Arena die Verona feiert das Weltkulturerbe des italienischen OPerngesangs in einer fulminanten "Grande Opera Italiana"

08. Juni 2024

Rubrik Konzert

©ArenadiVerona / Screenshot

Wenn nicht die Arena di Verona, welch andere Kulturstätte könnte an nur einem Abend 160 Musiker und 300 Chorkünstler in das wohl bekannteste Amphitheater der Welt zusammenbringen, um ein einzigartiges, so noch nie erlebtes Opernevent der Superlative auf die Beine zu stellen?

 

Es ist der 7. Juni 2024. Punkt 20:35 heißt es Showtime für eine bedeutsame musikalische Nacht, die den italienischen Operngesang ehrt und ihn als Weltkulturerbe in einem mehr als außergewöhnliche Rahmen gebührend zu feiern weiß. In warmgoldenes Licht getaucht, schält sich das altehrwürdige Gemäuer wie ein funkelnder Cabochon konturiert aus dem spätabendlichen Stadtbild Veronas heraus.

 

Von Nicole Hacke

 

Aus der Vogelperspektive aufgenommen, lässt es sich der Fernsehsender RAI1 nicht nehmen, das imposante Kulturwahrzeichen von seiner glamourösesten Schokoladenseite einzufangen - und zwar für all die europäischen Zuschauer vor den Bildschirmen, die leider nicht live vor Ort dabei sein können.

 

Es fuchst mich gerade etwas, weiß ich doch um die große Magie, die dieser unverwechselbare Ort ausstrahlt. Laue Sommernächte, der Mond steht tief über dem Amphitheater, fröhliche Menschen, die laut schwadronierend über die Piazza Brá flanieren hin zu der Spielstätte, die jahrein, jahraus von passionierten Opernliebhabern frequentiert wird.

 

Solch faszinierende Opernerlebnisse mit Alleinstellungsmerkmal gibt es einfach nur in Verona. Genau aus dem Grund muss man sie unbedingt hautnah miterleben, immer und immer wieder.

 

©Ennevi/ArenadiVerona

Dieser Suchtfaktor lässt auch bei mir einfach nicht locker. Doch heute Abend geht es ausnahmsweise auch einmal vor dem Bildschirm. Dabei sein, wenn auch nur aus weiter Ferne, ist einfach alles.

 

Gebannt und wie fixiert starre ich auf den Bildschirm und kann es kaum abwarten, bis Alberto Angela, Cristiana Capotondi und Luca Zingaretti eloquent das Programm anmoderieren, auf italienisch, naturalemente!

 

Viel verstehe ich nicht. Doch auch ohne Worte erschließt sich mir die ganze Emotionalität, der Stolz auf das kulturelle Erbe der großen italienischen Komponisten und die Liebe zur Musik, die einfach jeder Italiener mit der Muttermilch aufgesogen hat.

 

Es liegt wohl recht offensichtlich in der Natur der Sache, dass Italiener neben ihrer genetischen DNA auch eine musikalische DNA besitzen - auf der anstelle des Erbguts alle bekannten Arien sämtlicher Opernwerke sofort abrufbereit abgespeichert sind.

 

Überhaupt singt sich kein anderes Land die Sorgen mit so vielen herrlichen Canzoni, Arien und Schmonzetten von der Seele wie der durchscnittliche Italiener. Jedes Kümmernis ja schlichtweg in jeder Lebenslage hält Musik als Medizin für Herz und Seele hin und hält vor allem, was sie verspricht: Süffige Melodien, leicht und unkompliziert und dennoch dramatisch bis aufs Blut. 

 

Wie herrlich. Und heute, ja genau in diesem Moment spürt man es, diese pulsierende Vorfreude der Italiener auf die "Grande Opera Italiana" mit großartigen Künstler der Opernbranche, die sich mit vollem Einsatz der wohl schönsten Sache der Welt widmen: dem Operngesang.

 

©Ennevi/ArenadiVerona

©Ennevi/ArenadiVerona

Großartige Belcanto-Arien, Lyrisches wie Dramatisches, szenisch ins beste Licht gerückt, ausstaffiert geradezu. Schließlich will man der "Welt" zeigen, was italienische Oper alles kann - und was sie vielleicht sogar besser macht, als alle anderen Genres, die nicht minder schlecht, aber eben nicht dieses gewisse, besondere Etwas versprühen.

 

Sie ist nunmal in einer italiensischen Wiege geboren, die Oper und ja, der Belcanto, den jeder Gesangsstudent als erste Disziplin zu erlernen hat, wenn sich die Tonleitern salopp rauf und runter trällern wollen.

 

Bravissimo! Mit Schwung geht es in die erste orchestrale Runde. Nachdem Regierungspräsident, Vertreter und Kulturminister sich im Amphitheater eingefunden haben, die Nationalhymne verhallt und Beethovens "Freude schöner Gotterfunken" an diesem Abend wohl als einzig deutsches Kulturgut im italienischen Musentempel erklingt, erhebt Riccardo Muti mit chirurgischer Präzision seinen Taktstock und entführt seine Zuhörer auf eine klangvolle Reise in das Sehnsuchtsland Italien.

 

Von Norma, Macbeth, Nabucco, Manon Lescaut bis hin zu Mefistofele ertönt orchestrale Opulenz aus allen Poren instrumentaler Raffinesse. Hochkonzentriert führt Muti sein Dirigat. Er wirkt ernst, vielleicht ein wenig nervös und meisterst dennoch perfektionistisch und mit stählerner Energie Ouvertüre für Ouvertüre.

 

Choral geht es ebenfalls in die Vollen. "Va pensiere" aus Verdis Gefangenenchor von Nabucco ist wohl eines der überwältigendsten Stücke, das einen gleich beim  ersten Ton sanft berührt und schließlich immer fordernder an der Seele zerrt und rüttelt.

 

Ein Wahnsinnserlebnis, wenn man es denn Live hören kann. Doch selbst über Kopfhörer stülpt sich einem diese gigantische Wucht volltönender Harmonien klangsatt über. Saturierter geht kaum noch besser. 

 

©Ennevi/ArenadiVerona

©Ennevi/ArenadiVerona

Was wohl im Anschluss noch alles kommen mag. Nachdem Muti sich mit einer Lobesrede auf den italienische Operngesang verabschiedet und seinem Kollegen Francesco Ivan Ciampa die Bühne bereitet, treten nacheinander die ganz großen Sänger ihres jeweiligen Opernfachs ins Rampenlicht.

 

Angefangen mit Startenor Jonas Kaufmann, der seine Signature-Arie "E lucevan le stelle" inbrünstig und sehr innig zum wahrlich Allerbesten gibt. Kurz und knapp, aber so eindrücklich wie immer dargeboten, spürt man sofort, warum genau dieses so tragische Stück arioser Melancholie nur einen Tenor kennt, der es wie kein anderer auf diese besonders entrückt beseelte Art interpretieren kann.

 

Doch damit noch lange nicht genug. Es folgen Juan Diego Florez, Eleonora Buratto, Rosa Feola, Brian Jadge, Francesco Meli und, und, und. Die Liste der absoluten Superstars ist lang. 

 

Absolut höhepunktreif jedoch ist das "Te Deum" des bösen Stadthalters Scarpia aus Puccinis epischer Oper Tosca, die aktuell kein anderer so voluminös in die vokalen Vollen absetzen kann wie der italienische Bariton Luca Salsi.

 

Die Show, die der Mann gesanglich und vor allem auch darstellerisch abzieht, ist allererste Sahne. Warm timbriert und mit einem sehr verdunkelten Stimmschmelz schmilzt man dahin, auch wenn in der Oper der "Loverboy" ganz sicher nie der Bariton sein wird.

 

Salsi hat Appeal als Bösewicht par excellence!

 

Und auch Brian Jadge überrascht als Pagliacci: Verzweifelt, gedemütigt und mit aufkeimender Rage fehlt nur noch der Sprung in den mörderischenWahnsinn.

 

©Ennevi/ArenadiVerona

©Ennevi/ArenadiVerona

Sein Schauspiel wird immer ausgereifter, runder und glaubwürdiger, sein Gesang ist es eh schon.

 

Und dann erst diese Aguil Akhmetschina, die als gesangliches Vollweib, rassig, lodernd, heiß und mit einem Stimmmaterial gesegnet, eine Carmen gibt, wo der Bayer glatt sagen würde "Da legst di nieder".  Dieser Mezzo ist zum Niederknien schön, vollmundig, ausgereift, dunkel und dennoch butterweich im Timbre.

 

Ach, was könnte ich weiter vor mich hin schwärmen. Immer drängender wird mein Wunsch, mich irgendwie noch in die Arena zu beamen, wenn das ginge.

 

Nun ja! Der Abend neigt sich eh gen Ende. Ein Vittorio Grigolo, dem als italienischer Tenor Puccinis Arie "Nessun Dorma" zusteht, begeistert abschließend noch im gemeinsamen Duett mit Rosa Feola auf ein letztes "Brindisi".

 

So viel Zeit muss schließlich noch sein. Schade nur, dass nicht alle Sänger des Abends den beiden zu toasten. Wo sind die überhaupt alle hin. Etwas wenig feucht-fröhlich wirkt daher das bedingt fulminante Finale. Und dennoch: Wo wird ansonsten Oper so ausgiebig, leidenschaftlich und ästhetisch zelebriert?

 

Dieser Abend macht Mut, auf das die Schönheit der Kultur zumindest von den Italienern noch sehr, sehr lange bewahrt wird. Viva la Grande Opera Italiana!!! Viva!

 

Programm: 

 

Georges Bizet Carmen Les tringles des sistres tintaient · Aigul Akhmetshina Sofia Koberidze, Daniela Cappiello

Gioachino Rossini Il Barbiere di Siviglia Largo al factotum della città · Nicola Alaimo

Pietro Mascagni Cavalleria rusticana Intermezzo · Roberto Bolle

Giacomo Puccini Madama Butterfly Coro a bocca chiusa · Roberto Bolle, Nicoletta Manni

Giacomo Puccini Madama Butterfly Un bel dì vedremo · Eleonora Buratto

Giacomo Puccini La Bohème Vecchia zimarra, senti · Gianluca Buratto

Giacomo Puccini Turandot Tu che di gel sei cinta · Rosa Feola

Giacomo Puccini La Bohème Che gelida manina, Giuseppe Verdi Rigoletto La donna è mobile · Juan Diego Flórez

Giacomo Puccini Turandot Nessun dorma · Vittorio Grigolo

Giuseppe Verdi La Traviata Libiamo ne’ lieti calici · Vittorio Grigolo, Rosa Feola

Giacomo Puccini La Bohème Quando me'n vo · Juliana Grigoryan

Ruggero Leoncavallo Pagliacci Recitar!... Vesti la giubba · Brian Jagde

Giacomo Puccini Tosca E lucevan le stelle · Jonas Kaufmann

Gaetano Donizetti L’Elisir d’amore Una furtiva lagrima · Francesco Meli

Giacomo Puccini Tosca Vissi d’arte,  Gianni Schicchi O mio babbino caro · Anna Netrebko

Vincenzo Bellini Norma Casta Diva · Jessica Pratt

Giuseppe Verdi Il Trovatore Di quella pira · Galeano Salas

Giuseppe Verdi Rigoletto Cortigiani, vil razza dannata · Luca Salsi

Giacomo Puccini Tosca Va’ Tosca… Te Deum · Luca Salsi Matteo Macchioni

Vincenzo Bellini I Capuleti e i Montecchi Oh! quante volte, oh quante · Mariangela Sicilia

Umberto Giordano Andrea Chénier Nemico della patria · Ludovic Tézier

Cori e scene da Aida, Messa da Requiem


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