisch ein wenig Mühe gibt und dem "feierlichen" Rahmen entsprechend ein gepflegtes Erscheinungsbild an den Tag legt.

Niemand kann gezwungen werden, sich in eine Kostümierung zu zwängen, die nicht der eigenen Persönlichkeit entspricht. Schließlich machen das schon die Darsteller auf der Bühne und das entschuldbarerweise sogar noch berufsbedingt.

Wir hingegen sollten mit Vergnügen auf den bevorstehenden Opernabend hinfiebern. Es sollte uns daher geradezu Spaß machen, mal anders als im Alltag, optisch ein bisschen zu strahlen. Die Entscheidung, was man aus sich macht, ist allerdings jedem selbst überlassen.

 

8. Trockene Kehle, Hustenattacken. Wie vermeide ich es, die Vorstellung zu stören!

 

Wir sind leider nicht immer vor Erkältungen gefeit. Doch sie überkommen uns meistens dann, wenn wir zu einer Opernvorstellung wollen. Hustenbonbons können da ungemein helfen. Ganz oft erlebe ich in der Winterzeit die dollsten Hustenarien, die lautstark und hartnäckig durch die Konzertsäle der Nation widerhallen. 

Für die Betroffenen ist es unangenehm, lästig und sogar ein wenig peinlich. Für die hoch konzentrierte Zuhörerschaft hingegen eine nervige Belästigung, die als hochgradig störend empfunden wird.

Wer es also vermeiden möchte, seinen Sitznachbarn oder sogar das ganze Konzert mit unmusikalischem Lärm zu belästigen, der steckt sich am besten Hustenbonbons ein. Meistens bekommt man so die Reizattacken halbwegs in den Griff. Und wenn man dann doch einmal Husten muss, kann man nur hoffen, dass die anderen es einem nachsichtig verzeihen.

 

©Nicole Hacke

9. Der Toilettengang: eine unterschätzte Notwendigkeit!

 

Möchten wir das jetzt wirklich wissen und gehört dieses Thema in die Oper? Oh, ja! Da gehört es tatsächlich hin, denn wer eine schwache Blase hat, unterschätzt häufig sein "Aufhaltevermögen". Eine Oper ist lang, die einzelnen Akte dauern ca. 1 Stunde. Und das kann eine sehr, sehr lange Zeit sein, wenn man fast schon schweißgebadet und verkrampft auf seinem Stuhl hin und her rutscht und innerlich betend nur noch darauf wartet, dass der Akt so schnell wie möglich zu Ende geht.

In dem Moment, wo wir die Sekunden und die Minuten zählen und inständig darauf hoffen, dass das Schauspiel auf der Bühne nun endlich durch die herbeigesehnte Pause unterbrochen wird, sind wir unfähig, die Vorstellung mit Genuss zu erleben. Total abgelenkt hibbeln wir nervös auf unserem Sitz auf und ab und halten es kaum noch aus.

 

Daher kann es absolut helfen, wenn man regelmäßig, in jeder Pause oder sogar bereits vor Beginn der Vorstellung mal für "kleine Mädchen" oder "kleine Jungs" um die Ecke verschwindet.

 

Ansonsten muss man im schlimmsten Fall sogar während der laufenden Vorstellung den Konzertsaal verlassen, stört damit seinen Sitznachbarn und hinterlässt einen bleibenden, nicht besonders guten Eindruck, mal ganz abgesehen davon, dass man einen Teil der Handlung verpasst. Das wäre doch äußerst schade, oder?

 

Habt Ihr nun eine Idee bekommen, wie so ein perfekter Opernabend für Euch aussehen kann oder macht ihr doch lieber einen Rückzieher? Ich kann Euch tatsächlich beruhigen. Es wird wirklich alles nur so heiß gegessen, wie es auch geköchelt wird. Oper macht ungemein Spaß und mit den Tipps, die ich Euch mit diesem kleinen Leitfaden an die Hand gegeben habe, wird so ein Opernbesuch sogar ganz fantastisch, was sage ich: grandios! Traut Euch einfach!

 

Eure

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