Rubrik Konzert
©Sören L. Schirmer
Ja, ist denn schon Bergfest? Wenn Startenor Jonas Kaufmann die Bühne betritt, und das auf halber Tourneestrecke seiner "Magischen Töne" Konzertreihe durch Europa, dann kann man voller Begeisterung von einem gelungenen Fest sprechen.
Den größten Konzertsaal Europas, den Kuppelsaal in Hannover, füllt der agile Mitfünfziger zwar nicht komplett, doch die Stimmung an diesem feurig-ungarischen Operettenabend könnte nicht aufgeheizter und sinnlicher sein.
Von Nicole Hacke
Wenn die Kompositionen von Lehár, Kálmán und Abraham erklingen und das auch noch aus dem Munde des gefeierten Tenors, dann ist es um einen so gut wie geschehen.
Um den Verstand gebracht fühlt man sich bei solch berauschenden Klängen, die einem samtig satt in den Gehörgang fließen. Ob "Mädchen, mein Mädchen" oder gar das melancholisch durchwirkte "Wolgalied", jede emotionale Facette dieser klangfarbenreichen Musik trifft Herz und Seele gleichermaßen.
Keine seichte oder gar leichte Muse will die ungarische Operette sein! Nein, vielmehr ist sie die gekonnte Steigerungsform der Oper, nicht kleiner, niedlicher oder gar naiver, sondern tonal substanzreich, melodisch raffiniert und komplex, und viel zu oft von einem tieftraurigen Pathos umflort.
Ist es die ungarische Mentalität, fragt man sich da, oder ist diese ernst zu nehmende Operettensparte ein Produkt ihrer politisch-sozialgesellschaftlichen Zeit, die der Wiener Leichtigkeit ganz salopp den Wind aus den Segeln nimmt?
©Sören L. Schirmer
©Sören L. Schirmer
Kaum hat man diesen Gedanken weitergesponnen, sprudeln die Klangkaskaden aus "Komm mit nach Varaždin.." überschäumend in das Auditorium. Vergessen sind nun Melancholie und Trübsinn.
Das ungarische Herz brennt jetzt mit Leidenschaft und Paprika, ganz so, wie es die temperamentvolle Rhythmik der raffinierten Komposition verlangt. An dieser Stelle zeigt sich auch, ob das Dirigat den perfekten dynamischen Reifegrad erreichen kann oder nicht.
Doch leider mundet dieses orchestrale Amuse-Gueule an diesem Abend nur bedingt und entspricht kaum dem agilen Temperament einer ungarischen Seele.
Schwermütig einerseits, explosiv und berauschend andererseits. Diese abrupten Aggregatzustände der Gefühle erreicht man nur durch dynamische Feinstabstufungen und flotte agogische Akrobatik.
Auf beides versteht sich Jochen Rieder nicht besonders gut, viel zu dominant tönen die Blasinstrumente, röhrend laut und fast schon ausartend scheppert es ins Auditorium.
Wo bitte bleibt da die ausgeklügelte Differenziertheit, die feinen Linien, der elegante Klangteppich, der seine Musik wie auf einem hauchdünnen Seidentuch trägt?
Ausbügeln kann das mal wieder nur der Tenor der Tenöre: Jonas Kaufmann!
©Sören L. Schirmer
©Sören L. Schirmer
Denn der legt sich mit viel Verve, Charisma, Spritzigkeit und einem schelmischen Habitus dermaßen ins Zeug, dass man die orchestrale Plumpheit glatt dabei vergisst.
Das Publikum lässt sich jedenfalls gleich zu Beginn auf die Energie des Tenors ein und applaudiert mit großem Eifer und frenetischer Steigerungsintensität bis zur letzten Zugabe. Davon gibt es übrigens vier an der Zahl.
Malin Byström, die als Gesangspartnerin die temperamentvoll-leidenschaftlichen und überaus selbstbewussten Damen der Operette interpretiert, scheitert stark an den duftigeren Nummern, die mehr zu einer jugendlichen Soubrette passen als zu einer ausgewachsenen Drama-Queen.
Viel zu wuchtig tönt es sonor in der Mittellage. Kopflastig ist die Stimme leider nicht. Auch der Ansatz stimmt bedenklich, wenn sich unteres und oberes Register schnell miteinander verheiraten wollen - und das in einem wirklich schwindelerregenden Tempo. Da kommt die Stimme der Sopranistin doch ganz schön ins Straucheln.
Großartig, was tatsächlich sehr überrascht, sind Byströms "Klänge der Heimat", mit denen die Schwedin absolut punkten kann. Reif, gaumenrund und von substanzieller Tiefe greifen die Töne dort, wo die Melancholie am größten ist. Das passt, das hat Charakter und noch dazu emotionalen Tiefgang.
Insgesamt zu schwerfällig wirkt Byströms Stimme für dieses Repertoire dennoch, selbst wenn das Publikum sich vor Begeisterung kaum noch auf den Sitzen halten kann, was durchaus verständlich ist.
©Sören L. Schirmer
©Sören L. Schirmer
Schließlich kann die ungarische Operette, was dem Wiener Pendant schlichtweg fehlt:
Sie kann unter der Oberfläche des seichten Getues, das musikalische Geplänkel ausschalten und sich auf die wesentlichen Aspekte einer gehalt- und charaktervollen tonalen Erzählung fokussieren, alles auf emotionale Dichte kondensiert, geballt, mächtig und dennoch voller schmerzhafter Sehnsucht, eine Musik die wahrhaft Berge versetzt!