Spaß in der Oper? Mit Tobias Kratzers "Das Paradies und die PEri" ganz bestimmt

Rubrik Oper

©Monika Ritterhaus

Na, was ist denn da vom Himmel gefallen? Während ich mich gerade durch das Parkett schlängele, um in Reihe 16 meinen Sitzplatz zu finden, nehme ich aus den Augenwinkeln ein reges Treiben auf der Bühne wahr. Da ist ein Kameramann, der unverfroren auf die Auditoriumsgäste hält, mal im Close-Up, dann wieder über die Reihen vor- und zurück gleitend, so als ob sich dieser Abend nicht auf der Bühne, sondern im Saal abspielen würde.

 

Auch ich werde immer wieder durch die Objektivlinse der hin-und her schwenkenden Kamera  fokussiert und sehe mich wie viele andere im Publikum auf eine überdimensionierte Bühnenleinwand projiziert. Hhmm! Wie gewöhnungsbedürftig und gleichermaßen amüsant ist das denn!

 

Von Nicole Hacke

 

Da plötzlich winkt ein ganz junges Mädchen, 6 Jahre alt mag sie sein, in die Kamera, voller Enthusiasmus und ausufernder Freude. Ihre Gemütsverfassung als glücklich zu betiteln, wäre keineswegs aus der Luft gegriffen. Herrlich, wie einem bei so einen Anblick das Herz aufgeht. Und noch dazu bei einem so jungen Menschen, der sich unbändig auf die Oper freut. Na bitte, wenn das ein solcher Abend evozieren kann, dann ist die Oper absolut gerettet.

 

Nicht gerettet, weil irgendwie reglos am Boden liegend, scheint das Peri-Mädchen, alias Vera Lotte Boecker, die sich, sobald die ersten Orchesterklänge aus dem Graben hervordringen, ungelenk aus ihrer scheinbaren Totenstarre befreit.

 

Ihre Engelsflügel, die einst prächtig gewesen waren, liegen wie ein Scherbenhaufen zerstreut am Boden. Aus dem Paradies unsanft auf die Erde gefallen; die schockähnliche Verwunderung der Peri könnte nicht größer sein.

  

©Monika Ritterhaus

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Und so beginnt für den gefallenen Engel, der am liebsten wieder sofort ins Paradies zurückkehren würde, eine Odysee durch die abgründige Seelenlandschaft einer Welt, die von Klimakrisen, Krieg und Pandemien geplagt ist. Drei Prüfungen muss der vom Paradies ausgestoßene Engel bestehen, um wieder Zutritt in das himmlische Reich zu erlangen.

 

Kein einfaches Unterfangen, wenn man sich erst in einer von Menschen erschaffenen Welt zurechtfinden muss, noch dazu, wenn diese seltsamen Erdenbewohner in beinahe apokalyptischen Zuständen ihr Dasein fristen. Sehr anschaulich und mit einer eindrücklichen Nahbarkeit versehen, hat sich der Regisseur Tobias Kratzer um diese besondere Inszenierung verdient gemacht.

 

Das ein geistliches Oratorium als Opernwerk inszenatorisch so formvollendet ausgeschmückt werden kann, war mir bis dato neu. Tatsächlich funktioniert es ausgezeichnet und hält einen so wunderbar "bei der Stange", dass einem nicht eine Sekunde langweilig wird.

 

Wie auch, wenn sich das Schauspiel nicht nur auf der Bühne abspielt, sondern sogar bis in die ersten Reihen des Parketts durchdringt. So erleben wir nach dem blutigem Intermezzo, das Vera-Lotte Boecker vom Kopf bis Fuß mit roter Farbe tränkt, eine lautstark protestierende Zuschauerin, die sich erbost aus ihrem Sitz erhebt und kräftige Buhrufe vom Saal auf die Bühne absetzt. "Das wollen Sie sich doch nicht wirklich antun", schmettert die resolute Erscheinung in das Publikum hinein, bevor Sie mit herrischer Attitüde das Auditorium für immer verlässt.

 

 

©Monika Ritterhaus

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Und nicht nur dass. Plötzlich hält die Kamera von der Bühne auf einen vor sich hindösenden Herren, der von seiner peinlich berührten Gattin immer wieder von der Seite angeblinzelt wird, so als wollen ihre Blicke bewirken, dass sich der Göttergatte blitzschnell aus seinem Tiefschlaf aufrappeln möge. Aber alle Versuche, den Traumwandelnden aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken erscheint vergebene Müh; ganz zur Belustigung des mittlerweile unisono lachenden Publikums.

 

Und auch der weinende Zuschauer wird minutenlang im Close-Up der Kamera festgehalten, so als könne die Objektlinse dieses Phänomen des emotional gerührten Menschen nicht loslassen. Spannend wird es aber erst dann, als Vera-Lotte Boecker über die ersten 8 Parkettreihen mit einer sportlichen Agilität klettert, um dem älteren Herren, die tränennassen Wangen zu streicheln.

 

Was für eine Geste, was für ein Moment, in dem die Sopranistin mit ihrer göttergleichen Stimme ein "Hautnah-Erlebnis" aus der Oper macht, wie man es ansonsten selten erlebt.

 

Tobias Kratzer hat bei seiner Inszenierung alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um eine aktive Teilnahme am Bühnengeschehen greifbar zu machen. Und das ist ihm wohlgemerkt ganz famos gelungen.

 

So nah an einem Sänger dran sein zu dürfen und sich von den enormen Dezibel einer Opernstimme beschallen zu lassen, das ist ein einzigartiges Erlebnis, das Oper erst zu dem macht, was es sein sollte: nahbar und unmittelbar erlebbar.

 

Dass die Peri am Ende trotz aller bestandenen Prüfungen der Himmel dennoch verwehrt bleibt, setzt der handlungsintensiven Interpretation noch das Sahnehäubchen oben auf. Als eine von vielen, muss die Peri sich in den Chor der irdischen Geschöpfe einordnen, was ihr scheinbar ganz und gar nicht schmeckt. Denn nachdem Sie bemerkt, dass ihr das Paradies verschlossen bleiben wird, knallt sie ihr Notenbuch wutentbrannt auf den Boden und rennt davon.

 

Ende gut, alles gut? Naja, wie das Leben eben so spielt, nicht immer fair, aber dafür identifikationsstiftend und berührend.  

 

©Monika Ritterhaus

©Monika Ritterhaus

©Monika Ritterhaus

Besonders berührend  und zu Herzen gehend gestaltet sich dann auch die Interpretation der Sopranistin Vera Lotte Boecker, die es schafft Schumanns Oratorium mit leidenschaftlicher Verve und einer interpretatorischen Glaubhaftigkeit zu bestücken, die fasziniert.

 

Grandios ist vor allem ihr Durchhaltevermögen, geschlagene 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn regungslos am Boden zu verharren, um sich zu guter Letzt dann noch den Balanceakt zu geben, über Stuhlreihen hinwegzuschreiten, als wäre das ein Klacks. Auch der "Bluterguss" aus dem Eimer scheint ihr kaum etwas ausgemacht zu haben. Dass sie dabei noch singt wie ein Engel, während ihr die rote Farbe dickflüssig über Nase und Mund läuft, bleibt mir ein absolutes Rätsel.

 

Diese Frau versteht es, sich für die aktionsreiche Inszenierung zu verausgaben und dabei noch betörend schöne Töne von sich zu geben. Ja, Frau Boeckers Stimme hat Glanz, Strahlkraft und brillante Höhen, die sie gefühlt mit Leichtigkeit meistert. Immerfort klingt es registeragil und mit eleganter Verblendung aus der angenehm saturierten Mittellage in die duftig kristallinen Obertöne. Diese Stimme ist ein absoluter Hochgenuss, ebenso wie die des Tenors Kai Kluge  und des Engels Ivan Borodulin, die jeweils in ihren unterschiedlichen Tenorfächern, ganz besondere Klangperlen in das Auditorium absetzen.

 

Ein Erlebnis ist auch das grandiose Schauspiel der jungen Mezzosopranistin Kady Evanyshyn, die auf das Herzlichste mit dem Publikum interagiert und auch stimmlich eine glanzvolle Partie abgibt. Ebenfalls beeindruckt das Debüt von Felix Hornbachner, der ein fein austariertes Dirigat zur Schau stellt und dabei die Handlung auf der Bühne musikalisch vorantreibt, atmosphärisch unterstützt und dem Werk so emotionale Tiefe verleiht.

 

Ein absoluter Hörgenuss, der sich noch dazu gut sehen und anschauen lässt und klar veranschaulicht, wie Oper neu und exzellent interpretiert werden kann, ohne dass man gleich entrüstet aus dem Auditorium stürzt. Nun gut! Eine hat´s gewagt - und zwar der reinen Provokation wegen!

 

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