MEt Traumpaar Nadine Sierra und Benjamin Bernheim fesseln in Roméo et Juliette

24. März 2024

Rubrik Oper

©Marty Sohl / Met Opera New York

Nadine Sierra hat absolut Recht, wenn sie sich für historische Inszenierungen ausspricht, denn nichts Schöneres könnte es geben, als Shakespeares tragische Liebesgeschichte des Romeo und seiner Julia im Zeitgeist der ursprünglichen Epoche verhaftet zu wissen.

 

Und so spielt die Geschichte des unglücklichen Liebespaares im Verona des 18. Jahrhunderts, kostümopulent, requisitenreich und herrlich in allen Facetten der Bühnenbildkunst ausstaffiert, sodass man sich höchst gespannt im Kinosessel aufrichtet, um das Geschehen auf der Bühne im fernen New York über die große Leinwand aufmerksam mitzuverfolgen. 

 

Von Nicole Hacke

 

Wenig Deutungsvermögen muss für diese selbsterklärende Inszenierung des Regisseurs Bartlett Sher aufgebracht werden, denn das herrliche Bühnenbild präsentiert einen Marktplatz inmitten prunkvoller Hausfassaden im Verona längst vergangener Tage.

 

Shakespeare lässt an dieser Stelle herzlich grüßen und auch das eigene Herz hüpft freudig, ob der wunderschönen Kulisse und der Historienverliebtheit auf und ab.

 

Ebenso aufwendig wie das beeindruckende Bühnenbild sind neben den detailgetreuen Kostümen, die eindrückliche Kampfszene der rivalisierenden Familien Montague und Capulet.

 

Mit blitzenden, scharf wirkenden Säbeln, wird just im 2. Akt aufeinander eingedroschen. Wendig und mit eleganter Geschmeidigkeit trifft im wechselseitigen Spiel Klinge auf Klinge, bis dem hasserfüllten Wettkampf ein Ende mit fatalem Ausgang gesetzt wird.

 

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

Bis dahin ist die Handlung noch zuckersüß. Zwei junge Menschen, die nicht wissen, dass ihre Familien verfeindet sind, verlieben sich ineinander.

 

Es folgen zärtliche Annäherungsversuche und ein romantisches Tête-à-Tête. Aber dann verhärten sich die familiären Fronten an allen Seiten. Und inmitten dieses unbarmherzigen Sturms feindlicher Auseinandersetzungen gerät die große Liebe von Romeo und seiner Julia in einen zerstörerisch wütenden Orkan.

 

Ab dem Zeitpunkt ist nichts mehr wie zuvor. Alles verklärt Romantische weicht einer realitätsnahen Härte, die Zeit und Raum überwindet und sich ebenso im Jetzt und Hier abspielen könnte.

 

Romeo und Julia ist eine wahrhaft zeitlose Geschichte, ein Drama voll unerfüllter Liebe, angefüllt mit Machtbesessenheit, Hass und kriegerischen Auseinandersetzungen, die nicht nur Vergangenheitswert, sondern auch Gegenwartscharakter haben.

 

In all dem Trubel dieser chaotischen Liebesirrrungen und Wirrungen präsentieren sich zwei Stars auf der Opernbühne der Met, die einfach wie die sprichwörtliche "Faust aufs Auge", absolut perfekt miteinander harmonieren.

 

Man könnte fast meinen, Nadine Sierra und Benjamin Bernheim wären auch im echten Leben ein Liebespaar. Dieses Geturtel, diese zärtlichen Gesten, ganz zu schweigen vom glutintensiven Austausch schwer verliebter Blicke:

 

Gott sei Dank erlaubt das Kinoerlebnis so richtig tolle Kamera Close-Ups, damit man neben dem reinen musikalischen Erlebnis, auch das Schauspiel in allen Facetten der Darstellungskunst vollumfänglich einfangen kann.

 

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

Und dass die beiden Weltstars nicht nur ausgezeichnet gut singen können, sondern auch darstellerisch so fantastisch aufeinander eingestimmt sind, macht das Operngesamterlebnis zu einem wahrhaft unvergesslichen Ereignis.

 

Wann hat die "Park-and-Bark" Ära eigentlich aufgehört und wann sind Opernsänger zu so überzeugend großartigen Schauspielern avanciert?

 

Nadine Sierra und Benjamin Bernheim stehen sich jedenfalls in allen künstlerischen Belangen in nichts nach.

 

Links neben mir höre ich sogar eine Kinobesucherin immer wieder schwärmend über die Sopranistin des Abends reden:

 

"Ist sie nicht zauberhaft. Ach, wie süß diese Nadine Sierra doch ist". Die Lobeshymnen auf die US-amerikanische Opernsängerin reißen nicht ab und schlagen nahezu Purzelbäume.

 

Im Stillen muss ich Schmunzeln. So beglückend kann Oper sein.

 

Und wenn sich dann erst das Drama gewaltig zu Buche schlägt, wird Oper erst so richtig packend, fesselnd und unglaublich intensiv, dass man nur noch gebannt auf die Darsteller blickt, seine Ohren dabei hochkonzentriert spitzt, um bloß nicht einen einzigen Ton, nicht eine einzige Gefühlsregung zu verpassen.

 

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

Und Nadine Sierra fesselt ihr Publikum. Ihr Rollenfokus ist immens stark, ihr Schauspiel gleicht dem gelebten Leben selbst.

 

Sie hat es einfach drauf, sich in diese verzweifelte Julia hineinzuversetzen und alles aus dem Charakter herauszuholen, was nur irgendwie geht.

 

Gepaart mit einer unverwechselbar lyrischen Strahlkraft, biegsamen Koloraturen bis zum Abwinken und einer schier endlosen Stimme, die lang und elegant in andere Sphären zu strömen vermag (Je veux vivre), vollzieht die charismatische Sängerin alsbald einen gleichermaßen famosen Schwenk in die dramatischen Tiefen der Seele, aus denen sie eine überraschend urgewaltige Stimme in messerscharfe, ekstatische Höhen treibt.

 

Gleichermaßen heroisch und verzweifelt hysterisch sprengt das Vokalinstrument der Sierra die Schranken der Angst, kurz bevor der giftige Trank ihre biegsame Kehle benetzt.

 

Danach schwellt der begeisterungsintensive Applaus so plötzlich aus dem Nichts auf die Bühne, dass die zarte Persönlichkeit für einen Sekundenbruchteil aus ihrer Rolle zu treten scheint. Ist Nadine Sierra etwa gerührt?

 

Es muss in jeden Fall ein enormer stimmlicher Kraftakt gewesen sein, mit dem sie die Arie in dieser hochdramatischen Rolle gestemmt hat.

 

Der französische Tenor Benjamin Bernheim, der eine absolute Idealbesetzung für die Rolle des Roméo ist, zeigt sich an diesem Abend von seiner verführerischsten Schokoladenseite.

 

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

Wahnsinnig attraktiv in seinem Figur-schmeichelnden Kostüm, die Haare etwas wild aufgebauscht, wirkt der ansonsten eher solide erscheinende Tenor, geradezu sexy. Kleider und Frisur machen eben doch Leute oder aber einen umwerfenden Roméo.

 

Aber das allein macht noch lange nicht einen schmachtenden, werbenden und verliebten jungen Mann, der seinem Leben ein Ende setzen muss, weil er einfach ohne seine Julia nicht sein kann.

 

Herr Bernheim ist grandios und beherrscht das französische Opernfach wie kein anderer. Elegante Linien, hell strahlende Höhen, ein jugendlicher Charme in der Stimme mitsamt einem butterweichen Timbre, das duftig leicht erklingt und angenehm warm im Gehörgang andockt. 

 

Oh, ja! Auch wenn ich so viel lieber baritonal eingefärbten Tenören lausche, muss ich doch gestehen, dass mir dieser Bernheim mit seiner erfrischenden Noblesse wahnsinnig gut gefällt, zumindest in dieser Rolle und im französischen Fach. Da macht dem schlanken Tenor so schnell kein anderer etwas nach.

 

Blendend, voller Esprit und Verve mäandert sein Stimmmaterial durch " Ah! lève-toi soleil!", immer der Sonne entgegen, strahlkräftig und mit laserscharfer Brillanz. Was für eine Klangschmelz!

 

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

©Marty Sohl / Met Opera New York

Herrlich anzuschauen und zu hören ist auch die US-amerikanische Mezzosopranistin Samantha Hankey, die sämtliche Hosenrollen so überzeugend und formvollendet auskleidet, wie auch die des Stéphano. Burschikos schlüpft sie ohne große Mühen in die männlichen Rollen hinein, als wäre es ihre zweite Natur.

 

Dabei sitzt jede Bewegung und jeder Gesichtsausdruck suggeriert: "Hier steht ein heranreifender Mann auf der Bühne."

 

Und auch gesanglich schöpft Samantha Hankey aus ihrem stimmlich anmutigen Füllhorn. Warmgolden schimmert ihr Timbre. In den Höhen strahlt es hell leuchtend. Weiche Linien, Eleganz versprühend  und samtfein, so betörend tönt es, wenn die Künstlerin ihre Arie "Que fais-tu, blanche turturelle" anstimmt.

 

Bei all dem Schöngesang und der feinkonturierten Ästhetik kommt auch das Dirigat von Yannick Nézet-Séguin an diesem Abend nicht zu kurz. Ganz im Gegenteil. Lange, fast schon ausufernd schöne Legato-Bögen, ein Klangteppich so zartschimmernd und von irisierendem Facettenreichtum. Da kann man nur sagen: "Bravissimo Maestro! Sie haben das kompositorische Paket zu einem klangvollen Überraschungsgeschenk verpackt." 


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