Rubrik CD-Tipps
©Dario Acosta
Jój, jój Mama, was der alles kann! Während ich gerade noch gedanklich auf Wolke Sieben in einer filmischen Revue-Sequenz mit Marika Rökk hinfortschwebe, holt mich die warmgoldene Stimme des Ausnahmetenors Jonas Kaufmann in das "Jetzt und Hier" zurück.
Kaum zu glauben, dass sich die ungarische Operette im Jahr 2026 noch so magisch, so heil und butterseelenweich anfühlen kann. Für immer vergraben hatte ich das längst verstaubte Genre, zugetraut habe ich es sowieso nur einem einzigen Tenor: Rudolf Schock.
Von Nicole Hacke
Viel zu groß, dachte ich, wären doch die Fußstapfen, in die ganz unbekümmert am 10. April Jonas Kaufmann einfach mal so eben hineintreten wird. Was für ein Wagnis! Und dennoch: Sein neues Album mit dem verträumten Titel "Magische Töne" ist eine Sensation und verspricht ganz offensichtlich eine gelungene Zeitreise zurück in die 50er Jahre der Heimat- und Operettenfilme, von der eine ganze Nachkriegsgeneration mit viel Gefühlsduselei unwiderruflich geprägt wurde.
Tauchen wir also ab in eine "Heile-Welt-Nostalgie", in der heitere Geschichten, Sehnsüchte und vor allem die Liebe auf ein übergroßes Podest gehoben werden.
Manch einer würde dieses Repertoire als schmalzig, rührselig und pathetisch überzuckert abstempeln. Die Wahrheit dieser überaus gelungenen Kompilation aus weltberühmten ungarischen Operettenklassikern und unbekannteren Titeln liegt jedoch in der versteckten dramatischen Tiefe, die der unbekümmert wirkenden ungarischen Seele so zu eigen ist.
Farbintensive Melancholie, explosives Temperament, loderndes Herzblut und eine ungestillte, leidenschaftliche Sehnsucht, die sich sowohl durch die temporeichen als auch durch die moderaten Arien konstant hindurchträgt, prägen den Kern dieser unverwechselbaren Melodien. Weltberühmt geworden durch die Komponisten Lehár, Kálmán und Ábrahám, stehen sie schließlich dem ernsten Operngenre in raffiniert musikalischer Komplexität in nichts nach.
©Dario Acosta
©Nicole Hacke / Operaversum
Selbst der vermeintlich triefende Schmalz und die gelackt glänzende Oberfläche der musikalischen Süffigkeit werden durch die authentische Interpretation des Weltstars Jonas Kaufmann charmant aufgeraut. Wie vom Winde verweht sind die allseits bekannten, viel zu opulent aufgebauschten Orchestrierungen nebst überschwappender Emotionen.
Stattdessen wird jedes Stück auf diesem Album mit Sensibilität, musikalischem Fingerspitzengefühl und einer glaubhaften Portion Ernsthaftigkeit angereichert.
Ob Kálmáns "Komm Zigány" oder aber Lehárs "O Mädchen, mein Mädchen...", Jonas Kaufmann versteht es, seine Seelenwelt in tiefgründige Klarheit zu tauchen und dabei gleichermaßen mit Verve, Esprit und einem betörenden Klangschmelz aufzutrumpfen.
Lehárs Klassiker "Es steht ein Soldat am Wolgastrand" wird dabei zu einer besonders anrührenden musikalischen Begegnung mit dem Tenor. Wie ein Zwiegespräch, das aus einer emotional packenden Erzählung heranreift, schafft es Jonas Kaufmann die Melodie der "Engel" zu einem leisen Gebet erglühen zu lassen, bis sich seine flehentliche Bitte an Gott zu guter Letzt am Firmament, in der Einsamkeit einer unwirtlichen Nacht, verflüchtigt.
Dabei strahlt Kaufmanns Stimme immerzu aus einer leisen Innigkeit heraus. Selbstvergessen taucht der Sängerinterpret hinab in vokale Tiefen und gibt seiner Seele den Raum, den es braucht, um den Herzschmerz auf gesanglich zarten Flügeln emporzuheben.
Balsamisch mutet diese vokale Interpretation an, die zu Tränen rührt und insbesondere in dieser überraschend orchestral zurückgenommenen Fassung eindrücklich auf den Hörer wirkt.
Dirk Kaftan entzieht sich dabei konsequent einem übertriebenen, alles überstrahlenden süffig-satten Klangteppich, was dem Stück zu deutlich mehr Substanz und tenoralem Ausdruck verhilft. Weniger ist nämlich oftmals mehr. In diesem Fall trägt die dynamische Reduktion des Orchesters die tonale Erzählung samt Tenor behutsam auf Händen.
©Dario Acosta
©Dario Acosta
Doch auf Händen wird der Zuhörer sowieso getragen - und zwar durch die farbenreiche und immer ausdrucksstärker klingende Mittellage des Tenors. Mit diesem Repertoire zeigt sich zum ersten Mal seit längerer Zeit deutlich, wie einzigartig Kaufmanns bernsteinfarbenes Timbre dunkelsamtig, satt und mit einer subtilen Erotik von Arie zu Arie mäandern kann.
Auch wenn man gerne die helleren und jüngeren Tenorstimmen mit diesen Operetten in Verbindung bringen mag, so entfalten sie durch Kaufmanns saturierte Mittellage eine charaktervolle Reife, die wahrhaft klingt und sowohl glühende Leidenschaft, tiefe Sehnsucht, bittersüßen Schmerz und himmelhochjauchzende Liebe überzeugend auf einen Nenner bringt.
Ein blühender Garten ist nichts gegen die überbordend üppige Pracht, bei der es zwischen heroisch stentoraler Kraft, beseelter Zartheit und kondensierten Pianissimi dynamisch wohl austariert hin- und her changiert.
Was für ein bewegendes musikalisches Tête-à-Tête , bei dem die Seele immerzu das Wort ergreift.
Ebenso beseelt und von makelloser Schönheit mutet auch die künstlerische Darbietung der Sopranistin Nikola Hillebrand an, die sich in sechs Duetten zusammen mit dem Tenor dem Rausch der ungarischen Leidenschaft hingibt. Immerzu sprudelt es hell und von kristalliner Anmut aus der energetischen Sopranistin heraus.
So multifacettiert, wie sich das Licht der aufsteigenden Sonne im Morgentau bricht, so herrlich erfrischend und lupenrein schwingen sich die flexiblen und äußerst biegsamen Töne der Nikola Hillebrand leicht und duftig in die exponierten Register.
Es ist eine Freude, diesem balsamischen Gesang zu lauschen, in den man sich auf der Stelle verlieben muss.
©Katharina Gebauer
Nicht jede Sopranistin kann schließlich Operette dem Publikum so überzeugend und genussvoll servieren. Nikola Hillebrand jedoch ist ihre unangefochtene Königin. Und zusammen mit Jonas Kaufmann klappt es auch einwandfrei mit der Harmonie.
"Eine Harmonie... ich und Du" kann man in diesem Fall Wort für Wort unterschreiben: So perfekt vereinen sich die jeweiligen Stimmfarben der Sängerinterpreten zu einem einzigen geschmeidigen und samtigen Guss, der einem wie Honig den Gehörgang herunterläuft.
Dass das Dirigat von Dirk Kaftan ein weiterer Geniestreich ist, braucht man kaum noch erwähnen. Die Perfektion dieser musikalischen Inszenierung liegt hier eindeutig in der Wahl der Interpreten, die wirklich alles daran setzen, der ungarischen Operette eine musikalische Würze zu verleihen, die heiß und feurig im Herzen lodert, sich bis tief hinein in die Seele brennt und dort lichterloh in Flammen aufgeht.
Was wenn das mal nicht sogar die Operetten-CD des Jahres wird? Ich jedenfalls schwinge schon jetzt das Tanzbein und rufe freudig: "Ich geb´ Dir alles, was Du willst, wenn Du nur MAGISCHE TÖNE für mich spielst." (Letzteres bitte nicht zu wortwörtlich nehmen)