Klassik-Highlights Juli 2022

01. August 2022

Rubrik Oper

©Nicole Hacke / Operaversum

Es gibt Klassik-Monate, die sind einfach zu schön, um wahr zu sein. In solchen Phasen braucht es dann meistens auch gar keine so überdurchschnittlich hochsommerlichen Temperaturen, um musikalisch auf "Hochtouren" zu kommen.

 

Die richtigen Kulturstätten, Open Air Events an einzigartigen Schauplätzen und Opernsänger, die mit ihrem Repertoireangebot nicht nur den perfekten Ton zu romantischer Stunde treffen, sondern einfach durch ihr musikalisches Vollblutcharisma ihr Publikum so dermaßen mitreißen, dass einem auch an verregneten, stürmischen und unwetterverdächtigen Konzertabenden unter freiem Himmel trotz allen Regenbras ganz warm ums Herz wird, bilden den höhepunktreifen Abschluss musikalischer Delikatessen.

 

Im Zeichen der Operette, der so leichten und doch so schwierig zu interpretierenden Muse stand der Juli 2022 ganz eindeutig. Ob es tatsächlich an den deutschlandweit lauen bis hitzeschlagintensiven Sommerabenden lag, die bei grillenzirpender Untermalung und einem Gläschen Wein selbst auf der eigenen Terrasse für südeuropäisches Flair ganz ohne Sehnsuchtsgedanken genossen werden konnten.

 

Oder ob es einfach damit zu tun hatte, dass sich dieser Sommer überhaupt mal wieder so richtig frei anfühlen durfte, ganz ohne Restriktionen, ganz ohne nervenaufreibende Auflagen und insbesondere ohne den limitierenden Firlefanz, der das Konzertieren an außergewöhnlich Standorten in den vergangenen zwei Jahren oftmals schwer bis fast unmöglich gemacht hat.

 

Mir jedenfalls entging in diesem Juli kaum ein Open-Air Event, das das Gütesiegel "Sommernachtstraum", "Romantische Ariennacht" oder "Operette unterm Sternenzelt" getragen hat.

 

Angefangen mit Piotr Beczalas Auftritt in der Hamburger Elbphilharmonie, der noch etwas verhalten, um nicht zu sagen zurückhaltend in die Umlaufbahn der beschwingten walzerseligen Sommernachtsträume entglitt, entfaltete sich das Potenzial des polnischen Operettenkönigs just zum Dahinschmelzen bei süffig satten Walzermelodien vor wildromantischer Kulisse am österreichischen Traunsee.

 

Zusammen mit der südafrikanischen Sopranistin Erica Eloff, die sich in ihren sprühend funkelnden Koloraturfeuerwerken verausgabte, schwappte ein mehr als glückseliger Zauber walzerseliger Freuden auf das Publikum über.

 

Und auch Nikola Hillebrand und Daniel Schmutzhard verzauberten ihr Publikum beim Prater-Picknick in Wien. Obgleich der eigentliche Show-Gig aufgrund eines heftigen Sturmtiefs ins Wasser fallen musste, hatte der ORF bereits bei der Generalprobe mit einer Aufzeichnung im Kasten vorgesorgt, die sich absolut Sehen und Hören ließ.

 

Augen und Ohren gingen einem jedoch ganz besonders beim Klassik Open Air in Niedersachsens Kulturhauptstadt Hannover über. Keine Geringeren als die Weltstars Charles Castronovo und George Petean sowie der Shooting Star des Abends Adela Zaharia eroberten sich mit italienischen und französischen Arienschmankerln ihr enthusiasmiertes Publikum. Vor grandioser Kulisse des Neuen Rathauses erlebte man ein unvergleichlich überragend und romantisches Event, das sich mit dem Konzept der Münchner "Oper für Alle" mehr als nur messen kann.

 

Anlass zur Freude gab auch der Startenor Jonas Kaufmann, der nach längerer covidbedingter Auszeit seine Berufung wieder aufnahm und sich bei einem Liederabend in Münchens Kulturtempel, der Bayerischen Staatsoper, die Emotionen gesangsgewaltig aus dem Leib riss.

 

Dass da aber noch mehr ging und die Latte der musikspektakulären Highlights damit noch nicht hoch genug gesetzt war, zeigte Tenorissimo Kaufmann bei seinem sommernachtstraumverdächtigen Arien- und Operettenabend im bayerischen Seelendorf Benediktbeuern.

 

Im lauschigen Innenhof der Klostermauern ging es weder fromm noch sittsam zu, sondern vielmehr stürmisch, aufbrausend und mit einer gehörigen Prise Improvisationsgeschick. Kaufmann zeigte nämlich bei all den aufkeimenden Pleiten und Pannen sein großes Potenzial als versierter Entertainer, der sich mit Charme, ohne Schirm und melodiösen Sahneschnitten an der Seite seiner zauberhaften Gesangspartnerin Rachel Willis-Sørensen durch den mehr als unwetterdurchwachsenen und pannenbehafteten Abend auf eine ausgesprochen humorvolle Art manövrierte.

 

Während der US-Amerikanische Tenor Charles Castronovo noch am Vorabend an der Bayerischen Staatsoper als Rodolfo in La Bohème brillierte und sein Publikum mit seiner zutiefst emotional greifbaren Interpretation eines verzweifelt liebenden Mannes zu tränen rührte, widmete ich mich zwischenzeitlich noch zwei besonderen Themengebieten:

 

"Die polarisierende Macht der modernen Opernregie" und "Wenn Stimmakrobatik und Vokalerotik miteinander konkurrieren und das Hohe C zum Aushängeschild eines Tenors wird!" Beides Themen, die mich immer wieder beschäftigen und hoffentlich auch ihr Interesse wecken werden.

 

Und nun ganz viel Spaß beim Lesen und Abtauchen in die wunderbaren Faszinosen der sommerlich konzertanten Open Air Genüsse.



©arp / Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmanns persönlicher Sommernachtstraum im idyllischen Kloster Benediktbeuern

Wenn es Konzerte gibt, die einem als unvergesslich, einzigartig und tatsächlich unvergleichlich in Erinnerung bleiben, dann sind es meistens die musikalischen Highlights, bei denen irgendetwas schief geht und sei es nur, dass der Wettergott einem lauen Sommernachtstraum einen gehörigen Strich durch den romantischen Abend machen will.

 

 



©Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper

La Bohème mit Charles Castronovo an der Bayerischen Staatsoper

Schwülschwülstige 29 Grad machen die winterliche Inszenierung des Allzeit-Opernklassikers La Bohème nicht gerade überzeugend.

 



©Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper

Jonas Kaufmann begeistert nach COVID-Erkrankung beim Liederabend an der Bayerischen Staatsoper

Mit einer Mischung aus hoffnungsvollen Erwartungen und ebenso leisen Bedenken, dass er vielleicht doch noch nicht fit genug für sein Konzert sein könnte, fiebert das Publikum der Bayerischen Staatsoper am heutigen Festspielabend auf den Auftritt des genesenen Jonas Kaufmann hin.

 



©Nicole Hacke / Operaversum

Der letzte Satz: Robert Seethalers persönliche Hommage an Gustav Mahler

Der letzte Satz. Manchmal ist damit alles gesagt, mit einem einzigen letzten Satz. Man klappt das Buch zu und die Geschichte ist zu Ende. Aber nein! Den letzten Satz, den der Autor Robert Seethaler in seiner ganz persönlichen Hommage an Gustav Mahler anstimmt...



©Operaversum / Fotokollage - Charles Castronovo / Jonas Kaufmann / Piotr Beczala / Juan Diego Flórez

Wenn Stimmakrobatik und Vokalerotik miteinander konkurrieren und das Hohe C zum Aushängeschild eines Tenors wird

Kennen Sie das auch, diesen Fetisch nach der perfekten Stimme, einer Stimme, die schon fast nicht mehr menschlich klingt, weil sie frei von Ecken und Kanten so...

 



©Florian Arp / NDR

Klassik Open Air der Stars mit ariosen Dolci vor spektakulärer Kulisse am Maschteich in Hannover

Ariose Dolci versüßen den sommerlich unterkühlten Abend in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover, denn starke Winde durchkämmen die hochherrschaftliche Parkanlage...

 



©Screenshot Klassikstars am Traunsee / Fidelio

Operettenmelodien zum Dahinschmelzen mit Piotr Beczala und Erica Eloff am Traunsee

Vor traumhafter Kulisse, umrahmt vom malerischen Traunsee und seiner pittoresken Berglandschaft, geben sich an einem romantischen Sommerabend Piotr Beczala und Erica Eloff...

 



©Catherine Ashmoore / Royal Opera House London

Die polarisierende Macht der modernen Opernregie

Erst kürzlich stolperte ich über ein Interview eines sehr bekannten Opernsängers, der sich so dermaßen rügend über die modernen, viel zu abstrakten, teils unplausiblen Operninszenierungen...

 



©Screenshot Fidelio / Prater Picknick

Prater Picknick mit Nikola Hillebrand und Daniel Schmutzhard

Zwei Herzen im Dreivierteltakt hat diesmal nicht der Mai, sondern das Wiener Prater Picknick zusammengebracht. Zur Eröffnung des Wiener Kultursommers lassen...

 



©Opernhaus Zürich

Dolce Vita und Walzerseligkeit mit Piotr Beczala in der Elbphilharmonie

Wer im Großen Saal der Elbphilharmonie seine Stimme hergibt, der muss entweder verrückt und äußerst wagemutig sein oder aber Piotr Beczala heißen.