Rubrik Oper
©Marty Sohl / Met Opera New York
Endlich mal eine Oper, die ganz im Zeichen der emanzipierten Frau steht. Hätte man das gedacht und noch dazu von Bellini? Kaum zu glauben, dass weibliche Progressivität in diesem herrlichen Belcanto-Werk ganz, ganz groß geschrieben wird. La Sonambula sollte man sich deshalb nicht nur merken, sondern das Meisterwerk des anmutigen Belcanto künftig in die engere Auswahl seiner Opernfavoriten ziehen.
Schließlich gibt es kaum etwas Trostloseres als die ewig sterbenden jugendlichen Heldinnen, die erst von ihren Loverboys verführt und dann in letzter Sekunde doch irgendwie hängengelassen werden.
Von Nicole Hacke
Das "Hängengelassen-Werden" passiert in dieser Oper zwar auch, nur hat am Ende keiner mit dem Selbstbewusstsein einer Frau gerechnet, die ihre Freiheit über das Glück einer devot liebenden Ehefrau erhebt. Insofern stirbt hier niemand, die Frau macht ihr eigenes Ding und lässt einen verdatterten "Fast-Ex-Ehemann" zurück, der zusehen kann, welch andere Anwärterin auf sein Herz er ersatzweise an den Bund der Ehe fesseln kann.
Holla, die Waldfee, die da tatsächlich gleich im ersten Aufzug tänzelnd, das freiheitsliebende Alter-Ego der "La Sonambula" verkörpert.
Von Rolando Villazón traumhaft inszeniert, findet sich der Betrachter in einer gigantischen Alpenlandschaft wieder, die aus urwüchsigem Fels und ewigem Eis recht massiv und bedrohlich auf den Betrachter wirkt.
Auf mich jedenfalls wirkt bei diesem Bühnenbild die geballte Faszination von unendlicher Freiheit wie Balsam für die Seele. Und auch Nadine Sierra, die Protagonistin des Abends, tänzelt schwebend über steile Felswände hinab in ein Dorf, das scheinbar ihr Schicksal besiegeln soll.
©Marty Sohl / Met Opera New York
©Marty Sohl / Met Opera New York
©Marty Sohl / Met Opera New York
©Marty Sohl / Met Opera New York
Doch weit gefehlt. Denn es kommt alles anders als gedacht. Zuvor aber wird man in dem guten Glauben belassen, dass in einem idyllischen Dorf Friede, Freude und naja, Eierkuchen herrscht. Leider besteht aber die Dorfgemeinschaft aus einem eingeschworen Kreis mit stark konventionell eingefärbten Überzeugungen.
Genau dort soll nun die frohgemute und freiheitsliebende Nadine Sierra, alias Amina, ihren liebenden Elvino ehelichen. So weit so gut, wäre da nicht die eifersüchtige Lisa, die sich Hoffnungen auf eine Ehe mit Elvino gemacht hat und daher fürchten muss, dass man ihr diese Fremde, die nicht Teil der Dorfgemeinschaft ist, direkt vor die Nase setzt.
Und wie in jedem spannenden Bühnenwerk, steigern sich in dieser Oper nicht nur die höchst flexiblen Koloraturen himmelhoch jauchzend in den Orbit des Auditoriums, nein, auch der Klimax der Handlung bleibt in diesem Fall nicht aus.
Amina, die in der Nacht vor der Hochzeit schlafwandelnd durch die Irre geistert, wird von einem Dorfgast auf dem Marktplatz im bloßen Nachthemdchen aufgegabelt. Es ist der Graf Rodolfo, der schon bei seiner Ankunft von Elvino missbilligend in Empfang genommen wurde. Nun bedeckt er die "Sonambula" schützend und aus purer Nächstenliebe mit seinem Morgenmantel.
Doch ehe der nächste Morgen heranbricht, wird Amina von der niederträchtigen Lisa im Schlafmantel des Grafen aufgefunden. Plötzlich verbreitet sich das Gerücht des Ehebruchs wie ein Lauffeuer. Amina wird des sündhaften Seitensprungs bezichtigt und auf der Stelle von Elvino verstoßen. Aus ist es mit Aminas Traun einer glücklichen gemeinsamen Zukunft.
©Marty Sohl / Met Opera New York
©Marty Sohl / Met Opera New York
Dass Elvino sich schnell mit Lisa tröstet, davon bekommt Amina vorerst nichts mit, da sie sich in ihrer Verzweiflung, Elvino nicht von ihrer Unschuld überzeugen zu können, in einen etwas längeren, erschöpfungsreichen Tiefschlaf begibt.
Während Elvino flugs die Hochzeit mit Lisa in Angriff nimmt, so, als hätte es niemals eine Amina in seinem Leben gegeben, wird alsbald bekannt, dass auch Lisa ein kurzes Techtelmechtel mit dem Grafen am Laufen hatte und Amina tatsächlich unschuldig ist. Als der Graf von ihrem Schlafwandeln zu berichten weiß, klärt sich die Sachlage auf und Elvino ist bereit, endlich seine Angebetete zu ehelichen.
Doch wie es sich gehört, braucht man schließlich keinen Mann, der sich so schnell mit einer anderen trösten kann, verpasst Amina dem verdatternden Elvino einen Korb und genießt fortan ihre Freiheit. Über eine Leiter, die Villazón sehr symbolisch in die raue Berglandschaft gepflanzt hat, entflieht Amina in die unendliche Freiheit der Natur - nämlich in ihre eigene unbändige und unbezähmbare Natur.
Welch Wunderwerk der Geschichte, die es vermag ein Frauenschicksal endlich mal nicht aus der Opferrolle heraus zu erzählen.
Und ach, was sage ich: Wie überirdisch berauschend Nadine Sierra sich dieser Rolle hingibt. Ihre Koloraturen, die sich in exorbitante Obertöne aufschwingen, leicht und duftig, und dabei so zartschmelzend wie ein buttriges Karamell-Bonbon im Gehörgang zerfließen, werden von einem bernsteinfarbenen Timbre sanft ummantelt.
Diese Stimme hat nicht nur geballte Klang-Power, sondern besticht auch durch eine Biegsamkeit, die den Registerspagat in dieser absolut schwierigen Belcanto-Rolle mit Bravour, na, was sage ich, mit herausragender Verve und Ausdruckskraft zu meistern vermag.
©Marty Sohl / Met Opera New York
©Marty Sohl / Met Opera New York
Und dann noch dieser letzte siegesgewisse Ton, der nicht schrill, sondern euphorisch brillant wie ein Bergkristall zu leuchten vermag, das ist Kunst in absoluter Perfektion, zumal auch die emotionale Tiefe bei Nadine Sierra an nichts zu wünschen übrig lässt.
Ich will ja nicht vermessen sein, aber wenn das mal nicht die nächste Netrebko wird. So eine gewaltiges Stimmorgan, das weite Legato-Bögen und koloraturintensive Obertöne bis zum Abwinken lupenrein und mit dieser langen Stimme zu stemmen vermag, ist enorm, um nicht zu sagen, schier unmöglich?
Ich schwärme, bin begeistert und kann gleichermaßen auch vom Tenor des Abends, Xabier Anduaga, nicht genug kriegen. Dieser elegante, leicht metallische Schimmer in der Stimme, dieses zauberhafte Timbre, das gepaart mit einer stentoralen Energie, wirklich jeden opernaffinen Kenner umhauen muss, ist sensationell, umwerfend und einfach nicht zu toppen.
Diese beiden Sänger sind das Belcanto-Traumpaar schlechthin. Man höre und staune einfach nur mit offenem Mund, wenn die Duette harmonisch satt und wie aus einem honiggoldenen Guss, weich und warm über die Lippen der beiden Interpreten fließen. Das hat Substanz, ganz viel Körper und klingt dennoch wie ein hauchzartes Seidengeflecht.
Und natürlich brillieren auch Sidney Mancasola als Lisa und Alexander Vinogradov als Graf Rodolfo in ihren jeweiligen Rollen, was an der Met aber auch kein Zufall ist. Schließlich hört man dort die Besten der Besten. Oder sagen wir mal, oft genug hört man sie dort.
Auch Riccardo Frizza versteht sein Dirigat auf das Anmutigste. Mit schwebender Raffinesse untermalt der orchestrale Klangteppich die spritzige Leichtigkeit einer Belcanto-Musik, die Bellini nicht märchenhafter hätte komponieren können. Auch wenn ich mit Sicherheit nicht der geborene Belcanto-Fan bin, diese Oper hat es in sich - und zwar ganz gewaltig.