Dream-Team Elena Stikhina und Jonathan Tetelman verzaubern in Tosca an der Wiener Staatsoper

Rubrik Oper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Immer wieder sind es doch die alten Produktionen, die in einem historischen Setting, mit historiengetreuen Kostümen einfach deutlich mehr hermachen als jede moderne intellektuell-abgehobene Szenerie, die oftmals wenig sagt und noch viel öfter ihre Wirkung und Potenzialentfaltung komplett verfehlt.

 

Das wird an diesem Abend an der Wiener Staatsoper, vor allem mit so einer Cast, die sich hören und sehen lassen kann, zum Glück nicht passieren.

 

Von Nicole Hacke

 

Elena Stykhina, Jonathan Tetelmann und Ludovic Tézier rocken die Bühne in einem epischen Meisterwerk des ebenso grandiosen italienischen Komponisten Giaccomo Puccini, der sich mit seinem All-time-Klassiker Tosca nicht filmreifere Musik hätte ausdenken können.

 

Inzenatorisch und mit viel Detailliebe in das Rom der napoleonischen Zeit zurückversetzt, liebäugelt man ständig mit den herrlichen Bühnenkulissen und den noch herrlicheren Kostümen. Kein Historienfilm könnte es greifbarer machen, zumal das Liveerlebnis auf der Bühne jedes noch so spektakulär inszenierte Bewegtbild locker in den Schatten stellt.

 

Was aber am allermeisten fasziniert und nahezu berauschend auf den Hörgenuss wirkt, ist die stimmsouveräne Ausstrahlung der Protagonistin des Abends.

 

Elena Stykhina schafft es auf ganzer Linie, als elegante, mondäne und leicht hochnäsige Diva Floria Tosca zu reüssieren.

 

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Ihr Gesang, der nicht nur technisch makellos und wasserdicht ist, besticht durch ein einzigartiges warmgoldenes Timbre, das zuweilen eine warmhölzerne Textur in der satten und sehr sonoren Mittellage freilegt. 

 

Selbst die exponierten Höhen klingen bei der Künstlerin nie überdreht oder gar am Rande der schrillen Hysterie. Alles hört sich gaumenrund, weich und klanglich saturiert an, so dass man sich fast schon in diese watteweiche Stimme hineinfallen lassen möchte.

 

Noch beeindruckender hingegen ist Stykhinas Vermögen, die eiskalte, unnahbare Diva im Laufe des Dreiakters langsam aber sicher auftauen zu lassen. Wie weggeblasen ist die anfängliche Sprödigkeit, mit der die kühle Schönheit ihren Mario Cavaradossi umgarnt und im gleichen Atemzug den Stadthalter Scarpia mit Herablassung von sich stößt.

 

Das allerdings wird ihr bereits im zweiten Akt zum Verhängnis. Dann plötzlich erweicht das kalte Herz und lässt erste Ansätze von Milde und Verletzbarkeit durchscheinen.

 

Tosca ist nun gefangen im bösen Spiel eines machtbesessenen Intriganten, der nur eines im Schilde führt; Terror zu verbreiten und sich auf brutalste Weise zu nehmen, was er ansonsten nie und nimmer bekommen würde: Tosca!

 

Elena Stykhina versteht es voll und ganz, ihre emotionalen Temperaturen der Dramaturgie des Stückes anzupassen. Wie sie plötzlich fleht, wie sie bettelt und bittet, dass ihrem Mario wohl nichts zustoßen möge. Fast wie Butter scheint das Rasseweib zwischen den brutalen Händen des Barons Scarpio zu zerfließen.

 

Doch Achtung vor dem bösen Weib, wenn nur die Not, das Leid, die Verzweiflung um sich schlagen und scheinbar keinen Ausweg mehr erkennen mögen, dann sticht die sanfte Hand mit einem scharfen Messer zu - und aus ist es mit der Terrorherrschaft in Rom.

 

Elena Stykhina bringt Scarpia in Notwehr um. 

 

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Wie einem in dem Moment das Herz anfängt zu rasen. Fast wie auf der Überholspur einer Autobahn. Das war wirklich ganz große Oper. Und Scarpia? Der hat sein Schicksal wohl verdient. Von Ludovic Tézier verkörpert, muss ich mir leider eingestehen, dass mir die explosiveren Klangkörper deutlich besser gefallen, als die kalten, grauenvollen Psychopaten, auf deren Interpretation sich der französische Bariton so ausgezeichnet versteht.

 

Wenig bewegtes Schauspiel, reduzierte Körpersprache, aber dafür Blicke, die auf der Stelle töten oder einen in der Sekunde zu Eis erstarren lassen.

 

Dennoch ist auch dieser Charakter perfekt dargestellt und verdient ebenfalls das darstellerische Prädikat "ausgezeichnet".

 

Zum ersten Mal als Cavaradossi an der Wiener Staatsoper zu bewundern, ist der amerikanisch-chilenische Tenor Jonathan Tetelman, der sich auf das Puccini-Fach hervorragend versteht. Und so auch an diesem Abend. Sehr überzeugend und äußerst stark im Ausdruck erlebt der Zuschauer einen verliebten Maler, der mit Temperament und absoluter Hingabe in dieser Rolle aufgeht

 

Wer es nicht bemerkt haben sollte, weil das im Auditorium recht schwer zu erkennen ist, so schwammen die Augen leicht wässerig noch bevor der erste Ton von "E lucevan le stelle" erklingen konnte.

 

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Der ambitionierte Tenor läuft durchweg zur Höchstform auf, was nicht nur schauspielerisch erlebbar ist, sondern insbesondere in der sehr differenzierten gesanglichen Interpretation konturiert zum Ausdruck kommt. Mit stentoraler Wucht, einer aufschäumenden, sich aufbäumenden emotionalen Klarheit gehen einem seine Viktoria-Rufe durch Mark und Bein.

 

Einfach herrlich, wie explosiv und kraftvoll es dabei aus Tetelman herausbricht; diese Ohnmacht der Ungerechtigkeit, dieses unerträgliche Empfinden, das Schmerz, Wut und tiefempfundenen Hass so formvollendet in stimmliche und schauspielerische Exzellenz gießt.

 

Der einzige Wertmutstropfen, wenn überhaupt erwähnenswert, ist Tetelmans Annäherung an die Arie "E lucevan le stelle", bei der mir ein wenig die Innigkeit, das zarte Geflecht eines gebrochenen Menschen gefehlt hat. Ganz sicher gibt es unterschiedliche Interpretationsansätze, dieser Arie Leben einzuhauchen.

 

Dennoch gefällt mir dieses letzte Aufbegehren, dieses ausdrucksstarke extrovertierte Verzweifeln nicht so gut, wie die Innenschau in das höchst fragile Seelenleben eines Mario Cavaradossi. Nichtsdestotrotz hat mich Jonathan Tetelman insgesamt in dieser Rolle mehr als gerockt, eher schon vom Hocker gehauen.

 

Großartig gestaltet sich auch das Dirigat von Pier Giorgio Morandi, der es zu jeder Zeit schafft dem Dreiakter Atmosphäre und klangteppichreife Tiefe zu verleihen. Immer und immerzu läuft ein Film vor dem inneren Auge ab. Alles bewegt sich, ist bewegt und macht aus dieser traumhaften Musik eine emotionale Reise in eine Welt der Fehlbarkeit und Menschlichkeit.

 

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