plätzchen backen mit jonas kaufmann...schön wär´s!

STATTDESSEN WERBETROMMEL RÜHREN AUF HSE24

13. DEZEMBER 2020

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Nicole Hacke / Zeitungsausschnitt Bunte

Was hatte ich mir eigentlich dabei gedacht, als ich just vor einer Stunde den Verkaufssender HSE24 einschaltete, um Schaulustige eines wenig geschmackvollen Werbemarathons mit dem Startenor Jonas Kaufmann zu werden?

 

Schlicht und ergreifend nicht viel, denn nachdem vor einer knappen Woche in der Zeitschrift Bunte ein festlicher Adventsabend beim Plätzchen backen mit Jonas Kaufmann und Judith Williams angekündigt wurde, war ich stark davon ausgegangen, eine besinnlich vorweihnachtliche Sendung mit Small-Talk, lustigen Anekdoten und musikalischen Einlagen rund um den seriösen und bodenständig erscheinenden Münchner Tenor zu erleben.

 

Stattdessen ging ich einer Verkaufssendung auf den Leim, die nichts anderes im Schilde führte, als die aktuelle Weihnachts CD "It´s Christmas" und den Jonas Kaufmann Bildband in einer Auflage von jeweils 1000 Stück in nur einer Stunde an den Mann beziehungsweise an die Frau zu bringen.

 

©Nicole Hacke / Zeitungsausschnitt Bunte

Wie bei einem Countdown warf Frau Williams gespielt beiläufig mit den rasend schnell steigenden Käuferzahlen um sich, während sie ihren Talkgast mit Fragen rund um das Werbeprodukt nur so bombardierte, nicht aber ohne dabei die CD-Kompilation in übertriebener Affektiertheit immer wieder in den höchsten Tönen zu loben.

 

Steter Tropfen höhlt eben den Stein, denn nach gerade mal einer halben Stunde Sendezeit (Zeit ist schließlich Geld) schaffte es der tausendste Anrufer, das angebotene CD-Kontingent voll und ganz auszuschöpfen. Was für ein Verkaufstalent Frau Williams doch ist. Jetzt musste nur noch der Jonas Kaufmann Bildband unter die Leute gebracht werden.


Aber der schien gleichermaßen Bände für sich zu sprechen. Bereits beim Durchblättern einzelner Seiten wurde das von Williams titulierte Coffee Table Book lautmalerisch auseinandergenommen. Ein paar Deepdives in vergangene Aufführungen, hin und wieder Insiderinformationen zu vereinzelten Opernaufführungen und schwups, kurz bevor die Stunde 12, Pardon 19.00 Uhr geschlagen hatte, ward auch dieses Liebhaberstück von einer Schmachtlektüre restlos ausverkauft.


Hatte man da noch Töne? Nur eine zwitscherte munter und fröhlich weiter drauflos und füllte gnadenlos jede Lücke, die sich darbot, um noch ein wenig informativen Small Talk in die ohnehin schon konsumorientierte Sendung einzubauen.

 

©Nicole Hacke / Zeitungssauschnitt Bunte

Stark geplättet und viel zu verdattert, um mal so eben den Ausschaltknopf an der Fernbedienung zu tätigen, ließ ich mich desillusioniert weiter berieseln - und zwar von zwei Menschen, die sich offensichtlich mit großem Vergnügen gekonnt die Verkaufsbälle nur so zuwarfen.


Alles, was ich mir an vorweihnachtlicher Besinnlichkeit erhofft hatte, war dahin. Der mehr oder vielmehr minder informative Austausch auch nur partiell interessant, obgleich er für einen Opernlaien vielleicht sehr aufschlussreich hätte sein können.


Wie man beispielsweise ohne tenorales Gebaren amerikanische Weihnachtslieder swingt, seine Stimmtechnik dabei reduzieren und die Verstärkung abdämpfen muss, um somit leicht, zart und duftig zu klingen, ist sicherlich nicht jedem, sicherlich auch nicht dem größten Musikenthusiasten geläufig.


Ob man darüber hinaus unbedingt wissen muss, dass "Maria durch ein Dornwald ging" das Lieblingslied des Tenors ist oder ob der all time Weihnachtsklassiker "Last Christmas" sich mittlerweile abgenutzt hat, steht eher zur Debatte, als dass es eine unverrückbare Feststellung des Startenors wäre.

 

©Nicole Hacke / Zeitungsausschnitt Bunte

Auch der kleine Exkurs in die Gefilde der beseelten Töne und was Musik als emotionales Ventil beim Zuhörer so alles Gute vermag, interessiert auch nur dann, wenn man den Bogen zur aktuellen Kulturkrise spannen kann, denn die kostet gerade vielen brotlosen Künstlern den existenziellen Kopf. Beseelte Töne hört man dieser Tage nämlich aus keinem einzigen Konzerthaus dieser Nation.


Wie schade auch, dass während der gesamten Sendezeit darüber so gar kein Wort fiel und der Fokus einzig und allein auf einem zentralen Thema lag: Verkaufen, was das Zeug hält!

 

So haftete der Sendung leider der schlechte Eindruck einer medial ausgeschlachteten Verkaufslitanei an, die überhaupt nichts von vorweihnachtlicher Besinnlichkeit und Sinnhaftigkeit ausstrahlte. Wo war denn bloß die von der Zeitschrift Bunte angepriesene Weihnachtsshow abgeblieben.


Auf die Frage, was einen Tenor tatsächlich definiere, tauschten sich Williams und Kaufmann kurz vor Ende der Sendung noch sehr angeregt aus. Die Aufschlüsselung:


1) ein großer Brustkorb
2) ein großer Mund
3) 90% Gedächtnis


und zu guter Letzt das gewisse Etwas im Herzen.

 

©Nicole Hacke / Zeitungsausschnitt Bunte

Na denn. Von einer herzerwärmenden Weihnachtsshow war jedenfalls nicht viel zu spüren. Dafür schien das Marketing in eigener Sache deutlich wichtiger zu sein, als dass man dem drögen Werbeformat hätte einen warmgoldenen weihnachtlichen Glanz verleihen können.

 

Solidarität gegenüber der freischaffenden Künstlerzunft oder gar moralische Verantwortung in Krisenzeiten, anstatt fortwährend mit zahlenaffiner Verkaufsjonglistik zu liebäugeln: Wären das nicht vielleicht die besseren Attribute in dieser stillen vorweihnachtlichen Zeit gewesen, um sich in die Herzen der Zuschauer zu schleichen?

 

©Nicole Hacke / Zeitungsausschnitt Bunte

Hatte Herr Kaufmann, der weltbeste Tenor, der sämtliche Konzerthäuser auf dem Globus bis auf den letzten Platz füllte und regelmäßig goldene Schallplatten und Echo-Auszeichnungen einheimste, es wirklich so nötig, sich in einer feilschenden, marktschreienden Verkaufssendung mit CD und Buch anzubieten?


Als endlich der Abspann der Sendung mit einer fröhlich winkenden Judith Williams und einem recht triumphal grinsenden Jonas Kaufmann eingeblendet wurde, nahm ich schnell die Fernbedienung und drückte die vermeintliche Weihnachtsshow ganz schnell weg. Ich hatte genug gesehen.

 

Nun war es an der Zeit endlich etwas Sinnvolles zu tun, nämlich Plätzchen zu backen!


©Nicole Hacke / Zeitungsausschnitt Bunte

Wer sich nach der HSE24-Weihnachtssendung mit Judith Williams und Jonas Kaufmann in geringfügig weihnachtliche Stimmung versetzt gefühlt hat, den kann bestimmt der Zeitungsartikel aus der Zeitschrift Bunte wieder ein wenig aufmuntern. In dem dort abgedruckten Interview von Petra Pfaller mit dem aussagekräftigen Titel "Süße Plätzchen, starke Stimmen, beste Freunde" plaudern der stimmgewaltige Tenor und die schlagfertige Unternehmerin und ausgebildete Sopranistin über das Kochen, Backen und wie sie sich kennen- und schätzengelernt haben. Dabei verraten beide das Geheimrezept für ihre langwährende Freundschaft: Leichtigkeit!

 

Und wem es dann noch in den Fingern juckt, kann sich anhand des Vanillekipferl Rezeptes nach Kaufmann Art seine Backutensilien hervorkramen und in weihnachtlicher Vorfreude kneten und herumwerkeln, was die Backlaune nur so hergibt.


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