La Bohème“ an der Met mit Freddie De Tommaso und Juliana Grigoryan: ein Abend zwischen Schönheit und Ungleichgewicht

Rubrik Oper

©Karen Almond / Met Opera New York

An diesem Abend öffnet sich der Vorhang an der Met zu einer nostalgischen Erzählung von Puccinis meisterhafter Oper "La Bohème", die seinerzeit der Regisseur Franco Zafirelli in einem zauberhaftem Paris der Jahrhundertwende mit besonderer Detailliebe, präzise inszeniert, atmosphärisch verdichtet und für das ästhetisch veranlagte Auge greifbar gemacht hat. Unmittelbar taucht man ein in eine Welt aus Armut, Sehnsucht und künstlerischer Freiheit.

 

Von Nicole Hacke

 

In einer Studentenbude hoch über den Dächern von Paris schlägt das Herz der Geschichte. Alte, schäbige Stühle, abgenutzte Tassen und andere Requisiten erzählen vom spartanischen Alltag vier junger Künstler und entführen uns in ihre Welt aus Zukunftsträumen und pulsierend kreativer Energie.

 

An diesem Ort, der tiefe Einblicke in die ärmliche Behausung und das karge Leben der mittellosen Studenten blicken lässt, spürt man die Spannung zwischen existenzieller Enge und jugendlicher Leidenschaft.

 

Stark kontrastiert durch die belebte Szenerie im zweiten Akt erwacht wie aus dem Nichts Trubel und Heiterkeit auf einem vorweihnachtlichen Marktplatz. Kleine Straßencafés, hell-flackernde Lichter, das quirlig-bewegte Treiben der Pariser – alles füllt die Bühne mit Farbe und Dynamik.

 

Sogar ein echter Esel sorgt charmant für zusätzliche Authentizität. Doch es sind vor allem die Kostüme, die dem belebten und überaus dynamischem Bühnenbild mit Farbenpracht und historischer Genauigkeit die Krone aufsetzen: aufwendig gefertigt, mag man es kaum glauben, das die Samtstola der Musetta tatsächlich aus Echtpelz gefertigt ist, ebenso wie der im vierten Akt zum Einsatz kommende Puff der Mimi.

  

©Karen Almond / Met Opera New York

Fast zu schön, um wahr zu sein, folgt auf diesen Akt erneut ein dramaturgischer Schwenk. Inmitten einer unwirtlichen Winterszenerie, spitzt sich die Handlung mehr und mehr zu. Jetzt ringen die Protagonisten nicht nur mit der frostigen Kälte, sondern mit einer ebenso ernüchternden wie erstarrten Realität.

 

Während man meint, Schneeflocken über die Bühne treiben zu sehen und die Luft im Raum klar, scharf und beißend erscheint, weicht alles Überbordende aus der Weihnachtsszene einer schmerzvollen Episode zwischen Rodolfo und Mimi, die ihre Liebe bereits unter der weißen Schneedecke begraben sehen.

 

Doch erst im letzten Akt entfaltet sich das Drama bis zum Äußersten: Zurück in der Studentenbehausung, sieht der Zuschauer eine vor Krankheit geschwächte Mimi, die umgeben von den vier Studenten auf ihrem Sterbebett die letzten Atemzüge tut. Derselbe Raum, der zu Beginn ein Ort erblühender Liebe und jugendlicher Lebendigkeit war, verwandelt sich nun in ein abgedunkeltes Kämmerlein abgrundtiefer Trauer und Hoffnungslosigkeit.

 

An diesem Ort, wo die Liebe zwischen Rodolfo und Mimi einst Einzug hielt, löscht das Leben rigoros eine kaum entzündete Kerze aus. Mimi stirbt begleitet von überbordend intensiven Emotionen, die diesem epischen Werk Puccinis die rechte dramatische Würze verpassen.

 

©Karen Almond / Met Opera New York

Darstellerisch überzeugend und noch dazu mit stimmlich ausgereifter Tiefe versehen, überrascht die Sopranistin Juliana Grigoryan als Mimi mit einer warmgoldenen Stimme, die zu tiefen Emotionen fähig ist. Ihre Rolleninterpretation hat zu Beginn etwas Naives, entwickelt sich jedoch mit der Dramaturgie der Handlung facettenreich und ausgesprochen tiefgründig. Die innere Entwicklung des Charakters wird offensichtlich, auch stimmlich.

 

Grigoryan entfaltet im ersten Akt feinste Piani und schimmernde Obertöne, die fast zerbrechlich anmuten, während ihre leidenschaftlichen Ausbrüche im dritten Akt die Verzweiflung und das sich anbahnende Drama in greifbare Nähe rücken. Schauspielerisch nimmt man ihr von der anfänglich naiv-verliebten jungen Frau bis zur verzweifelt Sterbenden alles ab. Ihr steht die Rolle formidabel.

 

Freddie De Tommaso hingegen zeigt in der Rolle des Rodolfo deutliche Schwachstellen. Seine Stimme wirkt über weite Strecken extrem forciert, die Obertöne sind gedrückt, die dynamische Entfaltung der Stimme klingt über große Streckenabschnitte deutlich unausgewogen. Ständig im Forte und in den exponierten Lagen ausdauernd crescendierend, verliert seine Interpretation an Kontur; das schöne, metallisch-edle Timbre, das Tommasos Stimmsubstanz hergibt, bleibt farblos und eindimensional.

 

Käme seine Stimme differenzierter zum Einsatz, könnte er die Klangfarben seines Instruments viel reicher zur Geltung bringen. So jedoch bleibt der Gesang wenig nuanciert, sodass sich kaum emotionale Temperaturen über die Stimme zu voller Strahlkraft entfalten können.

 

was die Weggefährten Rodolfos anbelangt, treten diese darstellerisch wie auch gesanglich sehr präsent in Erscheinung. Lucas Meachem als Marcello verfügt über einen vollmundigen Bariton, herrlich satte Tiefen, eine sonor-warme Stimme, die angenehm im Gehör liegt. 

 

 

©Karen Almond / Met Opera New York

Colline (Jongmin Park) und Schaunard (Sean Michael Plumb) bringen eigene Nuancen in das Ensemble ein. Park singt „Vecchia zimarra senti“ mit besonders emotionaler Tiefe, Plumb ergänzt das Quartett mit spielerischem Leichtmut und kontrastiert die dramatischen Momente gelungen.

 

Donald Maxwell, der sich gekonnt  in den Doppelrollen Benoit und Alcindoro austobt, fügt der Handlung eine humorvolle Note hinzu, wobei insbesondere seine Darstellung des aufdringlichen Vermieters überzeugt.

 

Heidi Stober als Musetta hingegen kann in ihrer großen Arie „Quando m’en vo“ nur eingeschränkt punkten: Ihre Koloraturen wirken blass, die Höhen nicht ganz sicher, die Obertöne teilweise stumpf. Es fehlt ihr der schillernde Glanz und ein wenig Esprit, um der Figur ein leuchtendes Charisma zu verleihen.

 

Insgesamt ist die Ensembleleistung von einigen individuellen Schwächen geprägt, trifft in der Summe dennoch den emotionalen Kern von Puccinis Oper. Grigoryan und De Tommaso, trotz der Defizite des Tenors, bilden dabei das Zentrum, um das sich die musikalischen und schauspielerischen Kräfte bündeln.

 

Zu guter Letzt unterstreicht das Dirigat von Keri-Lynn Wilson die Aufführung mit einer Energie, die oftmals zu überbordend wirkt. Gleich mit Beginn der Ouvertüre spürt man ein viel zu überdrehtes Tempo. Dabei entsteht der Eindruck, als stolpere man unwirsch und auch etwas plump in die Oper hinein, was dem eleganten Fluss der Musik Geschmeidigkeit raubt.

 

Auch die Einstiege in die folgenden Akte wirken oft polterig und stark forciert, sodass der rhythmische Fluss gelegentlich ins Stolpern gerät und man kurz das Gefühl hat, einer anderen Oper zu lauschen und nicht Puccinis „La Bohème“.

 

Trotzdem gelingt es ihr, das Orchester als kraftvollen, lebendigen Korpus zusammenzuhalten, der die Szenerie in allen emotionalen Klangfacetten untermalt,  wenn auch manchmal mit einem leichten Übermaß an Energie. Wilsons Dirigat bleibt also ein zweischneidiges Schwert: Es verleiht der Aufführung Drive und Vitalität, verliert aber gelegentlich die delikaten Nuancierungen, die Puccinis Musik so unvergleichlich machen.

 

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