Die OPer ist tot, es lebe die Oper! Eine fetzige Rusalka in der Staatsoper unter den Linden

12. Februar 2024

Rubrik Oper

©Gianmarco Bresadola

Es ist an diesem verregneten Februarabend, als hat die Staatsoper Unter den Linden den Ruf gehört, Oper müsse sich verjüngen, um zu überleben und junges Publikum zu gewinnen.

 

Nicht nur gehört, mitnichten. Nein, diese Rusalka «fetzt» - anders kann man das gar nicht ausdrücken – und tut genau das, was Oper soll: Sie packt, reißt mit, spiegelt unsere Zeit, bringt zum Nachdenken und ist dabei noch hochgradig unterhaltsam.

 

Von Heike Franke

 

Als Antonín Dvořák 1900 seine romantische Wasserwesen-Oper „Rusalka“ komponierte, war es mit der Romantik eigentlich schon vorbei, die Wasserwesen nunmehr zu Symbolen oder auslaufenden Jugendstilranken verkommen.

 

Und so lässt es sich gut vorstellen, dass er auf diese Produktion mit einem Schmunzeln von seiner Wolke schaut. Auch musikalisch hielt sich Dvořák zwar hier und da noch an seiner bewährt böhmischen Ausprägung fest, drang aber eben auch ins Impressionistische vor und wagte gar Wagner’sche Wucht.

 

©Gianmarco Bresadola

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Im Graben liest Robin Ticciati bei seinem Hausdebüt Dvořáks Partitur modern, winkt die reaktionären Nationaltöne eher durch, zaubert behutsam eine Märchenwelt mit viel Rücksicht auf die Sänger:innen und erzählt die Geschichte so auf der orchestralen Ebene wunderbar passend zu

Gesang und Regie.

 

Ein besseres Fundament könnte es kaum geben.

 

Von Beginn an schleudert uns Kornél Mundruczó (Inszenierung) im Team mit Monika Pormale (Bühnenbild, Kostüme) mitten in die Berliner Gegenwart in einem Mietshaus.

 

Das WG Badezimmer wird von Rusalka okkupiert, was ihren drei jungen Mitbewohnerinnen nicht die Partylaune verdirbt.

 

Der Langzeitstudent „Wassermann“, ein trottelig anmutender Geselle, taucht immer mal wieder auf. Die Nachbar:innen sind so illuster, wie das typische Berlin es hergibt: Eine Esoterikerin, ein Hipster, dessen reiche Eltern, die im Penthouse leben.

 

Und dann gibt es noch den Keller, in den Rusalka verstoßen wird. Die zeitlose Märchengeschichte wird so zur Erzählung über die sozialen Herausforderungen unserer Zeit. Und das auf eine Art, dass jede:r darin finden kann, was ihn oder sie gerade besonders bewegt:

 

©Gianmarco Bresadola

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Haben wir es mit einer Coming-of-Age-Erzählung zu tun? Geht es um den Abgrund zwischen Arm und Reich? Studierende und Hipsters?

 

Queeres Leben? Oder alles zugleich?

 

Um eines geht es ganz gewiss: Um den zentralen Punkt der vor 124 Jahren geschriebenen Rusalka. Um das wohin gehöre ich? Und kann ich dazugehören?

 

Damit erzählt diese Inszenierung die eigentlich gar nicht so märchenhafte Ur-Geschichte, die heute aktueller denn je ist und in der sich das junge Publikum wiederfinden und das ältere ein wenig mehr Verständnis für die Jungen entwickeln kann, auf eine bewegende, launige und vor allem frische Art und Weise.

 

Die Symbolkraft von Bühnenbild und Inszenierung lehnt sich dabei zum Märchenhaften, bisweilen Phantastischem, das Dvořáks Rusalka so gut steht:

 

Das ewig lange schwarze Tuch mit den unschuldig spielenden Kindern am Meer, das aus dem Wandbild im Penthouse erscheint und sich um den Hals des Prinzen wickelt, das Wasser in der Badewanne, das im Video schwarz wird, Rusalka selbst, die sich plötzlich als glatzköpfiger Killer-Aal aus ihrem Badewannen-Zuhause windet und über die Bühne gleitet.

 

Das alles geschieht in diesem allzu realen Mietshaus als hätte Mundruczó seine helle Freude daran, das Publikum so durch die eigene Lebendwirklichkeit zu jagen, dass man nicht mehr sagen kann, was wahr, was Traum ist.

 

©Gianmarco Bresadola

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Auch die Identität der Personen spielt mit ihrer Bedeutung: Rusalkas (Christiane Karg) schmale Figur und eher kleine, metallische Stimme stehen für das, was im Grunde nirgendwohin passt – nicht in die WG-, nicht in die Penthouse-Gesellschaft und nur bedingt in die romantische Oper. Jedoch:

 

Chapeau, Christiane Karg! Dieses gesangliche anspruchsvolle Rollendebüt in einer nicht wirklich geläufigen Sprache verlangt der Sopranistin wahrhaft viel ab. Allein schon die unglaubliche körperliche Leistung, die sie erbringen muss, hat es in sich.

 

Wie sie zwischen den Charakteren hin und her geschubst wird, wegläuft, krabbelt, kriecht, sich zum Schluss in diesem riesigen Killer-Aal-Kostüm durch das komplette Bühnenbild windet – nein, ich möchte nicht mit ihr tauschen.

 

Des Prinzen (Pavel Černoch) an die Wärme eines Baritons erinnernde Stimme ist nicht unbedingt charakteristisch für die hohen Lagen, die Dvořák dem Tenor zumutet, aber zum unentschlossenen Hipster im Berliner Hochhaus passt das dann doch.

 

Die Bösen, die esoterische Nachbarin Ježibaba (Anna Kissjudit) und die erotisch handfeste Fremde Fürstin (Anna Samuil), wenn auch oder gerade weil stark klischiert, sind in ihren Profilen prägnant und schillernd.

 

Vor allem Anna Kussjudit ist in solch eindrucksvoller, stimmgewaltiger Form, dass sie die – wenn auch wichtige, so doch – Nebenfigur zum heimlichen Star des Abends macht. Ihre Ježibaba kommt daher wie eine ruppige Hip-Hop-Gangsta-Queen, und allein schon die Spiellust, mit der sie mit Fischen um sich wirft, da möchte man am liebsten auf die Bühne springen und mitmachen.

 

Mühelos singt Kissjudit quer durch alle Register ihres kraftvollen Alts, zeigt Mut zu hässlichen Nuancen und das Feuer ihrer vielfältigen Stimmfarben. Definitiv ein Name, den man sich merken muss.

 

©Gianmarco Bresadola

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Der Wassermann, eigentlich gesungen von Mika Kares, wirkt mit Bronchitis «nur» als Darsteller an diesem Abend. Für mich als Sängerin wirft das die Frage auf, ob das nötig ist, atmet er doch dabei die Kolleg:innen auf der Bühne an.

 

Den Gesang übernimmt für ihn Tomas Posio von der Seite, stimmlich präsent, aber der Charakter selbst bleibt in dieser Kombination blass und zu unbedeutend für die eigentliche Rolle.

 

Bei all dem könnte man Mundruczó also eine schwache Figurenhierarchie vorwerfen. Das wäre aber kurzsichtig, denn es ist eher konsequent zur Inszenierung und erweitert sie um die Frage, wer ist wirklich schwach, wer stark?

 

Und das passt ganz hervorragend zum eigentlichen Geniestreich dieser Produktion, es dem Publikum zu überlassen, mit welcher Gegenwartsthematik es sich konfrontiert sehen will.

 

Zum Schluss gibt es mehr als gerechtfertigte Bravo Stürme zu Standing Ovations und ein bestens gelauntes Publikum beim Verlassen des Hauses.

 

Als Fazit bleibt: Diese Rusalka sollte man sich nicht entgehen lassen. Und wenn man im Umfeld junge Menschen hat, die jede Einladung zum Opernbesuch ausschlagen, weil Oper zu «verstaubt» und «langweilig» ist, dann packe man sie am Kragen, zerre sie da hinein.

 

MUSIKALISCHE LEITUNG

Robin Ticciati

 

INSZENIERUNG

Kornél Mundruczó

 

 

 

DRAMATURGIE

Kata Wéber , Christoph Lang

 

RUSALKA

Christiane Karg

 

PRINZ

Pavel Černoch

 

FREMDE FÜRSTIN

Anna Samuil

 

WASSERMANN

Mika Kares

 

JEŽIBABA

Anna Kissjudit

 

HEGER

Adam Kutny

 

KÜCHENJUNGE

Clara Nadeshdin

 

ERSTE ELFE

Regina Koncz

 

ZWEITE ELFE

Rebecka Wallroth

 

DRITTE ELFE

Ekaterina Chayka-Rubinstein

 

JÄGER

Taehan Kim

 


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