JOnathan Tetelman rockt mit stimmgewaltiger Leidenschaft das Konzerthaus Berlin

01. Dezember 2023

Rubrik Konzert

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Jonathan Tetelman, Joyce El-Khoury

Es gibt so Abende, die züngeln erst langsam auf Sparflamme dahin, bevor sie völlig überraschend noch zu explosiver Hochform auflaufen.

 

Das Arienkonzert mit Jonathan Tetelman und Joyce El-Khoury im Konzerthaus Berlin entspricht exakt diesem musikalischen Erlebnis, von dem man nicht zu träumen gewagt hätte, dass es die richtige Mischung aus Temperament, explosiver Leidenschaft und musikalischem Facettenreichtum mitbringt.

 

Doch schließlich sind wir heute musikalisch im tiefsten Italien gelandet, genau dort, wo mindestens der Vesuv leise vor sich hin brodelnd lavaheiße Asche spukt.

 

Nicht gleich bemerkt man diese unterschwellige gesangliche Glut hochköcheln, die sich einem an diesem klirrend kalten Dezemberabend langsam und mit jeder Darbietung immer heißer und intensiver auf die Seele legt, zumal auch der Bariton Artur Rucinski gleich zu Beginn mit einer stimmlichen Unpässlichkeit zu kämpfen hat. 

 

Das dämpft zwar ein wenig die gute Laune, tut dem Konzert insgesamt aber keinen Abbruch, weiß man nur allzu gut, dass der heimliche Star des Abends kein anderer als der US-Amerikaner mit chilenischen Wurzeln ist:

 

Auf Jonathan Tetelmans Auftritt hat das Publikum sicherlich schon lange vor Beginn des Arienkonzerts in freudiger Erwartung hin gefiebert.

 

Und das Fieber packt einen, spätestens nach der Pause, wenn der Shooting-Star unter den Tenören "Recondita armonia" aus Puccinis Thriller-Oper Tosca anstimmt.

 

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Carlo Montanaro

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Jonathan Tetelman, Carlo Montanaro

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Jonathan Tetelman

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Jonathan Tetelman, Joyce El-Khoury

Leicht und duftig klingt es, wenn Tetelman erst zart und dann immer fordernder vokal in die Vollen geht. Auch wenn seine Mittellage teils an farbenreicher Saturation einbüßt, so strahlt seine mächtige Stimme lupenrein in den exponierten Höhen.

 

Grundgütiger Gott, seine tenorale Höhe ist wirklich ein Gedicht und noch dazu seine absolute Schokoladenseite. Und weil Jonathan Tetelman das wohl auch ganz genau weiß, demonstriert er seinem Publikum zu jeder sich bietenden Gelegenheit, was er dort oben in den schwindelerregenden Tonregistern so alles mit seinem Vokalinstrument an Tonperlen hervorzaubern kann.

 

Dabei kann man noch froh sein, dass man nicht direkt im Parkett in den ersten Reihen sitzt, denn die gewaltige Stimmkraft, mit der Tetelman die Töne 1000-Volt stark in das Auditorium absetzt, erhebt sich in nahezu mörderischer Intensität.

 

Das der Saal noch nicht bebt, bleibt ein Wunder! Und dann erst diese Energie, die sich über die Stimme in eruptiven Schüben entlädt.

 

Der Mann besitzt wahrhaft eine leidenschaftliche Explosivität, die noch im ersten Programmteil etwas ungestüm und dynamisch undifferenzierter, im Verlauf des Abends aber immer ausgewogener und kaskadierter klingt.

 

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Jonathan Tetelman

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Jonathan Tetelman, Joyce El-Khoury

Mit seiner Gesangspartnerin, der ägyptischen Sopranistin Joyce El-Khoury gestaltet Tetelman einige Duette. Allerdings harmonieren beide Gesangsinterpreten dabei nur bedingt perfekt, zu Vibrato-lastig ist die Stimme der Sopranistin, zu aufgeregt und unruhig flackernd klingt es aus ihr heraus.

 

Dabei hat man bei so viel vokaler Überspanntheit ständig das ungute Gefühl, die Töne leicht kippen zu hören, was wirklich ein kleiner Wermutstropfen an diesem Abend ist. 

 

Überraschend sphärisch hingegen klingt El-Khourys Interpretation der Arie "Vissi d´arte". Je leiser sie die Töne intoniert, desto fülliger, satter, runder und samtiger vibriert ihre Stimme in erstaunlich ruhigen "Gewässern". In der Ruhe liegt ihre wahre Kraft, aus der die Sängerin mittlerweile eine Klangpalette von irisierendem Farbenreichtum zaubert.

 

Und verschwunden ist das Überdrehte in der Stimme, die jetzt nur noch schön klingt. 

 

Während der Dirigent Carlo Montanaro in den Zwischenspielen mit impulsiver Zackigkeit den Taktstock schwingt und sich sportlich flexibel selbst sogar dafür in die Knie zwingt, nur um den Instrumentalisten mit dieser Bodenübung noch ein paar mehr Klangfarben zu entlocken, schwelgt das Publikum auf einer schwerelosen Feder harmonisch süffiger Klänge.

 

Eine Ouvertüre ist dabei reicher an Klangfarben als die andere. Ob nun "La forza del destino" oder "Manon Lescaut" dargeboten wird, Carlo Montanaro holt aus seiner musikalischen Interpretation das Optimum aus jeder Ouvertüre heraus.

 

©Peter Meisel / Konzerthaus Berlin - Jonathan Tetelman, Joyce El-Khoury

Dass an diesem erinnerungswürdigen Abend, der alle ariosen Sahneschnittchen der Komponisten Puccini und Verdi auffährt, natürlich eine ganz bestimmte Arie nicht im Repertoire des Tenors Jonathan Tetelman fehlen darf, ist selbstredend.

 

Alle großen Tenöre haben sie gesungen. Und auch Tetelman wird sie singen: Nessun Dorma aus Puccinis letzter Oper "Turandot".

 

Keiner soll schlafen, so der Titel zu deutsch. Tatsächlich schlägt einem das Herz nach Tetelmans Darbietung bis zum Hals, sodass an Schlaf auch überhaupt nicht mehr zu denken ist.

 

Mit heroischer Strahlkraft, laserscharfen Spitzentönen und einer stimmlichen Virilität, die bis in den letzten Winkel des funkelnden Saales des Berliner Konzerthauses dringt, stemmt Jonathan Tetelman dieses epische Meisterwerk, hebt es gesanglich so weit in den Himmel, dass die Sterne plötzlich zum Greifen nah werden.

 

So muss ein Tenor diese Arie singen können. Für Tetelman eine Sternstunde!

 

Und das Publikum ist aus dem Häuschen, um nicht zu sagen außer Rand und Band. Standing Ovations, dröhnender Applaus. Jetzt bebt das Konzerthaus wirklich.

 

Mittendrin in diesem Meer aus stürmischen Begeisterungswellen badet Jonathan Tetelman und genießt die Beifallslorbeeren ungemein.

 

Nach zwei weiteren Zugaben, von der die Letzte scheinbar nicht geplant war - fehlte doch die Partitur des Dirigenten -reißt irgendwann widerwillig der bebende Applaus im Auditorium ab.

 

Was für ein unvergesslicher Abend. Was für eine Momentaufnahme eines Tenors, der vielleicht noch zu den ganz Großen zählen wird. 

 

Italienische Operngala 

Konzerthaus Berlin

30.11.2023

 

Dirigent: Carlo Montanaro

Sopran: Joyce El-Khoury

Tenor: Jonathan Tetelman

Bariton Artur Rucinski

 

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

 

Ouvertüren, Arien und Duette der Komponisten Verdi und Puccini


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