dolce vita auf der waldbühne

EIN ITALIENISCHER ABEND MIT JONAS KAUFMANN

17. APRIL 2020

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Harald Hoffmann  /SonyEntertainment

Das Wasser quatscht aus meinen Pumps, mein Rücken und mein Allerwertester sind bis auf die Unterhose pitschnass, mein leichtes Sommerkleid haftet an mir, wie eine klebrige Masse. Wie ein begossener Pudel sitze ich in der vierten Reihe des Parketts vor der überdimensionalen Waldbühne in Berlin und zittere am ganzen Körper wie Espenlaub. Auch das Plastikcape, dass ich mir nach dem unerwarteten Regenguss geschwind überstülpe, in der Hoffnung dadurch ein wenig aufzuwärmen, nützt mir so gut wie gar nichts. Ich friere fürchterlich, obgleich der warme Sommerwind mich in italienische Urlaubslaune versetzten sollte.


Was mache ich hier eigentlich mit all den anderen 30.000 erwartungsvollen Zuhörern, die nur darauf hoffen, dass, außer dem unerfreulichen Regenschauer, irgendwann noch die Sterne am Himmel über Berlin aufleuchten und die Nacht so mediterran erstrahlen lassen, dass sich jeglicher Unmut über den unvorhergesehenen Wetterumschwung im Nu verflüchtigt.


Das Land, wo die Zitronen blühen, in dem lachende, fröhlich schwadronierende Menschen den Attributen des Dolce Vita alle Ehre erweisen, dabei singend durch schmale Gassen vor sich hin trällern, unbekümmert in den Tag hineinleben, in den Herzen der Fremden so viel Sehnsucht erwecken, dass all die überschwängliche Liebe und sonnengemachte Wärme über die Grenzen des Landes in die Welt hinaus strömen, wird an diesem Abend zu musikalischer Hochform auflaufen.

 

©Sony Classical / Jonas Kaufmann - Behind the scenes of an Italian night

Mit italienischen Schmonzetten und Verismo-Klassikern im Gepäck nimmt uns der Münchner Tenor Jonas Kaufmann an diesem sommerlauen Abend auf eine romantische Musikrundreise in das Italien seiner Kindheitserinnerungen.


Allzeit Klassiker der Komponisten Ernesto de Curtis, Nino Rota sowie Lucia Dalla runden das Programm ebenso ab, wie der Auftakt im ersten Konzertteil, der durch Verismo Arien von Ponchielli, Mascagni und Leoncavallo komplementiert wird.
Als endlich ein freudestrahlender Jonas Kaufmann die Waldbühne betritt, in einem edlen Abendanzug mit haptischer Blumenstruktur, verflüchtigen sich peu à peu meine unterkühlten Gedanken und langsam taut auch mein Körper wieder aus seiner Eisstarre auf.

 

Die italienische Nacht kann beginnen, auch wenn ich vor Kälte erstarrt im Laufe des Konzerts von meinem Plastikstuhl fallen sollte, so werde ich mich ganz sicher keinen einzigen Zentimeter mehr von hier wegbewegen.

 

Stattdessen verfolge ich gebannt das einmalige Schauspiel, dass sich mir im Duett zur Verismo- Arie "Tu qui, Santuzza" aus der Oper Cavalleria Rusticana darbietet. Tobsüchtige Rage, Leidenschaft, Wut, Hass und auch Liebe, die ganze Palette der menschlichen Gefühle, schlagen mir wie ein lodernder Feuerball glutheiß entgegen. Ein Funkensprühen der explosiven Stimmgewalt erfasst mich und ich kann nur froh sein, dass außer mir nicht auch noch mein Kleid Feuer fängt. Zumindest friere ich nicht mehr. Herz und Seele sind aufgewärmt, alles andere tatsächlich unwichtig geworden.

 

©Harald Hoffmann / SonyEntertainment

Was für ein Macho, denke ich. Kehrt doch der Kaufmann seine erotischste, maskulin herbe und verwegenste Seite heraus. Unnachgiebig, grausam und brüsk lassen ihn all die flehentlichen, liebenden Annäherungsversuche seiner Duettpartnerin kalt. Beinahe fröstelt es mich schon wieder, nur bei dem Gedanken daran, so einen betrügerischen Schuft auf der Bühne erleben zu müssen.

 

Doch es ist alles nur perfekt inszenierte Schauspielerei - darstellende Kunst auf höchstem Niveau!


Friedlicher, heiterer und versöhnlicher gestalten sich die Folgenummern. Italienische Schlagerklassiker dominieren mittlerweile das sonnengereifte Musikprogramm und bringen Stimmung und Nostalgie in den zunehmend romantischer werdenden Abend.


Langsam verdunkelt sich der Himmel über Berlin. Die Bühne wird in goldschimmerndes Licht getaucht, und auch Jonas Kaufmann glitzert in seinem dunkelblauen Anzug, der mit Lurexfäden durchwirkt ist, im Scheinwerferlicht mit den Sternen um die Wette.


Die kühle Nachtluft jagt mir einen erquickenden Schauer über den Rücken, meine Fantasie geht mit mir durch, denn irgendwie duftet es frisch und angenehm nach immergrünen Zypressen.

 

Verflogen sind auch der Regen, die Kälte und das klammnasse Gefühl, das mich dennoch hin und wieder von einer Pobacke auf die andere rutschen lässt. Ohne Pause reißt der Tenor der Herzen sein komplettes Repertoire an diesem Abend ab und bekundet mit dieser selbstlosen Geste emphatische Rücksichtnahme auf sein teils durchfrorenes und durchnässtes Publikum.

 

©VEVO / Jonas Kaufmann Waldbühne Berlin - Volare

Begeisterungsstürme werden immer lauter, je gehäufter die bekannteren "mitsummenswürdigen" Schnulzen erklingen. Flächendeckend bis auf die letzten Reihen läuft das Publikum zur Höchstform auf und auch Jonas Kaufmann strahlt, brilliert und genießt sich selbst auf den Brettern, die die Welt bedeuten, in vollen Zügen. Mit Talent zur Komik und einer ausgeprägten Mimik, interpretiert er die echten Canzoni Italiens mit einer stimmlichen Leichtigkeit und Nonchalance, die verführerisch und zuckersüß von den tausend gierigen, sehr empfänglichen Ohrmuscheln aufgesogen werden.


Den Blick gen Himmel gerichtet, signalisiert ein komplett gelöster, über beide Backen grinsender Kaufmann, dass er die Sterne, wie bestellt, auch pünktlich geliefert habe. Fast lausbübisch zwinkert er dabei in den Nachthimmel hinein und erobert sich damit sympathisierende Lachsalven, die aus den Reihen des Amphitheaters in die Weite der Atmosphäre verhallen.


So eine starke und charismatische Aura habe ich von diesem extraordinären Künstler zwar immer schon erahnt, noch nie aber hat sich diese Sogkraft jemals so stark und intensiv entfaltet, wie in dieser außergewöhnlich, berauschend unwirklichen Nacht, die tatsächlich genau so gerade irgendwo in Italien zu Ende gehen könnte.


Sieben Zugaben hängt der charismatische Ausnahmekünstler noch an sein abendfüllendes Programm und sprengt damit sogar noch den zeitlichen Rahmen, der bisher noch in keinem seiner anderen Konzerte so weit ausgereizt wurde. Energiegeladen und wie auf Hochleistung gedopt, singt sich der Tenor in einen wahrhaften Rausch. Scheinbar vollgepumpt mit Endorphinen gelingt eine Nummer nach der anderen, steigert sich das stimmliche Leistungsvermögen in exorbitante Höhen. Was hat der Mann nur für eine Ausdauer und einen extrem langen Atem.

 

©VEVO / Jonas Kaufmann Waldbühne Berlin - Nessum Dorma

Der Abend will und will sich einfach nicht gen Ende neigen und Schuld ist sicherlich nicht der Wein, sondern eine ganz andere euphorisierende Droge.


Mit der georgischen Anita R., die auch ein melancholisch schönes Solo des Lucia Dalla Klassikers Caruso abliefert, hebt Herr Kaufmann bei Volare stimmungsvoll und erheiternd in luftig beschwingte Tonhöhen ab. Dabei schließt sich der Kreis formschön nach ein paar himmlischen tonalen Flugumdrehungen mit gekonnt pfeifender Lässigkeit, denn auch das Pfeifen will gelernt sein.

 

Das Jonas Kaufmann sich unzähliger Talente bedienen kann, überrascht kaum noch. Der Mann mit der üppigen Lockenpracht kann einfach alles. Und das demonstriert er auch mit seiner ungezwungenen, fast schon beiläufigen Art.

 

Fehlt nur noch der perfekte Abschluss des Abends. Und der kommt leider viel zu schnell, dafür aber umso rauschender und triumphierender daher. "Nessun Dorma" aus Puccinis Oper Turandot bildet den fulminanten Höhepunkt des Waldbühnenspektakels. Jetzt hält es niemanden mehr auf den Sitzen. Erleichtert, dass auch ich mich endlich von meiner nasskalten Sitzfläche erheben kann, stimme ich jubelnd und "Bravi" rufend in den Chor des begeisterten Publikums ein.

 

Kaum das der erste Ton der Arie erklingt, verebbt das Klatschen, verstummen die Beifallsrufe und es wird mucksmäuschenstill. Gebannt und emotional gefesselt, lauschen die Menschen dem Schöngesang Kaufmanns, der noch mal mit Leib und Seele vollen Einsatz zeigt und sein dunkel timbriertes Stimmorgan mit glasklarer Brillanz in die Sternennacht erhebt, so als gäbe es nur noch das Hier und Jetzt.

 

Die Welt steht still. Als der letzte Ton davonfliegt, bricht ein Sturm an Beifallsrufen und tobendem Applaus los. Mehrmals muss ein glücklicher, erleichterter und gelöster Kaufmann die Bühne betreten. Sein Publikum lässt ihn nicht gehen, nicht so einfach und nicht so schnell und vor allem nicht nach einem so berauschenden, musikalischen Fest.

 

Immer noch nass, aber glücklich steige ich langsam die vielen Hundert Stufen des Amphitheaters hinauf. Mein Herz hat heute so viel Vitamin Dur getankt, dass es mich so gut wie immun gegen alle Moll-Attacken des Lebens macht.

 

 

Leider können wir dieser Tage keine Konzerte und keine Opernaufführungen besuchen. Es ist sehr traurig, dass der kulturelle Genuss in Zeiten des Coronavirus auf ein so einschneidendes Minimum reduziert wurde, dass wir jetzt nur noch von den Erinnerungen vergangener Musikereignisse zehren können.

Ich hoffe sehr, dass Euch mein Beitrag über das Waldbühnenkonzert mit Jonas Kaufmann ein kleines Lächeln entlockt. Lange ist es her, doch an fast jedes Detail kann ich mich noch so gut erinnern, als wäre es gestern gewesen. Hüten wir unsere Erlebnisse, wie einen wertvollen Schatz und träumen wir uns in eine musikalische Welt, die hoffentlich bald schon wieder real, und ganz besonders in den Konzerthäusern dieser Welt, existent wird.

 

Eure


Detailierte Information zu dem Künstler Jonas Kaufmann findet ihr unter folgendem Link:

 

www.jonaskaufmann.com


Kommentare: 0