Oper Konzertant oder Nicht konzertant? Das ist die Frage!

Die Oper als Hybridmodell. Castell de Peralada zeigt, dass es so nicht funktioniert

20. Oktober 2021

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Castell de Peralada! Ein mittelalterliches Schloss, eingebettet in die nordspanische Landschaft. Die perfekte Wirkungsstätte für ein spektakuläres Opernereignis mit einer Cast der Superlative, die sich wie die Crème de la Crème eines musikalischen à la carte Menüs liest: Jonas Kaufmann, Sondra Radvanovsky und Carlos Alvarez.

 

Die Rollen sind klar verteilt: Während Sondra Radvanovsky die schöne Floria Tosca gesanglich zum Leben erweckt, buhlen zwei Herren, Jonas Kaufmann alias Mario Cavaradossi und Carlos Alvarez alias Scarpia, um die Gunst der bezaubernden Dame.

 

Es könnte alles so schön sein, so spannungsgeladen, kostümopulent, requisitenreich und bühnenbildtechnisch raumgreifend in Szene gesetzt, wäre da nicht ein klitzekleines Manko, das an diesem sommerlichen Abend kaum auszumerzen geht.

 

Die Oper der Opern überhaupt, Puccinis Meisterwerk Tosca, das Bühnendrama schlechthin, das von der Korrelation zwischen Schauspiel, Gesang, orchestraler Musik und Inszenierung lebt, findet in einem schlichten, minimalistisch konzertanten Rahmen statt.

 

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Semiszenische Sequenzen, so wie sie noch vor ein paar Tagen in den Grazer Kasematten wirkungsvoll zum Einsatz kamen, sind hier Fehlanzeige. Nichts dergleichen belebt in diesem Fall das statische Trauerspiel, das der konzertanten Aufführung irgendwie Esprit, Belebtheit und eine handlungsnahe Dramatik verleihen könnte.

 

Dafür bleibt den Protagonisten viel zu wenig Platz, um sich auf der Bühne darstellerisch austoben zu können, denn dort hat sich bereits das Orchester großflächig ausgebreitet.

 

Und so wirkt der puristisch konzertante Versuch gequält, mehr gewollt als gekonnt, die Sänger eingepfercht vor dem Orchester, nach vorne begrenzt durch die Kluft zwischen Saal und Bühne. Da hätte wohl nur noch der Sprung ins Publikum für dramaturgisches Aufsehen gesorgt.

 

Obgleich an diesem lauen Abend unter einem sternenklaren Himmel gesanglich keine Wünsche offenbleiben, so fehlt einfach das ganz große Musiktheater oder besser gesagt das ganz große Opernspektakel mit allem Drum und Dran.

 

Und dabei hätte das Castell doch bereits eine perfekte Kulisse für den Handlungsrahmen dieses Opernthrillers abgegeben - und das ohne einen immens großen Aufwand dafür betreiben zu müssen.

 

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Fragt man am Ende die Sänger nach ihrer "konzertanten Meinung", so hört man beschwichtigende Äußerungen, die sich für eine gelungen intime Atmosphäre aussprechen.

 

Selbst der Münchner Tenor Jonas Kaufmann meint Kraft seiner Überzeugung, dass die Musik Puccinis so klar und konturenreich sei, dass einem sofort Bilder in den Kopf schössen, mit denen man die Handlung auch ohne großes Opernverständnis eindeutig visualisieren könne.

 

Dass der Fokus gewollt und durchaus bewusst auf der Musik liegen müsse, dafür spricht sich der spanische Bariton Carlos Alvarez aus.

 

Und das soll nun ein gangbares Hybridmodell als Ersatz für das vollumfängliche Gesamtpaket eines genussreichen Opernerlebnisses sein?

 

Allein aus der Intimität des konzertanten Geschehens, das sich lediglich aus Orchesterklang und Gesang speist, entspringt noch kein echtes bühnenreifes Drama. Vielleicht wird die Fantasie der Zuhörer durch die dynamisch explosiv durch den Abend peitschende Musik angeregt. Aber erschließt sich auch in Abstinenz eines visuellen Handlungsrahmens die Geschichte dieser fatalen Dreiecksbeziehung.

 

Ist das bei einer konzertanten Fassung alles tatsächlich so offensichtlich vorstellbar?

 

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Konzerte sind eine Domäne, die ich sehr gut kenne und besonders schätze, denn sie bringen die Oper in kleinen Häppchen dem Publikum wohl dosiert ohne große Überforderung näher.

 

Mit einer gut selektierten Auswahl gängiger und bekannter Opernarien läuft auch der weniger affine Operngänger keine Gefahr vor Langeweile frustriert aus dem Zuhörersaal zu stürmen. Arienabende, die mit melodiösen, fast mitsummenswürdigen Opernschmonzetten einhergehen, erreichen ein breites Publikum, sind beliebt und in weniger als 2 Stunden auch schon wieder ausgesungen.

 

Es braucht keinen langen Geduldsfaden, ebenso wenig wie ein marathonerprobtes Sitzfleisch. Und der rote Faden, der sich bei einer reinen Opernaufführung durch das Programm ziehen muss, kann bei einem simplen Konzert getrost vernachlässigt werden. Alles geht ohne Handlung, ohne das große Ganze im Blick haben zu müssen.

 

Das Schauspiel, die Kulissen oder gar eine ausgereifte szenische Gestaltung sind bei einem Konzert tatsächlich absolut unwichtig.

 

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Stattdessen braucht das Konzert - viel mehr sogar als die Oper - einen deutlich intimeren Rahmen, in dem die Musik an Intensität gewinnt und der Sänger auf der Bühne sich mit seinen Emotionen über die Stimme in den Vordergrund hebt, weniger darstellend, dafür auf ganzer Linie persönlich und gefühlsecht.

 

Dabei haben der Hörgenuss und die unmittelbare Resonanzerfahrung zwischen Künstler und Publikum oberste Priorität.

 

Doch was macht die konzertante Aufführung, die sich frech als Hybridmodell zwischen Oper und Konzert drängt und das scheinbar immer gehäufter tut?

 

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada / Carlos Alvarez

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Sie macht ihren Job schlicht und ergreifend nicht gut, denn ohne einen Handlungsrahmen, der in der Oper ganz klar durch Kulissen, Requisite, Kostüme und den szenischen roten Faden abgesteckt wird, kann man eine komplette Opernaufführung in 4. Akten konzertant nicht unbedingt nachvollziehen, geschweige denn durchholen.

 

Vielleicht versteht man die Emotionalität des Stücks, die Aussagekraft des Werks. Man versteht am Ende sogar, dass einer stirbt und auch warum derjenige stirbt. Womöglich wird sogar die Fantasie durch die Wirkweise und den tonalen Charakter der Musik angeregt und es entstehen Bilder im Kopf, die sich nebulös zu einer Geschichte formen. Doch die Details, von denen spannende Geschichten leben und erzählen, gehen mitsamt des konzertanten Purismus unter.

 

Und wenn man dann die Handlung noch nicht einmal kennt und naiv und völlig unvorbereitet in so eine konzertante Veranstaltung hineinstolpert, dann steht man wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg und erlebt eine Melange aus einer nicht abreißen wollenden Orchester- und Gesangsflut, die einen mehr als 2 Stunden tönend, ohne Unterlass überschwemmt.

 

Überfordert und frustriert hat man dann aller Wahrscheinlichkeit von der Oper die Schnauze gestrichen voll - mit viel Pech sogar ein für alle Mal.

 

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada / Nicola Luisotti

Gibt es demnach keine Lösung für das Zwitterdasein der konzertanten Oper?

 

Doch, doch, es gibt sie - und zwar in Form einer ausgeklügelten semiszenischen Darstellung, wie ich sie vor ein paar Jahren in Dresden bei der konzertanten Fledermaus erlebt habe.

 

Herrliche Ballroben, traumhafte Kostüme, ein angedeutetes Bühnenbild, das zumindest den Schauplatz der Geschichte absteckte und eine sängerdarstellende Cast, die Bewegung auf die Bühne brachte, machten aus einer konzertanten Operettenfassung ein echtes, sehr lebendiges Schauspiel.

 

Und das lag zum Großteil nicht nur daran, dass das Gesamtbild der Bühne so bunt und dadurch belebt erschien. Hauptsächlich die darstellerische Interaktion der Sänger machte den Kohl fett, denn es wurde geflirtet, kokettiert und hofiert, was das Zeug hielt.

 

Betrogen, intrigiert, gezetert und geschimpft. Alles, was das menschliche Gefühlsregister zu geben vermag, wurde auf der Bühne zu einem hautnahen Erlebnis unmittelbar erlebbar. Man tauchte sofort in das Geschehen ein, was richtig Spaß machte.

 

©Miquel Gonzalez / Castell de Peralada

Doch wenn man mich ehrlich fragen würde, was mir denn lieber wäre - konzertant oder nicht konzertant? Meine Antwort fiele ziemlich klar und deutlich aus:

 

Oper oder Konzert - nur das eine oder das andere.

 

Ein Zwischending brauche ich nicht, weil ich entweder das echte Opernerlebnis mit allen Sinnen und dem entsprechenden Bühnen-Brimborium genießen will oder aber einfach nur einem Konzert lauschen möchte.

 

Faule Kompromisse, was die Oper anbelangt, gehe ich nicht gerne ein! In der Hinsicht bin ich absolut parteiisch.


©Marcia M.  / über youtube zur Verfügung gestellt

Sondra Radvanovsky und Jonas Kaufmann in einem Interview über die konzertante Aufführung der Tosca und warum beide der Meinung sind, dass Oper auch in einem intimeren, nicht szenischen Rahmen möglich ist.

Jonas Kaufmann über zukunftsprojekte und dem streben nach mehr privatem Alltag

©Javier del Real / Teatro Real

Mehr Konzerte, weniger Oper, so lässt sich der Münchner Tenor über seine Zukunftspläne für die kommende Saison in einem Interview mit der spanischen Zeitung El Pais aus.

 

Eine CD-Einspielung von Puccinis Oper Turandot soll es im nächsten Jahr noch geben und in der Gewichtung einfach mehr Konzerte, denn die sind laut Kaufmann weniger zeitintensiv als Opern und brauchen nur einen Probenvorlauf von maximal drei Tagen.

 

Sein Privatleben, das er besonders während des Corona-Lockdowns mit Frau und Kindern genossen hat, steht mittlerweile vordergründig im Fokus.

 

Neue Repertoirepläne gibt es derzeit nicht. Dafür erscheint am 29. Oktober 2021 die bereits im letzten Jahr veröffentlichte Weihnachts-CD ergänzt um 7 neue Einspielungen.

 

Traditionelles Liedgut, volkstümlich und von Zithermusik begleitet. Wir sind gespannt, was Herr Kaufmann uns da doch noch Neues gezaubert hat.


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