Rubrik Oper
©Brinkhoff / Mögenburg
Die Hamburgische Staatsoper ist an diesem Abend erstaunlich gut besucht, obgleich man doch allerorts nur munkeln hört, wie furchtbar schrecklich Verdis Meisterwerk Il Trovatore inszenatorisch in die Mangel genommen wird, den modernen Anwandlungen des Regisseurs Immo Karaman sei Dank.
Erschreckend vielleicht, inspirierend sowieso und überhaupt kann von schlecht, schrecklich oder abstoßend bei diesem interpretatorischen Treffer ins Schwarze kaum die Rede sein.
Von Nicole Hacke
Die Geschichte, die sich in der Gegenwart der 50er Jahre abspielt, wirkt durch die Bank weg authentisch, nachvollziehbar und erlebt sich wie ein spannender Thriller, der nur noch von den hochköchelnden Gefühlen seiner Protagonisten getoppt wird.
Was sich in der Originallesart als Historiendrama positioniert, erweckt auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper implodierendes Potenzial. Vier Wände eines goldenen Käfigs, aka einer hochherrschaftlichen Villa, in der sich ein Familiendrama der Sonderklasse ereignet und auf engstem Raum eine Dynamik entfaltet, die dramaturgisch bahnbrechend ist:
Sofort begreift man, wie einengend, maßregelnd und zwanghaft das Leben in den noch so herrlichsten "Vier Wänden" sein kann. Stimmen die familiären Grundpfeiler nicht, ist das Gleichgewicht unausgewogen, buhlen zwei Männer um eine Frau, dann weiß man bereits im ersten Akt, dass der letzte im wahrsten Sinne des Wortes das Ende bedeutet.
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Und so fiebert man von Akt zu Akt, von Szene zu Szene mit den Protagonisten, vor allem aber mit der Protagonistin mit, die an diesem Abend ihre Premiere in der Rolle der Leonora feiert - frenetisch möchte man meinen, wäre das Publikum nicht so sparsam mit seinen Applaussalven.
Eleonora Buratto, die im Olymp der Opernbranche als ganz große Versprechung gilt, demonstriert in dieser schwierigen und langatmigen Rolle, dass Leidenschaft, Leid und Liebe ein unzertrennliches Dreiergespann bilden, das sich in unkontrollierbarer Ekstase entlädt; äußerst eruptiv und mit einer fesselnden Dynamik.
Diese Sopranistin weiß genau, wovon sie singt und vor allem, wie sie es tut. Große Gefühle, große Gesten gepaart mit einer wasserdichten Technik, die bis in die exponiertesten Obertöne, noch dazu mit einer scheinbar unangestrengten Leichtigkeit und eleganten Noblesse trägt, verfehlt ihre Wirkung nicht ein einziges Mal.
Dabei wird jede ihrer Arien vom Publikum im Beinahezustand der Hypnose aufgesogen. Huster und unflätige Flüstergeräusche werden brüsk von Sitznachbarn unterbunden.
Die Konzentration im Auditorium erreicht einen Siedepunkt, der fast schon unheimlich erscheint. Wann fährt das Publikum endlich mal aus der Haut und beklatscht die herausragende Leistung dieser einzigartigen Sopranistin?
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Doch Fehlanzeige. Viel zu stumm, viel zu unbeteiligt, scheint das Publikum in einen Dornröschenschlaf verfallen zu sein. Nun, wenn die Träume darin so märchenhaft anmuten, wie die Darbietungen auf der Bühne, sei ihm großmütig verziehen.
Es bleibt auf jeden Fall dabei! Diese Frau hat Klasse, Format und eine Stimme, die sich einem warmgolden auf die Seele legt. Doch auch Luna (Boris Pinkhasnovich), Manrico (Enea Scala), Azucena (Clementine Margaine) und Inez (Mariana Poltorak) erwecken mit Verve und einer gehörigen Portion Dramatik ihre jeweiligen Rollen zum Leben.
Nicht eine Sekunde wird einem langweilig, nicht eine einzige gesungene Phrase erscheint im Großen und Ganzen überflüssig. Alle Sänger werden ihren Rollen mehr als nur gerecht.
Sehr leidenschaftlich und ausgesprochen agil bringt sich auch Enea Scala als Manrico in das dramatische Geschehen ein.
Mit stentoraler Kraft und einer stimmlichen Substanz, die sogar gegen den Chor aufbegehrt, stemmt er jede Arie mit Bravour und metallischer Schärfe. Boris Pinkhasovich beeindruckt gleichermaßen in seiner niederträchtigen und von eisiger Brutalität gefärbten Rolle - sonor und mit tonaler Tiefenwirkung versehen.
Clémentine Margaine und Mariana Poltorak bestechen ebenfalls in ihren jeweiligen Rollenbildern, die sie gesanglich wie auch darstellerisch berührend auskleiden.
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Bleibt noch das Dirigat von Matteo Beltrami, das sich wie ein Korkenzieher in die Wunde des Dramas schraubt, um sich mit musikalischem Tiefgang und energischer Dynamik formschön in ihr festzusetzen - ein Genuss für emotionale Hörmomente und ein gelungener Auftakt für diese "Troubadour"- Serie!