Die Oper - das harte Brot der brotlosen Kunst

29. November 2021

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

Was willst du denn beruflich mit der Musik machen? Du studierst dich dumm und dämlich, strengst dich wahnsinnig an, um nach sechs Jahren harter, verbissener Arbeit bitte was zu verdienen? Lerne doch gleich etwas Anständiges. Singen ist eine brotlose Kunst.

 

Wer kennt es nicht, dieses Totschlagargument, das sämtliche Illusionen, Träume und Hoffnungen auf eine Karriere im Opernbetrieb auf der Stelle zunichtemacht?

 

Ob nun brotlos oder nicht, eines ist zumindest schon mal klar. Das Studium des Gesanges ist eine hohe Kunst, die totale Hingabe, ein kompromissloses Durchhaltevermögen und eine so zähe Disziplin erfordern, dass neben dem Gesang und der musischen Verpflichtungen im Allgemeinen nicht allzu viel Zeit für anderweitige Dinge bleibt.

 

Und dafür, dass die Ausbildung zum Opernsänger maximal sechs Jahre dauert, erscheint die Durststrecke, die sich bereits während des Studiums abzeichnet einem leckenden Fass gleich, das mit dem Berufseinstieg und der damit einhergehenden Klinkenputzerei um begehrte Engagements an den großen Opernhäusern erst recht der Bodenlosigkeit gnadenlos zum Opfer fallen kann.

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

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Genau dann, wenn die Stimme frisch, unverbraucht und bereit für den großen Sängermarathon ist, fängt nämlich der eigentliche krampfhafte Kampf um das künstlerische Dasein an - ein Leidensweg, der aus der Leidenschaft zum Gesang bei 90 Prozent der Berufssänger finanzielles und emotionales Leiden schafft.

 

So zumindest hört man es immer wieder aus den unterschiedlichsten Quellen tönen, mal optimistisch und frohgemut, mal ernsthaft zweifelnd und so manches Mal zutiefst verzweifelt.

 

Doch trotz aller Entbehrungen, die der Beruf des Sängers mit sich bringt, halten viele angehende und scheinbar nicht zu behelligende Opernsänger der Musik zölibatisch die Treue, lassen sich devot zum Sängerdarsteller ausbilden und ziehen ihr Ding einfach so durch, koste es, was es wolle. Auch wenn die Verluste groß sind und sie in erster Instanz oftmals selbst dabei verlustig gehen.

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

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©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

Was für eine selbstgeißelnde, selbstquälerische und entbehrungsreiche Attitüde, die sich der Sänger mit seiner stoischen, unbeirrbaren Haltung anmaßt - so mag man meinen.

 

Doch irgendwie kann man diese Haltung sogar nachvollziehen und verstehen. Singen ist eine ganz große Emotion, eine Leidenschaft, derer man sich nie wirklich entziehen kann, wenn man weiß, wie es sich anfühlt zu singen.

 

Vom Glücksrausch erfasst, den der eigene Gesang erzeugt, den Emotionen, welche die Stimme so treffsicher und facettiert nach Außen transportieren kann, bis hin zur Selbstgenügsamkeit, die durch den so individuell tönenden Klang getriggert wird, löst man sich nahezu im eigenen Singen auf, was beinahe einer transzendenten Erfahrung gleich kommt.

 

Nicht greifbar, weder in Zeit noch Raum, ist der Gesang in der Sekunde gegenwärtig, vergänglich und niemals zukünftig. Er ist so immateriell, dass die Wortumschreibung "Tönende Luft" den Nagel ganz prägnant auf den Kopf trifft.

 

Und dennoch kann ein Sänger nicht von ihr lassen, von dieser immateriellen "Tönenden Luft", die so absolut nicht fassbar, nicht erfassbar ist.

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

Stattdessen kultiviert er gewisse, höchst essenzielle Attribute, um in der Raubtiermanege des Opernbusiness auf lange Sicht überleben und bestehen zu können.

 

Welche Eigenschaften braucht also ein karriereorientierter Opernsänger, um nicht schon beim Anlaufnehmen auf der Durststrecke des Erfolgs ins Straucheln zu geraten?

 

1. Langer Atem

Ein langer Atem ist nicht nur beim Singen wichtig, sondern ganz besonders auch bei der Planung der Karriere als erfolgreicher Opernsänger.

 

Eine sechsjährige Ausbildungszeit am Konservatorium, viele knochenharte Lehrjahre an verschiedensten Opernhäusern und kleineren Theatern, unzählige Nebenrollen, kleinere Rollen, Singen am Fließband, eine Vorstellung nach der anderen und immer die Angst im Nacken, die Stimme könnte versagen und irgendwann den Geist komplett aufgeben, können den "langen Atem" so weit an seine Grenzen und darüber hinaus treiben, dass auf die Atemnot unwiederbringlich früher oder später der Exitus folgt.

 

Aus und vorbei. Dann war es das mit der schillernden Karriere als leuchtender Stern am Opernhimmel.

 

Deshalb ist es für einen angehenden Sänger vital, mit der nötigen Ruhe und Geduld ans Werk zu gehen. Schließlich wurde der Eiffelturm auch nicht an einem Tag erbaut. Karrieren müssen solange wachsen, bis sie reif für die große Ernte sind.

 

Aufgeben, bevor der Reifungsprozess beendet ist, scheint also keine Option zu sein!

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

2. Stimmfindung & Stimmbildung

Mit welcher Stimme man virtuos, ausdauernd und gesund bis ins "hohe" Sängeralter singen kann, muss man am Anfang seiner Karriere meistens erst einmal herausfinden. Dazu benötigt man einen wirklich hervorragenden Gesangspädagogen, dem man seine Stimme auf Gedeih und Verderb anvertrauen kann.

 

Viele Sänger, so wie der Tenor Jonas Kaufmann, hätten sich ihre anfänglich "falsche" Stimme in jüngeren Jahren beinahe kaputtgesungen, wäre da nicht der rettende Anker in Form eines kompetenten Gesangslehrers geworfen worden.

 

Die Kunst so zu singen, dass es leicht, natürlich und ganz authentisch nach einem selbst klingt, liegt in der Natur des eigenen Stimmcharakters und der entsprechenden Stimmfähigkeit. Durch eine solide Gesangstechnik findet man peu à peu zu seiner Stimmlage, zu seiner Stimmfarbe, zu seinem individuell ausbaufähigen Ambitus und zu dem Repertoire, das man sich nicht nur zutraut zu singen, sondern technisch gut gestützt, auch problemlos singen kann.

 

Das Potenzial in schwierigere Rollen zu schlüpfen, ist lediglich eine Frage langjähriger Stimmbildung, Stimmerprobung und der Rollen- und Repertoirediversität über idealerweise verschiedenste Opernstile hinaus, die man sich im Laufe der Zeit erarbeitet hat.

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

3. Strategischer Aufbau der Sängerkarriere

Zu wissen, mit welchem Opernrepertoire man zu Beginn seiner Karriere anfängt, wie man die Karriereleiter repertoiresicher hinaufklettert, wie man am Zenit angekommen sein sängerisches Niveau hält und mit welchem man zu Ende seiner Karriere aufhört, wie viele Vorstellungen man sich über das Jahr verteilt und auf die Monate heruntergebrochen zumuten kann, ohne die stimmlich indisponierte Quittung dafür zu erhalten, muss jeder Sänger für sich selbst entscheiden.

 

Allerdings steht und fällt eine reibungslose Karriere genau mit dieser wohlüberlegten strategischen Herangehensweise oder aber mit den Fehlentscheidungen, die den Karriereweg verlängern oder gar zu einer Sackgasse werden lassen können.

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

Im richtigen Moment das passende Angebot abzugreifen, stetig am kontinuierlichen Aufbau der Karriere zu arbeiten, auch mal "Nein" zu einer Rolle sagen zu können, weil man intuitiv weiß, dass der Zeitpunkt für den nächsten Schritt noch nicht gekommen ist, erfordert Souveränität, Selbstbewusstsein und ein intuitives Gespür für das Stimmvermögen und für die realistisch abrufbare Leistung, die man tatsächlich erbringen kann.

 

Der deutsche Tenor Rudolf Schock hatte sich zu Lebzeiten nie an die Partie des Tristan (Oper Tristan & Isolde - Richard Wagner) herangewagt, da er der Meinung war, dadurch seine stimmliche Leichtigkeit für das lyrische Fach zu verlieren.

 

Und da Schock ein begnadeter Liedsänger und Interpret unzähliger Operetteneinspielungen war, hätte ihm der Heldentenor tatsächlich sein lyrisches Genick brechen können. Denn ist man erst mal der Held, wird man höchstwahrscheinlich so leicht nicht mehr zum "Jüngling an der Quelle".

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

4. Starke Nerven vs. Lampenfieber und Stress

Herzklopfen, Pulsrasen, hektische Atmung und ein so dicker Kloß im Hals, dass die Stimme darunter kaum noch hervorzukriechen vermag, sind für die Stimme eines Sängers pures Gift.

 

Wenn die Nerven vor einem Auftritt blank lieben, man kaum noch einen Pieps von sich geben kann, dann kann der Auftritt zu einem wahrhaften Albtraum werden.

 

Ein gewisses Maß an Nervosität lässt unseren Körper Adrenalin ausschütten, was nicht grundverkehrt ist. Wir werden hellwach, sind bereit für den "Angriff" und können uns bestens verteidigen, sprich, wir werden auf der Bühne stehen können und mit dem bisschen Lampenfieber sogar noch zur Höchstform auflaufen.

 

Doch zu viel innerer Druck, ein übernervöses Nervenkostüm, eine angespannte, verkrampfte Muskulatur vereiteln all die vielen Probenstunden und machen sie zunichte, wenn wir auf der Bühne keinen Ton mehr von uns geben können.

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

Und nicht nur das: Wenn die Angst vor einem Auftritt die Freude daran überlagert, dann wird der Traumberuf des Sängers unumgänglich zum realitätsnahen Albtraum. Dann ist er nur noch ein Brotjob, den man ausübt, weil man Geld verdienen muss und nicht, weil die Leidenschaft zur Berufung geworden ist.

 

Die Nerven eines Sängers müssen daher stark bleiben. Souveränität auf der Bühne ist das A und O, um langfristig erfolgreich zu werden.

 

Außerdem lebt ein guter Gesang von einer ruhigen, konzentrierten Atemführung. Hektik, Stress und Lampenfieber im Übermaß können jede noch so gute Gesangstechnik und auch das schauspielerische Vermögen von jetzt auf gleich null und nichtig machen.

 

©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

5. Charisma, Sexappeal, Authentizität

Sex sells. Charisma und Authentizität auch! Sängerdarsteller müssen heutzutage eine gewisse Ausstrahlung sowie eine identifikationsechte Persönlichkeit, Authentizität und einen Schuss unterschwellige Erotik mitbringen.

 

Allein der Gesang macht einen wirklich guten Sänger noch lange nicht zum Bestseller der Opernbranche. Leider.

 

Denn da das Auge gerade im Musikbusiness schon lange mitisst und man einen Sänger von seiner Stimme nicht entkoppeln kann, ergo die Stimme nicht allein die Musik macht, zählt im Großen und Ganzen das attraktive Gesamtpaket.

 

Kaum verwunderlich erscheint es da, dass auf sämtlichen Opernmagazinen die Stars der Opernmanege aufgehübscht, auf Hochglanz poliert und allzu stilisiert von den bewusst inszenierten Titelbildern strahlen. 

 

Wer in diesem Business nicht verdammt gut aussieht, eine tolle Ausstrahlung hat oder wenigstens eine gute Figur macht, dem nimmt man den "Lover Boy" oder das "Lover Girl" auf der Bühne einfach nicht ab. Und Oper soll nun mal gefühlsecht und leidenschaftlich sein  - und das bitte schön mit atemberaubenden Hauptdarstellern.

 

Und damit noch nicht genug! Auch soziale Kontakte, das sogenannte Zufallsprinzip, nachdem man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss, um überhaupt das Glück einer erfolgreichen Karriere ergreifen zu können, sind essenziell notwendig, um die Sprossen der Karriereleiter in diesem Business überhaupt erreichen zu können, vom Erklimmen derselben mal ganz abgesehen.

 

Aber was vielleicht noch viel, viel wichtiger ist. Was man unbedingt braucht, um überhaupt an seinem Sängertraum festhalten zu können, ist die ganz groß Liebe zur Musik, die einen hoffentlich zu permanenten Höhenflügen animierend schlussendlich auf die ganz großen Bretter der Opernbühne katapultieren wird.


©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

Der Filmautor Stefan Braunshausen beleuchtet in seiner knapp halbstündigen Dokumentation: Oper - das knallharte Geschäft", was es braucht, um an die Speerspitze der Opernwelt zu gelangen.

 

Interviews mit Sängern, Intendanten, Regisseuren und Dirigenten geben Aufschluss über die vielen persönlichen und fachlichen Parameter, die unabdingbar sind, um in den Olymp der Sängergötter aufzusteigen.

 

Dabei erzählt der Weltstar Jonas Kaufmann von seiner anfänglichen Stimmkrise, die ihn als junger Tenor dazu veranlasst hatte, gesangstechnisch noch mal ganz neu durchzustarten.

 

Über ihren Weg in die ruhmvolle Welt der Opernhäuser berichten unter anderem auch der Dirigent Antonio Pappano, die Sopranistin Elsa Dreisig und die Opernregisseurin Brigitte Fassaender.

 

Die Sendung kann auf der Online-Streaming-Plattform: www.operaonvido.com abgerufen werden.

 


©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Oper Konzertant oder Nicht konzertant?

Castell de Peralada! Ein mittelalterliches Schloss, eingebettet in die nordspanische Landschaft. Die perfekte Wirkungsstätte für ein spektakuläres Opernereignis mit einer Cast der Superlative...

 



©Wilfried Hösl / Wiener Staatsoper

Warum mich die Oper so fasziniert?

Als ich sechs Jahre alt war, betrat ich zum allerersten Mal ein Opernhaus, in dem die Kinderoper Hänsel und Gretel aufgeführt wurde. Vom ersten Moment an war ich schockverliebt in das musikalisch untermalte Schauspiel.

 



Kommentare: 4
  • #4

    Nicole von Operaversum (Samstag, 01 Januar 2022 16:25)

    Lieber Herr Reiter,

    ich sehe zwar den Zusammenhang zwischen Ihrem Kommentar und meinem Beitrag nicht wirklich, aber ganz sicher gibt es bei den Tenören große und kleine Unterschiede sowie es auch individuelle Präferenzen und Vorlieben gibt. Ich persönlich war noch nie ein Pavarotti-Fan, kann aber nachvollziehen, warum wir alle einen oder mehrere Lieblingstenöre haben oder eben bestimmte Tenöre überhaupt nicht mögen. Und so wie Ihnen die Interpretation der Blumenarie von Herrn Kaufmann wohl nicht sehr gefallen hat, fand ich sie hingegen großartig. Es ist gut, dass wir alle so verschieden sind. So ist für jeden Musikliebhaber der passende Sängerdarsteller dabei. Vielen Dank, dass Sie auf meinem Opernblog vorbeigeschaut haben.

    Ihnen einen frohes neues Jahr.

  • #3

    Willy Reiter (Samstag, 01 Januar 2022 12:22)

    Letztes Jahr (?) Auf dem Wiener Opernball- jonas Kaufmann Ariel des Don Jose "blumenarie" - bin vielleicht von den Aufnahmen mit Pavarotti- verwöhnt....
    Aber was war das?

  • #2

    Nicole von Operaversum (Montag, 06 Dezember 2021 11:04)

    Lieber Herr Penske,
    vielen Dank für die Anmerkung. Ganz sicher gilt dies für alle relevanten Berufsfelder in der Musikbranche. Der Sänger hat nicht allein dieses harte Los gezogen. Es freut mich übrigens sehr, dass Ihnen mein Artikel gefällt.

    Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit!

  • #1

    Peter Penske (Montag, 06 Dezember 2021 06:06)

    Dieser Artikel ist großartig und absolut zutreffend, übrigens gilt dies nach meiner Meinung auch für Bläser, Streicher ect.