Im Gespräch mit Désirée Nosbusch: "Klassische Musik will nicht erklärt, sie will gespürt werden."

Rubrik Interviews

©Mathias Bothar

Es gibt Augenblicke, die unser Verhältnis zur klassischen Musik für immer verändern. Für Désirée Nosbusch war es jener Abend in New York, als Leonard Bernstein ihr eine Chopin-Notation auf einem rohen Ei überreichte und erklärte, dass Musik nicht verstanden, sondern gespürt werden müsse. Diese poetische Geste öffnete ihr den Zugang zu einer Welt, die ihr lange verschlossen schien; einer Welt, die weniger verstanden als vielmehr mit Hingabe erlebt werden will.

 

Heute ist Désirée Nosbusch keine musikalische Fachfrau im traditionellen Sinne, sondern eine leidenschaftliche Vermittlerin zwischen Bühne und Publikum. Sie moderiert den Opus Klassik mit offenem Herzen, mit Neugier, Respekt und einer Begeisterung, die ansteckt. Ihre Haltung ist dabei von einer schlichten, aber tiefen Wahrheit geprägt.

 

Man muss die Musik nicht beurteilen, man darf sie einfach erleben. Und vielleicht ist es gerade diese Haltung, die sie zur idealen Gastgeberin eines Abends macht, an dem sich die klassische Musik in all ihrer Wandlungsfähigkeit zeigt: frisch, jung, experimentierfreudig und doch von zeitloser Schönheit. Für Désirée Nosbusch ist der Opus Klassik mehr als eine Gala. Er ist ein Ort der Begegnung, eine Liebeserklärung an die Kunst und ein Dialog zwischen Menschen, die sich von ihr berühren lassen wollen.

 

Operaversum: Liebe Frau Nosbusch, gab es in Ihrer Kindheit oder Jugend prägende Erlebnisse, Menschen oder musikalische Begegnungen, die Ihr Interesse an klassischer Musik geweckt haben?

 

Désirée Nosbusch: Da setzen Sie gleich zu Beginn an einer sehr empfindlichen Stelle an. Und doch passt Ihre Frage wunderbar in meinen beruflichen Werdegang, denn sie berührt etwas, das tief in meiner Biografie verwurzelt ist: die Erinnerung an jenes kleine Mädchen, das schon sehr früh wusste, dass es Schauspielerin werden wollte.

 

Dieser Wunsch war von Anfang an sehr präsent in mir verankert, obgleich ich in einem Land großgeworden bin, in dem es zu diesem Beruf kaum Berührungspunkte gab. Theater existierte zwar, doch meist nur in Form vorbeiziehender Gastspiele. Ein festes Ensemble gab es nicht, ebenso wenig eine Schauspielschule oder eine „École d’Art Dramatique“. Wer künstlerisch arbeiten wollte, landete zwangsläufig beim Tanz oder auf dem Konservatorium, wo Musik gelehrt wurde.

 

Operaversum: Es war also schwierig, im Schauspielberuf Fuß zu fassen?

 

Désirée Nosbusch: Immer wenn ich äußerte, Schauspielerin werden zu wollen, bekam ich zu hören: „Dann geh tanzen oder mach Musik.“ Eine andere Möglichkeit schien es schlicht nicht zu geben.

 

Und wenn man das als Kind oft genug hört, glaubt man es irgendwann auch. Meine Mutter sagte schließlich wohl aus Ratlosigkeit, man könne Schauspielerin nur werden, wenn man in Amerika geboren sei. Also dachte ich, dieser Weg stehe mir wohl nicht offen.

 

Also ging ich, wie so viele andere Kinder auch, aufs Konservatorium. Dort lernte ich Klavier spielen und Musiklehre und kann bis heute Noten lesen und schreiben. Doch ich muss ganz offen gestehen, dass die klassische Musik nie meine große Begabung war. Die Leidenschaft, die man braucht, um wirklich gut zu werden, fehlte mir.

 

Hinzu kam, dass Musik für mich stets mit Disziplin und Pflichtgefühl verbunden war und nie mit jener spielerischen Leichtigkeit, die andere damit verbanden. Für mich fühlte sich die Ausbildung am Konservatorium an wie eine Pflicht. Zwar habe ich das Studium abgeschlossen und könnte Ihnen heute noch eine Partitur vorlesen. Aber mich ans Klavier zu setzen und ein Konzert von Bach zu spielen, das würde ich nicht bewerkstelligen.

 

Operaversum: Das klingt so, als hätte es während Ihrer musikalischen Ausbildung Momente des Zweifelns gegeben?

 

Désirée Nosbusch: Ja, absolut. Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber ich bin irgendwie bei der Musik von Clementi stehengeblieben. Und damit ging immer auch ein Gefühl des Scheiterns einher, zumindest, was die klassische Musik betraf. Dieses Gefühl hat mich lange begleitet, obgleich mir Musik und Theater nie fremd waren. 

 

Das Schauspielfieber ist vor allem durch meinen Onkel geschürt worden, der 35 Jahre lang Direktor am Escher Theater war. Als kleines Mädchen saß ich dann oft im Schlafanzug oben hinter der Scheinwerferluke über der Bühne und schaute mir jede Vorstellung an, ganz gleich, was gespielt wurde.

 

Natürlich wurden dort auch Konzerte gegeben. Und auch in der Stadt ging man regelmäßig ins Theater oder zu klassischen Aufführungen. Doch bei der klassischen Musik hatte ich immer eine innere Bremse. So sehr ich diese Musik auch bewunderte, so schön und erfüllend ich sie fand, ein Teil von mir fühlte sich ihr nie ganz gewachsen.

 

Jedes Mal, wenn ich als Erwachsene ein Konzert besuchte oder in Luxemburg die Philharmonie betrat, dachte ich, wie schön das doch sei. Doch zugleich schwang immer auch ein Hauch von Unsicherheit mit.

 

©Stephan Moll / ZDF

Operaversum: Gab es denn einen besonderen Moment, der dieses Gefühl verändert hat, ein Erlebnis, das bei Ihnen sozusagen das Eis gebrochen hat?

 

Désirée Nosbusch: Ja, so ein Erlebnis gab es tatsächlich. Als ich in New York die Schauspielschule besuchte, lernte ich dort den Sohn von Leonard Bernstein kennen. Alexander ging mit mir in ein und dieselbe Klasse. Und wir wurden in dieser Zeit engste Freunde.

 

Durch diese Freundschaft war ich häufig bei den Bernsteins zu Hause. Ich habe mit Leonard Bernstein zu Abend gegessen, war auf Feiern eingeladen, bei denen wir Schüler mit am Tisch saßen. Bei der berühmten Macy’s Parade standen wir auch gemeinsam am Fenster seiner Wohnung und blickten auf das bunte Treiben unten auf der Straße.

 

Leonard Bernstein lebte im Dakota Building, direkt unter John Lennon. Wenn ich heute daran denke, wie wir dort als junge Menschen an den Fenstern standen und auf die Parade hinunterschauten, erscheint es mir fast unwirklich.

 

Operaversum: Und dann kam dieser entscheidende Moment?

 

Désirée Nosbusch: Ja. Es gab einen bestimmten Abend, der für mich bis heute von fast symbolischer Bedeutung ist. Wir saßen beim Abendessen, und Leonard Bernstein spielte zwischendurch immer wieder am Klavier, wie er es oft tat. Ich erinnere mich genau daran, wie ich ihn beobachtete und bei mir dachte, wie sehr ich diesen Mann verehrte - und zwar nicht nur, weil er ein großartiger Musiker war, sondern weil er auf eine so poetische, zugängliche Weise über Musik sprach und sie erklärte.

 

An diesem Abend redete er über Chopin, und ich saß daneben und fühlte mich plötzlich wie ein Banause. Ich dachte, ich dürfte eigentlich gar nicht mitreden. Ich hatte Musik studiert, und doch war irgendwie nicht viel davon hängen geblieben.

 

Während ich noch in diesem Gefühl der Unzulänglichkeit festhing, stand er auf, ging in die Küche und kam nach einer Weile zurück. In der Hand hielt er ein rohes Ei, auf dessen Schale er mit Filzstift Noten von Chopin geschrieben hatte.

Er reichte mir dieses Ei und sagte: „So musst du mit der Musik umgehen. Du musst gut zu ihr sein und sie einfach spüren.“

 

Diesen Moment werde ich nie vergessen. Ich fuhr später mit diesem rohen Ei in der Hand mit der U-Bahn nach Hause, zurück in meine Wohnung in New York und dachte, ich hätte gerade den Heiligen Gral gefunden.

 

Später nahm Bernstein Alexander, eine Freundin und mich mit in die Metropolitan Opera zu einer Aufführung von Carmen. Er besaß dort eine Loge und erklärte uns während der Vorstellung, was auf der Bühne geschah, so, wie er es auch in seiner berühmten Sendereihe tat, in der er Kindern und Jugendlichen Musik näherbrachte.

 

Wenn ich an dieses Erlebnis zurückdenke, dann weiß ich, dass dieser Mann mir das Tor zur Musik wieder geöffnet hat. Unvergesslich bleibt folgender Satz, den er mir mit auf den Weg gab: „Man muss sich in der klassischen Musik nicht auskennen. Man muss sie nur empfinden.“

 

Manches wird einen berühren, anderes vielleicht weniger. Und er betonte: „There is a whole world out there that needs to be experienced.“ Von diesem Moment an war das Tor zur Welt der klassischen Musik für mich wieder offen.

 

Operaversum: Hat Sie diese Art, Musik zu betrachten, bis heute nicht mehr losgelassen?

 

Désirée Nosbusch: Absolut. Und obwohl ich mich nicht als Expertin auf dem Gebiet der klassischen Musik sehe, habe ich die Moderation des Opus Klassik aus tiefster innerer Überzeugung angenommen - und zwar mit ganzem Herzen, großer Leidenschaft und mit meinem aufrichtigen Respekt für jene, die auf der Bühne ihre Kunst ausleben.

 

Und mit dieser tiefen Überzeugung gestalte ich den Opus Klassik mittlerweile seit fünf Jahren. Anfangs war die Moderation dieses besonderen Sendeformats lediglich als einmaliges Engagement gedacht. Doch offenbar gab es vonseiten der Künstlerinnen, Künstler und Plattenfirmen eine so herzliche Resonanz, dass man mich gebeten hat, weiterzumachen. Viele teilten mir sogar persönlich mit, sie hätten sich selten so gesehen und gewürdigt gefühlt. Also habe ich weiter gemacht, Jahr für Jahr.

 

Jetzt stehen wir am Sonntag vor der fünften Ausgabe. Ob es ein sechstes Jahr geben wird, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich mich schon jetzt sehr auf dieses Wochenende freue. Während der Proben sitze ich immer im Konzerthaus und beobachte alles dort ganz genau. Meine Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern entstehen fast immer aus diesen Eindrücken heraus, aus der Art, wie sie arbeiten, wie sie sich vorbereiten und mit welcher Energie sie sich ihrer Kunst widmen.

 

Und dabei denke ich oft an meinen Schauspiellehrer in New York, Herbert Berghof zurück, der immer sagte: „Mit welchem Recht steht ein Tänzer acht Stunden an der Stange und gibt nicht auf?  Ein Musiker arbeitet acht Stunden an seinem Instrument. Ein Sänger wärmt sich auf und singt Tonleitern rauf und runter. Aber ein Schauspieler sitzt traurig in der Ecke und sagt: ‚Die Welt ist so schlecht.‘“

 

©Mathias Bothar

Und tatsächlich ist da viel Wahrheit dran! Der Schauspieler kreist so gerne um sich selbst und leidet. Und immer dann, wenn ich mich dabei ertappe, in diesen Strudel hineinzurutschen und zu denken: "Oh Gott…", höre ich Herbert Berghofs Worte in meinem Kopf, die man auf eine Kernaussage herunterbrachen kann: Immer wieder aufstehen, es noch einmal versuchen und es ein weiteres Mal besser machen. 

 

Und genau das bewundere ich bei den Künstlerinnen und Künstlern beim Opus Klassik so sehr. Ich sitze im Saal und fühle mich jedes Mal reich beschenkt.

 

Diese Disziplin, diese unerschütterliche Arbeitsmoral, dieses unermüdliche Streben nach Perfektion und das nie endende Weitermachen – es ist einfach wunderbar. Wirklich wunderbar. Ich hoffe, ich habe in meiner Antwort nicht zu weit ausgeholt.

 

Operaversum: Im Gegenteil. Ich bin ganz berührt von der Geschichte, die Sie gerade erzählt haben. Und ich finde, das prädestiniert Sie doch erst recht dafür, mit mir über klassische Musik zu sprechen.

 

Denn, wie ich eingangs sagte: Sie moderieren den Opus Klassik mit einer Begeisterung, die jedes Mal ansteckend ist. Sind es tatsächlich die Künstlerinnen und Künstler, die Sie motivieren, Jahr für Jahr wieder dabei zu sein?

 

Désirée Nosbusch: Auf jeden Fall. Unbedingt. Es gibt Projekte, die macht man nicht aus taktischen Überlegungen, nicht wegen der Einschaltquoten oder wegen des Ruhms, sondern schlicht und ergreifend, weil sie einem am Herzen liegen. Und der Opus ist genau so ein Projekt.

 

Ich finde, man muss solche kleinen kulturellen Kostbarkeiten schützen. Sie wissen ja selbst, wie es in unserer Branche läuft: Es wird immer weniger Geld für Kultur bereitgestellt, und auch die Öffentlich-Rechtlichen bleiben davon nicht verschont. Es zählt nur noch, wie viele Menschen bei so einer Sendung einschalten.

 

Und wenn dann im Sender niemand mehr für das Medium Klassik kämpft und sich dafür proaktiv einsetzt, dann verschwindet so ein Format plötzlich ganz von der Bildfläche.

 

Natürlich können wir nicht mit fünf Millionen Zuschauer aufwarten, schon gar nicht um 22 Uhr. Aber wenn es mir gelingt, einige Menschen zu erreichen, die vielleicht bislang Berührungsängste mit dieser Musik hatten, dann ist schon viel gewonnen. Menschen, die behaupten: „Ach, das verstehe ich doch sowieso nicht“ oder „Das kann ich nicht beurteilen“, genau ihnen möchte ich zeigen, dass man klassische Musik einfach nur auf sich wirken lassen muss.

 

Wenn ich dazu beitragen kann, beim Fernsehpublikum ein wenig Neugier zu wecken, dann habe ich meinen Teil erfüllt. Mein Beitrag mag klein sein, aber wenn er dazu führt, dass jemand klassische Musik für sich entdeckt, dann ist meine Aufgabe erfüllt.

 

Operaversum: Sie sind ja in gewisser Weise auch ein Bindeglied zwischen der Bühne und dem Publikum, indem Sie durch den Abend begleiten und mit Ihrer charmanten Art den Funken überspringen lassen. Wenn Sie selbst nicht dahinterstehen würden, wer sollte es denn sonst tun?

 

Désirée Nosbusch: Wissen Sie, was das Schöne ist? Je älter man wird, desto klarer erkennt man, was einem wirklich wichtig ist. Ich habe neulich mit einer Freundin vom Fernsehen darüber gesprochen, dass der größte Luxus des Älterwerdens darin besteht, dass man sich erlauben kann, sich ausschließlich auf das zu konzentrieren, was man mit ganzem Herzen bejaht.

 

Und diesen Luxus gönne ich mir. Ich bemühe mich seit vielen Jahren, meiner Haltung treu zu bleiben und meinen Weg konsequent zu gehen. Und dazu gehört eben auch, dass ich nur Projekte annehme, hinter denen ich im jeweiligen Moment wirklich stehen kann.

 

Deshalb hoffe ich sehr, dass es den Opus Klassik auch zukünftig weiter geben wird. Für mich ist es immer wie ein Klassentreffen der besonderen Art: Alle, die dort zusammenkommen, sind aus den richtigen Gründen dort. Sie wollen das tun. Und wenn es wieder heißt: „Opus-Zeit!“, dann wissen wir: Wir gönnen uns zwei besondere Tage in Berlin.

 

©Stephan Moll / ZDF

Operaversum: Und das ist wichtig. Denn Kultur ist ja ein Fundament, ein Teil unserer Identität. Sie ist so viel mehr als nur Musik: Sie umfasst Sprache, Traditionen, Gebräuche. Und ich frage mich oft: Wie sieht die Zukunft der klassischen Musik aus?

 

Désirée Nosbusch: Ich finde, sie ist lebendiger und jünger geworden. Und das ist das Großartige! Wenn man sich die letzten Jahre beim Opus Klassik anschaut, merkt man, wie fließend die Grenzen inzwischen geworden sind.

 

Nehmen Sie zum Beispiel Hayato Sumino, der auf den großen Konzertbühnen als Pianist brilliert und  im Netz unter dem Namen Cateen 1,5 Millionen Menschen mit seinen experimentellen Videos erreicht. Oder Lucienne Renaudin-Vary, diese fantastische Trompeterin, die barfuß auftritt und damit besonders junge Menschen anspricht.

 

Die Klassik ist heute frisch und modern. Sie hat ihr Publikum erweitert und verjüngt. Früher hatte man, wenn man es nicht besser wusste, vielleicht das Bild im Kopf, Klassik sei ein wenig verstaubt.

 

Doch das ist sie längst nicht mehr so. Sehen Sie sich einfach Leute wie Louis Philippson oder Emily D’Angelo an. Man muss diese Interpreten nur erleben, um sagen zu können, wie grandios die Klassik sich entwickelt hat. 

 

Vielleicht geht es heute auch verstärkt darum, wie man sie einem Publikum präsentiert und wie man Menschen an das Genre heranführt. Früher hätte man gelacht, wenn jemand gesagt hätte, dass Barockensembles wie Laute Compagnay zusammen mit einer Saxophonistin wie Asya Fateyeva ABBA-Stücke spielen würden.

 

Heute passiert genau das mit großem Erfolg. Und genau das ist es, was mich so freut: Da bewegt sich etwas. Da entsteht Neues. Da lebt die Klassik.

 

Operaversum: Da kann ich Ihnen absolut zustimmen. Sie ist progressiver geworden. Und die Künstlerinnen und Künstler punkten nicht nur mit musikalischer Exzellenz, sie machen auch optisch sehr viel her, was ich als eine gelungene Mischung empfinde!

 

Désirée Nosbusch: Eben. Und genau deshalb muss man dieser Entwicklung auch Raum geben, damit sie sich entfalten kann. Und deshalb hoffe ich sehr, dass das ZDF an dem Format auch dranbleibt.

 

Operaversum: Liebe Frau Nosbusch, wenn man Sie bei einer solchen Gala auf der Bühne erlebt, wirkt das immer ganz leicht und selbstverständlich. Sind Sie vor solchen Abenden überhaupt noch nervös?

 

Désirée Nosbusch: Und wie! Ich bin jedes Mal furchtbar nervös. Für mich ist es immer wieder eine große Herausforderung, gleich zu Beginn die richtige Atmosphäre zu schaffen, die dem Abend und all den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne gerecht wird.

 

Denn es geht ja nicht um mich, sondern um die Kunst. Gerade in den ersten zehn, fünfzehn Minuten kämpfe ich deshalb sehr mit mir selbst. Ich frage mich dann immer: Spüre ich das Publikum? Reagieren die Menschen auf das, was ich sage? Erst wenn ich merke, dass die Stimmung trägt und ein echter Dialog zwischen Bühne und Saal entsteht, kann ich innerlich durchatmen.

 

Diese ersten Momente sind für mich mit einer großen Verantwortung verbunden. Schließlich möchte ich den Künstlerinnen und Künstlern einen gelungenen Rahmen bieten, damit sie ihre Kunst unter den bestmöglichen Voraussetzungen zeigen können. Wenn mir das nicht gelingt, wirkt sich das auf den gesamten Abend aus. Deshalb hoffe ich innerlich auch immer, dass sich dieser eine Funke Magie einstellt, der sich leider im Vorwege nicht planen lässt. Doch wenn dieser Moment entsteht, dann wird der Abend besonders. Und dann überträgt sich diese Magie auch auf das Publikum.

 

©Stephan Moll / ZDF

Operaversum: Apropos besondere Momente. Gab es für Sie denn eine Opernaufführung oder ein Konzerterlebnis, das Sie bis heute nicht vergessen haben?

 

Désirée Nosbusch: Das sind genau diese berühmten Fragen, bei denen man erst einmal tief Luft holt. Ich bin ein großer Liebhaber der Musik von Ludovico Einaudi, aber ein einziges Konzert herauszugreifen, fällt mir schwer. Es ist ein bisschen wie mit Filmen: Wenn man mich nach den zehn besten Filmen meines Lebens fragt, kann ich sie nicht benennen, weil es immer auf den Moment, die Stimmung und die Lebenssituation ankommt.

 

Und doch gibt es ein Erlebnis, das sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat: die Carmen-Aufführung an der Metropolitan Opera mit Leonard Bernstein an meiner Seite.

 

Denn dieses Ereignis war nicht einfach ein Konzert, es war ein Moment, der alles überstrahlt hat. Schließlich sitzt man nicht alle Tage neben einem der größten Dirigenten und Komponisten des 20. Jahrhunderts, der einem während der Vorstellung erklärt, was auf der Bühne geschieht, wie die musikalischen Fäden miteinander verwoben sind und warum eine bestimmte Passage genau so gespielt werden muss wie sie eben gespielt wird.

 

Dieser Abend war für mich weit mehr als ein Opernerlebnis. Er war eine Lektion, eine Offenbarung, fast schon eine Initiation. Die Intensität, mit der Bernstein Musik erlebte und vermittelte, hat mich zutiefst beeindruckt und nachhaltig geprägt.

 

Natürlich habe ich auch andere magische Momente erlebt: Ich saß in Jazzclubs in New York und dachte, dass dies vielleicht das Schönste sei, was man überhaupt erleben kann.

 

Aber nichts kommt dieser Nacht an der Metropolitan Opera gleich. Sie war und bleibt ein Höhepunkt meines Lebens und hat meine Sicht auf Musik und Oper für immer verändert.

 

Operaversum: Einen schöneren Moment kann man sich in Ihrem Fall tatsächlich kaum vorstellen. Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Wenn Sie mit jemandem im Fahrstuhl stehen würden und ihm in wenigen Minuten die Magie der Oper oder der klassischen Musik erklären müssten, wie würden Sie ihn überzeugen?

 

Désirée Nosbusch: Ich würde sagen: Wenn Sie einen Moment erleben möchten, der Ihnen vom ersten Ton an sämtliche Sinne öffnet und Sie unter eine geradezu überwältigende Dusche aus Emotionen stellt, dann gehen Sie in die Oper oder in ein klassisches Konzert. Dort geschieht etwas, das sich nicht mit Worten erklären lässt. Es ist ein Staunen, ein Sich-Hineingeben, ein Ergriffenwerden, das man nur spüren kann.

 

Operaversum: Was für schöne abschließende Worte! Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen für alles Bevorstehende und den Opus Klassik Toi, toi, toi!

 

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.


Kommentare: 0