Klassik-Highlights Mai 2022

03. Juni 2022

Rubrik Oper

©Nicole Hacke / Operaversum

Hamburg meine Perle! Musikalische Perlen hatte die Hansestadt diesen Mai tatsächlich zuhauf anzubieten. Im Rahmen des "Internationalen Musikfestivals", das den etwas verregneten Mai zu tonalen Lichtblicken verhalf, servierte die Elbphilharmonie harmonische Güsse, die in diesem ganz speziellen Fall gerne noch etwas heftiger, stürmischer und orkantiefer hätten ausfallen können.

 

Direkt vor meiner Haustür und endlich mal nicht ausgebucht, ergatterte ich für die Elphi auch kurzfristig noch Tickets für exquisite und begehrte Orchestralwerke und Solistenabende, die man sich noch vor wenigen Jahren hätte komplett abschminken können.

 

Ausgebucht! Und zwar ständig. So wurde man als "Einheimischer" von den herbeiströmenden Touristenmassen abgehängt und aus dem erlauchten Musentempel bis auf Weiteres und im schlimmsten Fall auch bis auf unbestimmte Zeit verdrängt.

 

Nicht so dieses Jahr!

 

Mit der elitären und seltenheitswertigen Qual der Wahl, sich endlich mal ganz genüsslich im Online-Ticket-Shop die besten Plätze aussuchen zu können, stöberte ich lange und zeitintensiv im Saalplan herum, bis ich mir stolz und voll antizipatorischer Vorfreude vier Konzerte meiner Wahl herauspickte, von denen ich mutmaßte, dass sie mir besonders gut gefallen könnten.

 

Na bitte! Nun würde auch ich schlussendlich zu meinem Recht auf Musik kommen. Und das ganz ohne groß angelegte Umwege in weit entfernte Festival-Regionen in Kauf nehmen zu müssen.

 

Einmal nicht Reisen müssen und dafür ganz entspannt in der eigenen Stadt renommierte Künstlerinterpreten erleben dürfen - das gefiel mir zur Abwechslung ganz ungemein.

 

Angefangen mit der großartigen Rachel Willis-Sørensen, die in einer konzertanten Rusalka des Komponisten Antonín Dvořák unter der musikalischen Leitung von Alan Gilbert vokal glänzte, erlebte ich eine zwar sehr undifferenzierte und wenig direkte Akustik, dafür aber einen musikalisch süffigen und berauschenden Abend, der vor märchenhaft irisierender Klänge nur so überschwappte.

 

Wenige Tage später dirigierte Andris Nelsons sinfonische Werke des alpenländischen Komponisten Richard Strauss. Ebenfalls mit einem gesanglichen Intermezzo der "Vier letzten Lieder" versehen, betörte Rachel Willis-Sørensen als Einspringerin für die erkrankte Lise Davidsen ihr Publikum.

 

Auf Du-und-Du mit dem peruanischen Belcanto-König Juan Diego Flórez wurde die Laeiszhalle zu einem Tempel musikalischer Freuden. Mit Rossini, Donizetti und ausgewählten Verdi-Klassikern heizte der vollblütige Opernsänger dem Publikum im halb leeren Saal gehörig ein.

 

Fast merkte man gar nicht, wie gähnend die Leere tatsächlich war, denn mit einem Zugabenpotpourri aus mitsummenswürdigen Kantilenen begleitete Flórez sich selbst auf der Gitarre und animierte sein frenetisch applaudierendes Publikum sogar zum Mitsingen. "Guantanamera" kann ich da nur sagen oder besser gesagt: singen!

 

Während Jonas Kaufmann sich im australischen Melbourne einer groß angelegten Inszenierung von Wagners Lohengrin hingab und gesottene Ticketpreise zum guten Ton avancierten, ließ ich mir für schlappe 25 Euro den aufsteigenden Stern am Sopranistinnenhimmel nicht entgehen.

 

Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie überstrahlte die litauische Asmik Grigorian alle und alles. Mit Rachmaninow-Liedern, die man selten zu hören bekommt und ebenso selten in russischer Sprache ausdrucksstark und besonders gefühlsbetont interpretiert weiß, sang und siegte Grigorian zusammen mit ihrem russischen Liedbegleiter Lukas Geniušas auf ganzer Linie.

 

Und wenn man mich jetzt noch fragen würde, ob ich denn wunschlos glücklich gewesen sei bei all den musikalischen Superlativen, fiele mir gerade noch ein Herzensthema ein, das ich unbedingt auch noch im Wonnemonat Mai loswerden möchte:

 

Mit "Welchen Tenor hätten Sie denn gerne" habe ich mich daran versucht, auf unterhaltsame Art und Weise mehr Licht in den dunklen, unübersichtlichen Tenor-Dschungel zu bringen.

 

Und wissen sie was?

 

Ich kann ihnen keine Empfehlung geben, auch wenn ich immer wieder danach gefragt werde, welchen der hohen C-Ritter man sich denn nun tatsächlich anhören müsse.

 

Ausprobieren, durchprobieren, kann ich da nur sagen. Es ist nämlich wie mit den kulinarischen Genüssen, von denen Hamburg beispielsweise auch eine allererste und für mich beste Adresse hat: das Fontenay!

 

Und genau wie das Fontenay gibt es auch den einen superlativistischen Tenor.

 

Aber vielleicht ist das Fontenay nicht unbedingt jedermanns Sache. Empfehlungen sind eben auch nur Empfehlungen. Vorlieben und Präferenzen muss man sich daher leider Gottes immer ein ganz großes Stück selbst erarbeiten.

 

Aber dann findet am Ende auch jeder das, was er sucht. Und bestenfalls auch seinen Lieblingstenor.

 

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Stöbern, Lesen und Inspirieren lassen! Auf dass der passende Tenor schon bald um die Ecke gesungen kommt.



©Daniel Dittus

Asmik Grigorian sorgt in der Elbphilharmonie für Beifallsstürme

Vielleicht zählt Asmik Grigorian mit Anfang vierzig tendenziell eher zu den Spätzünderinnen unter den Shooting-Stars der Opernbranche. Gewiss ist jedoch, sie hat gezündet. Und zwar bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2018.

 



©Jeff Busby

Der derzeit teuerste Lohengrin am Melbourne Arts Centre: Jonas Kaufmann

Wer sein australisches Debüt in einer hochangelegten Bühnenproduktion von Wagners Lohengrin live und unplugged miterleben will, muss dieser Tage für den "hottest tenor in town"...

 



©Marco Borelli

Juan Diego Flórez reisst sein PUblikum in der Laeiszhalle schier vom Hocker

Wenn an diesem Abend des 21. Mai 2022 irgendjemand auch nur irgendetwas reißt, dann der peruanische Tenor Juan Diego Flórez, der in der Laeiszhalle in Hamburg...

 



©Marco Borggreve

Andris Nelsons Dirigiert und die Elbphilharmonie bebt bei süffig satten Strauss Klängen

Gefreut hatte ich mich auf ein konzertantes "First-Date" mit der norwegisch statuesquen Lise Davidsen, die just an diesem Abend die Vier letzten Lieder des Komponisten Richard Strauss...

 



©Operaversum Photocollage

Welchen Tenor hätten sie denn gerne?

"Welchen Tenor hätten Sie denn gerne? Den dunkelsamtig timbrierten, den metallisch hell klingenden oder den mit der heroisch vokalen Strahlkraft?" Was für eine Frage, denke ich. "Natürlich den dunkelbraun gelockten, den mit der baritonal eingefärbten schokoladensatten...

 



©Jan Reuter / Elbphilharmonie Hamburg

Rachel Willis-Sørensen rockt als Rusalka die Elbphilharmonie

Meerjungfrauen küssen besser oder aber sie singen so verzaubernd schön wie die derzeit umjubelte und stark gefeierte Sopranistin Rachel Willis-Sørensen.

 



©Nicole Hacke / Operaversum

Hamburg kulinarisch: Gourmeterlebnis für alle Sinne im fontenay

Als ich die letzten Stufen zur Dachterasse des Hotel George nehme und freudig die Tür zur Open Air Bar aufstoßen will, werde ich bitter enttäuscht. Die Tür lässt sich nicht öffnen. Sie ist verschlossen. Irritiert mache ich mich auf den Weg zurück nach unten in die Hotellobby...

 



©Screenshot Europakonzert 2022

Ein Europakonzert mit Tiefgang: Kiril Petrenko und Elīna Garanča stimmen nachdenklich

Aus einem Tanz in den Mai wird beim diesjährigen Europakonzert in der lettischen Hafenstadt Liepaja leider nichts. Viel zu Ernst ist der Anlass, für den die Berliner Philharmoniker...

 



©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Spielzeitpräsentation 2022/2023 an der Wiener Staatsoper

Nach der Spielzeit ist immer auch vor der Spielzeit. Es ist quasi ein offenes Konzept, das Saison für Saison immer wieder neu definiert wird und auch an der Wiener Staatsoper zu andersartigen musikalisch-szenischen Experimenten einlädt.

 



©Screenshot Leeds Lieder Festival / Live-Übertragung

Nikola Hillebrands debütiert beim Leeds Lieder Festivals

Liederabende sind, seit ich sie zum ersten Mal vor einigen Jahren live erleben durfte, die musikalisch intimsten Ereignisse, die anders als das tragödienreiche Musiktheater, deutlich tiefer und ergreifender in der Seele des Hörers nachwirken können.

 



Kommentare: 0