Kein schöner Land! Warum das Kunstlied rockt und besonders junge Sänger anlockt?

06. Dezember 2022

Feuilleton

©Nicole Hacke / Operaversum

Wenn man mir vor sechs Jahren erzählt hätte, dass es sich beim Kunstlied um einen ganz besonders edlen Vertreter der klassischen Musik handeln würde, so wäre mir niemals in den Sinn gekommen, mich auch nur eingehender mit dieser Gattung einer Nische in der bestehenden Nische zu befassen.

 

Doch es kam, wie es eben oftmals kommt. Ich wohnte einem intimen Liederabend eines weltbekannten Künstlers bei, der (wenig intim) mehr als 3000 Besucher wie die Motten das Licht in die elitären Hallen eines ebenso renommierten Konzerthauses lockte und mich am Ende des Abends tatsächlich tief beeindruckt nach Hause gehen ließ.

 

Von mir in eine viel zu verstaubte, unzeitgemäß, theatralisch überzogene und hochstilisierte Ecke geschoben, merkte ich relativ schnell, dass der Interpret auf der Bühne es bestens verstand, tiefe Gefühle zu durchdringen, authentisch und zutiefst menschlich, ohne auch nur in irgendeiner Form steif, übertrieben, gekünstelt oder gar weltfremd zu wirken. Und plötzlich hatte es mich: Das Lied!

 

Das Kunstlied in seiner vermeintlich elitären Form ist neben dem Volkslied gemeinhin massenuntauglich, so scheint zumindest der erste Eindruck. Doch hört man genauer hin und lauscht dem, was die Interpreten auf der Bühne durch das Singen persönlich zu sagen haben, merkt man relativ schnell: Wer das Kunstlied gekonnt zu interpretieren vermag, transportiert neben einer lebendigen Geschichte über die Liebe, das Leben, die Vergänglichkeit und den Tod, auch sich selbst mit samt seiner Persönlichkeit und den entsprechend geballten Emotionen.

 

Die Epoche der Romantik, in der das Kunstlied Einzug in die vielen kleinen privaten Salons der Komponisten, Mäzene und höheren Gesellschaftsschichten hielt und sich dazumal ausgesprochener Popularität erfreute, war geprägt von absoluten Widersprüchen sowie emotionalen Berg- und Talfahrten. Tiefste Melancholie und himmelhochjauchzende Freude, Leid und Leidenschaft, Gelingen und Versagen, Altes und Neues, Leben und Tod, Selbstgewissheit und Resignation machten die musikalische Weltanschauung zu einem Ort spannungsgeladener Gegensätze.

 

Bekannte Komponisten wie Schumann, Schubert, Brahms und Strauss vertonten Gedichte berühmter Poeten wie Goethe, Schiller oder Eichendorff und machten ihrem oftmals verkorkstem Seelenleben Luft, indem sie den Wortpoesien eine tonpoetisch deutlich verdichtetere Bedeutung verpassten.

 

©Operaversum / Nicole Hacke

Aus tiefster Seele heraus, frei von der Leber und mit ganzem Herzen entstanden so ganze Liedzyklen, die von Wanderschaften, verlorenem Glück, schicksalhaften Begegnungen, aufkeimender Liebe und dergleichen erzählten.

 

200 Jahre sind seitdem vergangen. Doch die Romantik lodert immer noch leidenschaftlich und irgendwie sogar ganz tief vergraben in uns Menschen. Denn der Homo sapiens ist früher wie heute immer noch an der Wahrhaftigkeit des Menschseins und seiner innigsten Gefühle interessiert.

 

Wie könnte man ansonsten plausibel verargumentieren, warum beispielsweise Schubert sich zu seiner Zeit einer Gefühlspalette bedienen konnte, die uns Menschen bis heute nach wie vor eng vertraut ist. Denken wir nur an Liebe, Trauer, Hass, Wut oder gar Resignation. Kaum anders mögen sich diese emotionalen Regungen in der Vergangenheit angefühlt haben. Romantik war gestern. Und was ist heute?

 

Mögen sich auch unsere Lebensumstände verbessert haben und smarte Technologien unser Leben dominieren: Der Mensch bleibt nach wie vor ein fühlendes Wesen mit allen Sinnen.

 

Und somit bleibt genauso aktuell auch das emotional durchwirkte Lied.

 

Nun mag der ein oder andere das Liedgut der Romantik als alt und wenig zeitgemäß empfinden, die Textsprache als gestelzt und wenig modern. Doch liegt es in entscheidendem Maße an den Liedsängern, wie gut die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart interpretatorisch geschlagen wird.

 

Immer mehr Künstler, insbesondere Liedinterpreten der jüngeren Generation, verlangt es mittlerweile sogar freiwillig danach, sich im Lied verwirklichen zu dürfen. Und das bei einer Gage, die entschieden unter dem liegt, was man ansonsten bei Arienkonzerten und Opernaufführungen verdienen kann?

 

Lohnend scheint das Geschäft mit dem Lied nicht unbedingt zu sein!

 

©Operaversum / Nicole Hacke

Und dennoch: Das liebe Geld scheint nicht der Grund zu sein, warum sich das Lied dennoch stetig wachsender Beliebtheit seitens der singenden Zunft erfreut.

 

Vielen Jungstars der Klassikbranche geht es mit dem Lied nämlich wie mit einem ganz engen Freund. Es fungiert als Spiegelbild, in dem man sich tief bis auf den Grund der eigenen Seelenwelt verlieren kann.

 

„Im Lied kann ich wirklich meine Seele sprechen lassen“, so der O-Ton einer jungen österreichischen Mezzosopranistin, die froh ist, neben ihren eng getakteten Opernaufführungen immer auch wieder Zeit und Muße für Ausflüge in das geistreiche, seelentiefe, höchst individuelle Liedrepertoire zu finden.

 

Ein Spagat, zwischen Opernfach und Liedrepertoire hin und her zu changieren, ist das genreübergreifende Unterfangen ganz sicher. Zwei Extreme, die sich allerdings gegenseitig höchst effizient befruchten und bereichern. So lernt man auf der Opernbühne seine Stamina aufzubauen, stimmlich potent alle drei Akte hindurch ausdauernd zu singen, um just diese Erfahrungen, gepaart mit einer omnipräsenten Ausstrahlung, bei einem Liederabend überzeugend anwenden zu können.

 

Auf seine eigenen Gefühle aufbauend, indem man sie im Lied ausbaut, intensiviert und reflektiert zum Einsatz bringt, das ist genau die persönliche Essenz, die es gleichermaßen in ausgeprägter Form braucht, um Rollencharaktere in einer Opernproduktion glaubhaft darstellen zu können.

 

Der Künstler benötigt demnach für seine persönliche und charakterliche Weiterentwicklung als Grundbasis das Lied.

 

Aber was ist mit dem Publikum? Was hat es davon, wenn es seinem Lieblingsinterpreten bei einem Liederabend lauscht? Nun, es lernt einen Sängerinterpreten nicht nur künstlerisch, sondern vor allem auch menschlich von seiner bewegendsten musikalischen Seite kennen, nämlich just in dem Moment, wenn die innigsten Gefühle nicht aus der Opernrolle heraus gespielt werden, sondern zwischen dem Künstler auf der Bühne und den Zuhörern im Saal interaktive intimst persönliche Resonanz erfahren.

  

Und das kann nur das Lied, das kleine verdichtete Kunstwerk, das in kürzester Zeit eine Geschichte auf den Punkt bringt, bewegt, berührt und so lebendig, frisch und jung ist wie momentan auch viele seiner Künstler, die es wahrhaft verstehen, eine alte Tondichtung für die Gegenwart zu erzählen.

 

Ach, und was heißt eigentlich alt. Das Lied ist einfach nur schon ein wenig länger jung geblieben.

 


©Miina Jung

Die deutsche Sopranistin Nikola Hillebrand überzeugt nicht nur als Opernsängerin in koloraturreichen Rollen. Auch als Liedsängerin zeichnet sich die junge Interpretin auf eine besonders menschliche Art aus. So konnte ich die junge Sopranistin 2022 beim Leeds Lieder Festival in England mit einer dezidierten Programmauswahl bekannter Liederzyklen von Brahms, Schubert und Strauss erleben.

 

Mit ihrer ausgeprägten Erzählkunst, ihren tonpoetischen Klangmalereien, kreiert Nikola Hillebrand farbenprächtige Bildgeschichten, die verzaubern und einen emotional ganz gewaltig in den Bann ziehen. Besonders beachtenswert ist die ausgesprochen klare Textverständlichkeit, mit der sich jedes gesungene Wort der jungen Sängerin bis in die letzten Reihen deutlich artikuliert vernehmen und verstehen lässt.

 

©Klara Leschanz

Mit ihrer warmgoldenen Stimme verzaubert auch die junge österreichische Mezzosopranistin Patricia Nolz ihr liedbegeistertes Publikum. Bei der Brahms-Nacht in Kiel 2022 zeigte die junge Sängerin, was gesanglich alles in ihr drin steckt. In einer Brahmschen Interpretation der Komponistin Pauline Viardot entfachte Patricia Nolz gemeinsam mit der Sopranistin Nikola Hillebrand ein vokalakrobatisches Feuerwerk par excellence.

 

Mit gaumenrundem Klangschmelz, einem überaus dunkelsamtigen Timbre, abgerundet durch ausgesprochen biegsame Koloraturen überzeugt die Mezzosopranistin auch auf der Opernbühne in der jüngsten Produktion von Monteverdis 400 Jahre alter Favola in Musica: L´Orfeo.

 

©Nikolaj Lund

Samuel Hasselhorn, der junge Bariton aus Deutschland, ist ein absoluter Geschichtenerzähler auf dem Gebiet der hohen Liedkunst. Wer einmal seine Interpretation von Schuberts Erlkönig gehört hat, weiß, wie packend, spannungsgeladen und hypnotisierend Tonpoesie in ihrer vokalinterpretatorischen Allumfänglichkeit sein kann.

 

Dass Samuel Hasselhorn auch sanftere Töne und melancholischere Nuancen an den Tag legen kann, zeigt sein breit gefächertes Schubert-Repertoire, dass er jüngst auf seiner neuesten CD-Einspielung "Glaube, Hoffnung, Liebe" verewigt hat.

 

Besonders eindrücklich erlebt man den jungen Bariton im Zusammenwirken mit dem Briten Joseph Middleton, der als einer der renommiertesten Liedbegleiter emotionale Temperaturen auf höchstem Niveau kreiert.

 

©Anita Schmid

Wohl eine der ausdrucksstärksten Stimmen im Liedgesang gehört dem österreichischen Bariton Georg Nigl. Textverständlichkeit, akkurate Nuancierungen, erzähltechnische Raffinesse und ausgefeilteste Tonpoesie vereinen sich mit gesangstechnischer Präzision.

 

Und das Georg Nigl den genreübergreifenden Drahtseilakt von Schubert-Werken hin zu zeitgenössischen Rihm-Vertonungen hinbekommt, spricht für den Sänger, der scheinbar die Extreme liebt und sie wohl auch allzu gerne auslebt.

 

In seiner jüngst veröffentlichten CD-Einspielung Vanitas interpretiert Georg Nigl zusammen mit der Liedbegleiterin Olga Pashchenko eine wohl selektierte Liedauswahl von Schubert und Beethoven.

 

©Daniela Reske

Der deutsch-rumänische Bariton Konstantin Krimmel hegt eine besonders ausgeprägte Leidenschaft für das Konzert- und Liedrepertoire. Als Gewinner zahlreicher Wettbewerbe ist Konstantin Krimmel mit gerade Mal 28 Jahren international aufgestellt und gastiert an zahlreichen renommierten Liedfestivals, darunter die Schubertiade Schwarzenberg, der Heidelberger Frühling und das Liedfestival in Oxford.

 

Auch als Opernsänger und Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper mischt Konstantin Krimmel insbesondere in Mozart-Partien die kommende Spielzeit gehörig auf.

 

Bei der Brahms-Nacht 2022 in Kiel brillierte Konstantin Krimmel an der Seite von Nikola Hillebrand, Patricia Nolz und Julian Prégardian.

 

©Gregor Hohenberg

An Tenor Jonas Kaufmann kommt man nicht vorbei, wenn es darum geht, dem Lied eine höchst individuelle, autonome Note mit Persönlichkeitsfaktor zu verleihen.

 

Ob Strauss, Schumann, Schubert, Mendelssohn, Brahms, Böhm, Mozart oder Liszt, der Mann versteht es, Gefühle tonmalerisch auf den Punkt zu bringen und sie ebenso ungefiltert ins Publikum zu transportieren, ganz egal welchen Komponisten es zu interpretieren gilt.

 

Die Interpretation von Schumanns Dichterliebe op. 48, die Kaufmann im Pandemiejahr 2020 in der Bayerischen Staatsoper zum Besten gegeben hat, ist eine der wenigen, ganz besonderen Liedperlen, bei dem sich die gesangliche Spreu vom Weizen trennt. Der Tenor durchlebt in den 16 einzelnen, zum Teil sehr dramatisch verdichteten Tonpoesien eine Berg-und Talfahrt multifacettierter Gefühle. Und das so virtuos, gefühlsbetont, leidenschaftlich und authentisch leidvoll, dass man es aus jeder Pore atmen hört - das Lied.

 

©Peter Rigaut

Der Tenor Julian Prégardian ist ein Meister des eleganten Gesanges. Hell leuchtet seine Stimme, sein Timbre strahlt zartschimmernd in das Auditorium. Durch ihn hebt sich das Kunstlied direkt und unmittelbar auf die nächsthöhere Ebene.

 

Was Julian Prégardian noch auszeichnet: Er ist ein formvollendeter Entertainer, der es nicht scheut, sein Publikum auch als Moderator durch einen Liederabend zu führen. Eloquent, charmant und geschichtenerzählerisch versiert, gestaltet der Tenor als gesanglicher Entertainer gehaltvolle Konzert- und Liederabende.

 

Sowohl Schumanns Dichterliebe als auch Schuberts Winterreise gehören zum einschlägigen Repertoire, das auf Tonträger erhältlich ist.








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