Jonas Kaufmann bringt mit magischen Tönen und ungarischem Pathos die Laeiszhalle zum Erbeben

Rubrik Konzert

©Dario Acosta

Die Welt liegt ihm an diesem Abend zu Füßen, mindestens aber die Laeiszhalle, in der Star-Tenor Jonas Kaufmann sein ungarisches Operetten-Repertoire zum Auftakt seiner "Magische Töne" Tournee zum Besten gibt, so als gäbe es kein Morgen. Kaum zu glauben, dass diese ariosen "Leichte Muse" Perlen über Jahrzehnte so lange in der Versenkung auf Opern- und Konzertbühnen verschwunden sind. 

 

Ebenfalls kaum zu glauben ist, dass Jonas Kaufmann dabei so sehr in die Kerbe eines Rudolf Schock haut, der genau diese Nachkriegs-Gassenhauer in den 50er Jahren rauf und runtergesungen hat.

 

Von Nicole Hacke

 

Damals präsentierten sich diese süffig-satten Melodien unter dem Deckmantel des "Heile-Welt-Schmerzes" - und zwar deutlich überzuckerter, als es an diesem Abend auf der Konzertbühne der Fall ist.

 

Thematisch jedoch passt das Operettengenre der Herren Kálmán, Lehár und Ábraháms wie die Faust aufs Auge in die gegenwärtige Weltenlage. Mal wieder könnte man nachdenklich sinnieren, denn Kriege, politische Unruhen und sozialgesellschaftliche Umbrüche zeichnen gerade ein eher niederschmetterndes politisches Bild, das nach ausreichend Eskapismus von der brutalen Realität verlangt, wenigstens für ein paar selige Stunden lang.

 

Jonas Kaufmann trifft mit diesem vermeintlich schnulzigen Fach absolut den Nerv der Zeit, auch wenn im Publikum vereinzelt kritische Stimmen laut werden, die aus diesem harmlosen Musikgenre ein Politikum machen wollen.

 

Völlig überbewertet muss man diese Melodien jedoch im epochalen Kontext einer Nachkriegsgeneration verhaften, die fortan nur noch von besseren Tagen träumen wollte. Punktum.

 

©Dario Acosta

Und so kommt es, dass dieser verträumte musikalische Zauber, diese "Heile-Welt-Stimmung" auch das Publikum in der Laeiszhalle so dermaßen mitreißt, dass es phasenweise fast schon kein Halten mehr gibt. Der frenetische Applaushagel des Publikums prasselt jedenfalls mit voller Wucht auf die Bühne, was vor allem mit dem beseelten Gesang des Tenors der Herzen zu tun hat.

 

Ja, es ist wohl so, dass ein Rudolf Schock ganz sicher einst als Sänger einer Nation gefeiert wurde. Jonas Kaufmann aber öffnet Herzen und durchdringt die Seelen, der an seinen Lippen hängenden Zuhörer. So lauscht man jedem Ton, jeder Phrase und hört gespannt der einleitenden Erzählung des Tenors zu, der es sich mal wieder nicht nehmen lässt, sein Publikum auch als Entertainer zu beglücken:

 

Warum er "Grüß mir mein Wien" auf ungarisch zum Besten gibt? Diese Anekdote teilt er mit Wortwitz und humoristisch pointierter Attitüde. Kurzum, die schönen Frauen Ungarns sollen den Wiener Damen selbstredend in nichts nachstehen; daher die zungenbrecherische Variante auf ungarisch, die sich der Tenor, wie könnte es anders sein, einfach nicht nehmen lässt.

 

Ein Tausendsassa bleibt eben ein Tausendsassa, der sich auch vor dem Wolgalied nicht drückt. Auch wenn die Messlatte bei diesem unendlich traurigen "Weltschmerz-Stück" extrem hoch liegt, so beweist der Opernsänger mit viel Ausdruckskraft und einfühlsamer Sensibilität, wie man dieses emotional komplexe Werk interpretatorisch meistern muss.

 

Wieder ist das Publikum aus dem Häuschen und das gerade mal bei der zweiten Arie des ersten Programmteils. Schade nur, dass diese positive Stimmungswelle, auf der Jonas Kaufmann hintreibt, ein wenig durch die Darbietungen von Jochen Rieder und Malin Byström ausgebremst wird.

 

©Dario Acosta

Mehr Kapellmeister als Dirigent gelingt Jochen Rieder allenfalls der Einzugsmarsch von Johann Strauß, der in dem ungarischen Universum arioser Operettenhits allerdings ein wenig fehl am Platz wirkt.

 

Abhanden gekommen scheint dem Dirigat vor allem eine große Portion Eleganz und eine ausgewogene dynamische Differenziertheit. Feinabstufungen? Fehlanzeige. Entweder tönt es laut oder leise aus dem Orchester heraus.  Dazwischen gibt es kaum dynamische Schattierungen, was der Musik die Magie raubt.

 

Von ebenso schwacher Anziehungskraft zeugt auch der Gesang der Sopranistin Malin Byström. Mit wuchtiger Dramatik und einer Stimme, die sich der Schwerkraft kaum entziehen kann, gelingen abrupte Registerwechsel in die exponierten Obertöne nur durch forciertes Pressen.

 

Keine einzige Phrase entwickelt sich elegant, die Linienführung ist schwach ausgeprägt und es fehlt der Sängerin insgesamt an Duftigkeit und lyrischem Vermögen, was schließlich auch nicht verwunderlich ist, wenn man weiß, dass die Interpretin im dramatischen Opernfach beheimatet ist.

 

Genau dieses Manko (und eine dramatische Stimme ist in diesem Fall ein Manko) zeigt ganz deutlich, dass eben nicht jeder gute Opernsänger auch ein virtuoser Operettensänger sein kann. Viel zu schwer ist dafür nämlich die leichte Muse, auf die sich ein Jonas Kaufmann jedenfalls formidabel versteht.

 

Während man noch Franz Lehárs Arie "Mädchen, mein Mädchen" mit schwärmerischer Aufmerksamkeit degustiert, folgt auch schon die Königsdisziplin des Tenors; die magischen Töne, die in der gleichnamigen Arie von Karl Goldmark so warmgolden und multifacettiert aus der Kehle des Weltstars strömen. Dabei sind es genau die leisen Töne, die sich so fesselnd, berührend und balsamisch zugleich auf die Seele legen. Wie ein dünner Film, der sich einem zart und samtweich überstülpt, fühlt man sich vom Klang der sphärisch anmutenden Töne eingelullt.

 

Der Saal ruht. Es ist, als würde plötzlich alles transzendieren. Ein Auditorium, eine Bühne, ein einziger schwebender Zustand. Und das alles, weil ein Tenor mit leiser Energie verzaubern und vokal so ergreifend interpretieren kann, das man um sich herum die Welt schier vergisst.

 

Dass auf so eine Glanzleistung ein Zugaben-Programm folgen muss, ist völlig klar. Und auch das erntet begeisterten Applaus. Jonas Kaufmann steht dieses Repertoire wie kaum einem anderen Tenor dieser Tage. Letztendlich kann es auch niemand mit so viel Gefühl und stimmlicher Charaktertiefe wie eben Jonas Kaufmann interpretieren. Jój, jój Mama! Was der alles kann.

 

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Kommentare: 2
  • #2

    Nicole Hacke / Herausgeberin (Dienstag, 14 April 2026 12:25)

    Lieber Herr Büchel,

    das tut mir sehr leid, dass Sie es nicht rechtzeitig ins Konzert geschafft haben. Herr Kaufmann hatte ebenfalls Probleme, nach Hamburg (und das auf vielerlei Umwegen) zu gelangen. Aber er war da und er begeisterte. Ich muss gestehen, dieses Repertoire ist einzigartig, nicht vergleichbar mit der Wiener Operette, auch wenn die natürlich ihren besonderen Reiz hat. Dennoch meine ich zu behaupten, dass durch die vielen Registersprünge, den Temporeichtum und die ausgesprochen raffinierte Dynamik dieser Musik der Anspruch noch mal deutlich höher gesetzt ist, als bei vielen anderen gleichrangigen Komponisten. Für dieses Genre braucht man einen Sänger, der nicht nur seine Technik voll und ganz beherrscht, sondern eben auch die ungarische Seele, das Temperament, sprich die Mentalität des Landes bzw. der Musik versteht. Jonas Kaufmann ist dafür absolut prädestiniert. Sie werden das Konzert in der Isarphilharmonie ganz sicher lieben. Ich finde es bemerkenswert, dass dieses Repertoire überhaupt mal wieder aufgeführt wird. Sensationell.

  • #1

    Franz Büchel (Montag, 13 April 2026 12:06)

    Liebe Frau Hacke,
    vielen Dank für diesen wieder einmal begeisternden und einfühlsamen Konzertbericht ! Ich hatte darauf gehofft und wurde nicht enttäuscht ! Gerne wäre ich auch beim Tournee-Auftakt dabei gewesen, aber der ICE, der uns nach Hamburg bringen sollte, strandete bereits kurz nach München, so dass zwei Plätze im Parkett rechts Reihe 28 leer blieben - so ärgerlich ...
    Gott sei Dank bekomme ich aber noch eine "zweite Chance" am kommenden Mittwoch in der Isarphilharmonie. Und da hoffe ich darauf, einen genau so schönen Musikabend mit einem ebenso gut aufgelegten Protagonsten Jonas Kaufmann zu erleben wie Sie in der Laeiszhalle. Malin Byström und das Orchester dürfen sich dabei gerne auch noch steigern !
    Liebe Grüße nach Hamburg !