Jonas Kaufmann singt einen Weltklasse Chénier und das Royal Opera House hält vor Ekstase die Luft an

12. Juni 2024

Rubrik Oper

©Marc Brenner / Royal Opera House

Was für ein absoluter Wahnsinn! Dieser Mann da auf der Bühne dreht auf, zieht alle Register und gibt in seiner Bestform einen Andrea Chénier, wie die Welt ihn so noch nie gesehen hat.

 

Neben mir im Kino sitzt eine ältere Dame, die mir konspirativ ins Ohr flüstert, dass besagter Mann auf der Leinwand ihr Leben wahrlich bereichert und verändert hätte.

 

Von Nicole Hacke

 

Er darf auch noch lange die Bühne nicht verlassen, nicht nur die des heutigen Abends, sondern grundsätzlich keine, denke ich im Stillen und seufze glückselig vor mich hin. Von wem die Rede ist?

 

Natürlich von Jonas Kaufmann, über den ich schon sehr lange kein hundertprozentig enthusiastisches Wort über meine Lippen zu Papier gebracht habe, zu verhalten und vorsichtig erschien mir sein Gesang in letzter Zeit.

 

Doch an diesem Abend geht der Tenor der Tenöre in die Vollen, reizt die kontrollierte Ekstase bis an ihre Grenzen aus und gibt sich seiner Rolle auch darstellerisch mit Haut und Haaren hin. 

 

Es sind absolute Gänsehautmomente mit dem Tenorissimo, der so umwerfend Weltklasse und mit einer stimmlichen Urgewalt gesegnet, wahrhaft großes Opernkino auf die Leinwand bringt, dass einem stellenweise vor ekstatischer Verzückung schier die Luft wegzubleiben droht.

 

Ob es wohl an der besonderen Atmosphäre liegen mag, die dem Abschied des Dirigenten Antonio Pappano vorauseilt? Oder doch eher an der Magie der reifen Stimmen von Jonas Kaufmann und Sondra Radvanovsky, die in dieser besonderen Produktion von Giordanos epischem Meisterwerk Andrea Chénier,  in voller Pracht aufblühen und im knackigen Herbst ihrer jeweiligen Opernkarrieren saturierte Klangfarben und ausdrucksstarke Vokalerotik produzieren?

 

©Marc Brenner / Royal Opera House

Und das bei einer vokalathletischen Messlatte, die in diesem ariosen Fall nicht höher liegen könnte. Changierend zwischen süffigen Lyrismen und heroischer Dramatik, verlangt die Partitur den Sängern fortwährend ausdauernde Stentoralkraft ab.

 

Es sind nur wenige Momente, in denen der packende Historienthriller in ruhigeren Gewässern fließt, zu aufregend zieht sich der rote Faden der fatalen Dreiecksbeziehung temporeich durch den Handlungsstrang, der noch dazu visuell eindrucksvoll von den chaotischen Wirren der Französischen Revolution untermalt wird.

 

Von David Mc Vicar wahrlich auf das Herrlichste in Szene gesetzt, taucht man ein in geschichtliche Romantik, die nicht zu überladen requisitenreich und dennoch mit detailgetreuen Kostümen ausstaffiert, dem Werk Giordanos ästhetische Authentizität verpasst. 

 

Auf der Stelle fühlt man sich zu jeder Zeit in den kompositorischen Fluss hineingezogen. Nach jedem neuen Aufzug fiebert man im Verlauf der sich zuspitzenden Geschichte mit dem Liebespaar Andrea Chénier (Jonas Kaufmann) und Maddalena de Coigny ( Sondra Radvanowsky) mit, die im Strom der chaotischen Metzeleien miteinander untergehen.

 

Mehr Herzschmerz, mehr Drama gehen einfach nicht - Steigerungsmomente inklusive, plus ein Jonas Kaufmann, der wahrhaft durch die Decke und unter die Haut geht.

 

Traumhaft seine Interpretation der ersten Arie" Un di al azzurro spazio", die er mit inbrünstiger Leidenschaft darbietet.

 

Dabei strömen die Legati leicht und duftig nur so aus ihm heraus, warm, fluid und mit einem Timbre ausgestattet, das  sich in wogend langen Atemzügen zu einem zarten Klangteppich verjüngt. 

 

©Marc Brenner / Royal Opera House

Sein "Soave Ora" im 2. Akt raubt einem ebenfalls glatt den Atem, so intensiv steigert sich der crescendierende erste Ton von einem "Pianissimo quanto possibile" zu einem vollumfänglich saturierten Forte.

 

Und dieser Ton, diese Meisterschaft des auf der Zunge zergehenden Hauchs einer flimmernd zarten Nuance, die sich zu einem gewaltigen kraftvollen Begehren aufbäumt, ist so überirdisch erotisch und nicht von dieser Welt, dass man seinen Augen (und besonders den Ohren) kaum mehr trauen kann.

 

Kann es wahr sein? Der Mann dort auf der Leinwand mit dieser stimmlich cremig satten Textur, die honiggolden vor sich hin wabert und traumhaft erotisierende Klänge produziert, ist Jonas Kaufmann fürwahr. Göttlich, einfach nur göttlich!

 

Florierend und von konturierter Schönheit, erstaunt auch die Stimme von Sondra Radvanovsky, die zwar im ersten Akt noch etwas Anlauf nehmen muss, um sich, dann aber sehr gut aufgewärmt, farbenreich in allen erdenklichen Klangfacetten zu ergießen.

 

Zutiefst berührend ist ihre beseelte Interpretation der Arie "La Mamma morta", die sie mit zerbrechlich anmutenden Obertönen zu versehen weiß. Heute scheint die Stunde der drei "PPP"s gekommen, mit der auch die Sopranistin betörend aufbegehrt.

 

Weich und rund in der kristallklaren Höhe lösen sich ihre intensiven Pianissimi zu "süßer Stunde" im gemeinsamen Duett in Kaufmanns baritonalem Timbre auf. Was für ein Liebespaar, das klanglich so harmoniert und auch vokal die rosarote Brille aufhat.

 

©Marc Brenner / Royal Opera House

©Marc Brenner / Royal Opera House

©Marc Brenner / Royal Opera House

©Marc Brenner / Royal Opera House

Und das macht selbstverständlich Lust auf so viel mehr zärtelnde Zweisamkeit, dass man es kaum bis zur Schlussarie: "Vicino a te" aushalten kann. 

 

Dann nämlich explodieren die beiden Ausnahmesänger emotional, peitschen wie wogende Wellen stürmisch aufeinander ein und schaffen einen Höhepunkt, der wie bei den drei "PPP"s einen "Tripple-Gänsehautmoment" evoziert. Oh, wie bin ich verliebt in die kontrolliert unkontrollierte Ekstase.

 

Tatsächlich funktioniert diese Oper auch nur so gut, weil an diesem Abend die Emotionen hochstehen und brandungsintensiv überschwappen. Kaufmann und Radvanovsky sind dafür  der Garant schlechthin.

 

Ebenfalls beeindruckend, ob seiner durchdringend sonoren Stimmgewalt, ist der mongolische Bariton Amartuvshin Enkhbat, der es als Carlo Gérard auf die liebreizende Maddalena de Coigny abgesehen hat.

 

Wenig überzeugt sein Schauspiel, das statisch und mehr an die "Park and Bark" Ära vergangener Tage erinnert. Allerdings "schlägt" der Mann mit einer raumgreifend üppigen Stimme um sich, die wuchtiger und saturierter nicht sein könnte. Ozeanisch im Sinne von registertief trifft es da wohl ganz genau.

 

Tiefenwirksam ist ohne Frage auch das einzigartige Dirigat, das Sir Antonio Pappano zum letzten Mal als Generalmusikdirektor des Royal Opera House zum Besten gibt.

 

Es fühlt sich an, als hörte ich diesen Kompositionsstreich zum allerersten Mal, was wohl damit zusammenhängt, dass Pappano jede einzelne Instrumentalgattung zum Leuchten bringt.

 

Kein diffuser Klangbrei, sondern ein eleganter Klangteppich, aus dem heraus sich die tonale Autonomie vereinzelter Instrumente laserscharf herausfräst.

 

©Marc Brenner / Royal Opera House

©Marc Brenner / Royal Opera House

Untermalend und dennoch einer tonalen Erzählung gleichend, mutet die orchestrale Interpretation filmmusikalisch an und erhöht die Handlung auf der Bühne um höchst spannungsgeladene Momente.

 

Pappano ist ein Meister, nein, vielmehr ist er ein Genie, der die Sprache der Musik durchdringt, erlebt, auslebt und seine Sänger zu emotionalen Höhenflügen animiert.

 

Ist es nun ein Taktstock oder ein Zauberstab, dessen sich Pappano bedient?

 

Ganz gleich, was von beidem der Maestro in Händen hält, es produziert Magie, Magie und nochmals Magie!

 

Was für ein Ereignis und was für ein Chénier, der sich mir eindrücklich ganz tief in meine Erinnerung einbrennen wird.

 

Besetzung

 

Dirigat

Antonio Pappano

 

Carlo Gérard

Amartuvshin Enkhbat

 

Maddalena di Coigny

Sondra Radvanovsky

 

Bersi

Katia Ledoux

 

Contessa di Coigny

Rosalind Plowright

 

Pietro Fléville

William Dazeley

 

Andrea Chénier

Jonas Kaufmann

 

The Abbé

Aled Hall

 

Mathieu

James Cleverton

 

Orazio Coclite

Michael Kenneth Stewart

  

Roucher

Ashley Riches

 

Maximilien Robespierre

Andrew Hobday

 

Madelon

Elena Zilio

  

 

Chorus Director

William Spaulding

 

Orchestra

Orchestra of the Royal Opera House

 

Concert Master

Sergey Levitin


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