Rubrik Oper
©Nicole Hacke / Operaversum
Der erste Opernbesuch mag für viele wie ein gesellschaftlicher Hochleistungssport wirken, bei dem es in Wahrheit weit weniger angestrengt zugeht, als es die gängigen Mythen vermuten lassen. Selbst gefeierte Sängerinnen und Sänger sind nicht vor jenen charmanten Momenten gefeit, in denen ein Ton nicht mit der gewohnten Selbstverständlichkeit in den Raum trägt oder eine Phrase sich nicht in tonaler Pracht entfaltet.
Gerade diese kleinen Imperfektionen machen den Reiz des Live-Erlebnisses in der Oper aus. Und was die Sorge um die perfekte Abendgarderobe anbelangt: Keine Panik! Sie müssen sich nicht in ein textilarchitektonisches Wunderwerk zwängen. Eine stilvolle, unaufgeregte Garderobe genügt völlig. Schließlich wollen Sie in die Oper, nicht auf den roten Teppich der überambitionierten Selbstdarsteller.
Von Nicole Hacke
Doch kaum haben Sie die Garderobe gewählt, steht die eigentliche Herausforderung eines ersten Opernbesuchs bevor: der Ticketkauf! Während Online bereits alles ausverkauft ist, noch bevor Sie „Premierenfieber“ buchstabieren können, müssen Sie am Kartenschalter schweißgebadet zwischen leiser Hoffnung und Contenance darum bangen, nicht doch noch den Sekundärmarkt bemühen zu müssen. Schließlich legen die Preise dort den Verdacht nahe, man bekäme zum Sitzplatz noch einen Kleinwagen dazu.
Doch zum Glück genügt manchmal ein freundliches Lächeln am Ticketschalter, ein leiser Anflug von Begeisterung für die klassische Musik und aus den Untiefen der Datenbank taucht plötzlich noch ein einzelner Platz auf, der angeblich seit Wochen vergeben war. Oper kann schließlich auch ein Faszinosum der kleinen Wunder sein.
Jetzt gilt es am Abend der Vorstellung nur noch, mit unaufgeregter Eleganz durch das Foyer zu schreiten und die Architektur des Prunkbaus zu bewundern, so als gehörten sie schon längst zum Inner Circle der Eingeweihten dazu. Dann noch ein flüchtiger Blick ins Programmheft und Sie wirken so, als hätten Sie bereits Jahre in einem Opernhaus zugebracht. Kein Mensch wird je darauf kommen, dass Sie sich als Neuling erst noch die fachspezifischen Sporen dazu verdienen müssen, um sich offiziell in die Reihen der Opernpuristen einreihen zu dürfen
Perfektion ist in der Oper ohnehin zweitrangig; entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, sich von Klang, Drama und den gelegentlichen kleinen Katastrophen des "Auditoriumalltags" verzaubern zu lassen. Wenn Sie am Ende des Abends berauscht und leicht benommen in die Nacht hinaustreten, wird Ihnen klar: Das Opernvirus hat Sie gepackt, lässt Sie nicht mehr los und Sie wissen: Einmal Oper, für immer Oper!
©Nicole Hacke / Operaversum
Zu spät in die Oper kommen, ist kein Kavaliersdelikt, es ist ein persönliches Höllenexperiment. Man betritt das prachtvolle Foyer, atemlos und leicht zerzaust, mit dem Ticket in der Hand und der vagen Hoffnung, dass man irgendwie noch unbemerkt ins Auditorium hineinschlüpfen kann.
Doch die Realität zerschlägt jegliche Hoffnung im Nu, denn bis zum Ende des ersten Aktes muss man draußen im Foyer ausharren, umringt von anderen zu spät kommenden Opernenthusiasten, die allesamt dasselbe Schicksal mit einem teilen.
Hier sitzt man nun wie bestellt und nicht abgeholt; zwar auf bequemen Sesseln, an der Bar oder anderswo, aber dennoch vom eigentlichen Operngeschehen rigorios abgewürgt. Angestrengt lauscht man den ersten Orchesterklängen, die gedämpft durch die geschlossenen Türen des Auditoriums dringen, und spürt, wie der erste Akt langsam, aber sicher an einem vorbeizieht, ohne dass man auch nur einen einzigen Schritt in den Saal setzen darf.
Jede Minute die im Foyer verstreicht, fühlt sich wie eine Qual an. Schließlich verpasst man die Ouvertüre, den Auftritt des Lieblingstenors und die ersten dramatischen Höhepunkte der Handlung. Und doch übt die stille Atmosphäre des Foyers einen gewissen Reiz auf einen aus.
Die anderen "Zuspätkommer" sind ein buntes Panoptikum aus resignierten Seelen: Manche seufzen schwer in sich hinein, andere nesteln unruhig an ihrem Programmheft herum, wieder andere trippeln nervös auf der Stelle, so als könnten sie das ewige Warten auf den 2. Akt nicht eine Sekunde länger aushalten.
Und dann der nicht Ruhe geben wollende innere Monolog, der einen fasst auffrist: „Warum bin ich nicht früher losgefahren? Warum habe ich mich bloß im Verkehr verheddert? Warum eigentlich habe ich stattdessen kein Pferd genommen?“
Schließlich, nach gefühlten Stunden des Wartens öffnen sich endlich die Türen zum Saal. Nun darf man eintreten, sich elegant durch die Parkettreihen zu seinem Sitzplatz hindurchmanövrieren, um des ersten Aktes beraubt, unglimpflich in den 2. Akt hineinkatapultiert zu werden.
Merke: Die Oper ist wie eine Mini-Version des Lebens. Und wer zu spät kommt, den bestraft nun mal das Leben!
©Nicole Hacke / Operaversum
Voller Erwartung und mit einer leisen Vorahnung, dass man gleich etwas erleben wird, das einem das Herz aus der Brust reißen könnte oder zumindest die Nackenmuskeln lähmt, betritt man das Opernhaus. Denn die hohe Kunst des Sitzens ist ein eingeständiges Opernfach, das weder einem YouTube-Tutorial noch einem Yoga-Kurs gerecht wird.
Obgleich die plüschig rotsamtenen Sitze eines Opernhauses auf den erste Blick wie ein Versprechen von Luxus, Komfort und aristokratischer Gemütlichkeit wirken, sind sie ergonomisch leider so gestaltet, dass sie einen Menschen in eine Sitzposition zwingen, die in etwa einer Mischung aus gehobener Folterkammer und Yoga-Übung gleicht.
Mit geradem Rücken, nach hinten durchgedrückten Schultern und den Knien im rechten Winkel, wird jeder Versuch, sich entspannt auf die Arie des Tenors zu konzentrieren, zunichte gemacht. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist der Sitznachbar, der den Opernabend zu einem sozialen Balanceakt avancieren lässt. Schließlich muss man genau wissen, wann man flüstern darf, wann es genehm ist, zu applaudieren und wann man bitte bloß nicht anfängt zu niesen.
Denn im Publikum gibt es ungeschriebene Gesetze! Jeder Huster und jedes Räuspern wird als Verstoß gegen die Opernethik gehandelt, bedenkt man, dass der noch so kleinste Huster wie ein durchdringender Paukenschlag tönt, der die gesamte künstlerische Balance des Orchesters aus den Angeln heben kann, zumindest in der Vorstellung der ultrastrengen Opernpuristen.
Doch die physische Herausforderung auf unnachgiebiger Bestuhlung gehört nun mal zur Oper mit dazu. Vier Stunden auf einem Samtsitz, der minimal gepolstert ist, sorgen dafür, dass man am Ende ein tiefes Verständnis dafür entwickelt, warum die Sänger auf der Bühne manchmal mit dem Boden zu verschmelzen scheinen: Es ist reiner Selbstschutz vor der physischen Überlastung.
Aber zum Glück gibt es ja die Pausen, in denen man sich endlich bewegen und ein bisschen dehnen darf. Auch Schulterkreisen ist erlaubt. Aber Vorsicht! Wer zu sehr auffällt oder bei seinen zu sportlich wirkenden Gymnastikübungen aus dem habituellen Rahmen fällt, wird mit Missbilligung gestraft.
Fazit: Wer die Kunst des Sitzens einmal gemeistert hat, fühlt sich wie ein Opernprofi, der mit Eleganz, Würde und einem Hauch Selbstironie auf die Welt blicken darf. Schließlich und endlich sitzt man nicht nur, nein, man performt auch - und zwar für sich selbst, für den Tenor und für das Gelingen des Opernabends. Am Ende gilt: Überleben auf rotem Samt ist eine Kunst für sich.
Wer sie beherrscht, kann jede Arie genießen, selbst wenn der Sitz unbequem ist, der Nachbar schnarcht oder die Orchesterklänge mal wieder ein wenig zu schrill geraten. Und glauben Sie mir: Wer erst einmal die Sitz-Etikette perfektioniert hat, der lacht nur noch über Hustenanfälle und krachende Absätze. Schließlich hat man die Meisterschaft des stundenlangen Sitzens wie einen medidativen Akt der Selbstberrschung mit Suma cum laude bestanden.
Es gibt Menschen, die behaupten, die Oper sei das höchste aller Künste. Doch sie irren. Die wahre Kunst liegt im Husten, genauer gesagt, im richtigen Hustenmoment. Denn während auf der Bühne Bösewichte sterben, Liebende singen und Tenöre schweißgebadet gegen ihr Vibrato ankämpfen, thront im Parkett ein anderes Drama, nämlich das Bronchiale.
Dabei unterscheidet man zwischen drei Arten von Husten:
1. Das vornehme Husten, das dezent und kaum hörbar, meistens bei Kammeropern oder Liederabenden zum Einsatz kommt, wo bereits das Atmen an sich im Publikum als Störung wahrgenommen wird.
2. Der kollektive Hustenanfall, eine Art gesellschaftliches Phänomen, das bevorzugt in der Pause zwischen zwei Akten auftritt. Hier entlädt sich, was über eine Stunde lang mühsam unterdrückt wurde und so klingt, als würde der ganze Saal synchron einen alten Traktor starten.
3. Das Solohusten passiert immer dann, wenn auf der Bühne gerade das absolute Pianissimo herrscht und auf einen Moment trifft, in dem die Sopranistin mit zittriger Seele hauchzart ihr "Addio.." anstimmt. Just in dem Moment vernimmt man dieses einzelne Husten, das die gesamte Phrase der Sopranistin auf einen Schlag zerstört.
Man könnte meinen, diese Hustenattentäter hätten es nur darauf abgesehen, sich wie Scharfschützen mit voller Konzentration, absoluter Präzision und einer Mischung aus Instinkt, Timing und Rücksichtslosigkeit darauf zu stürzen, der Musik den Garaus zu bereiten.
Dabei ist das Unterdrücken des Hustens eine der größten Prüfungen des modernen Kulturmenschen überhaupt. Man schwitzt, man röchelt, man verkrampft, die Kehle brennt, die Augen tränen, der ganze Körper fleht um Erlösung. Doch man wagt es nicht, die tödliche Stille zu brechen. Und wenn dann endlich das Orchester in voller Lautstärke wieder einsetzt, wenn die Blechbläser und die Streicher unisono ein donnerndes Crescendo verlauten lassen, dann und erst dann darf man loshusten - inbrünstig und mit einem Gefühl, das an pure Freiheit grenzt!
Allerdings lauert hierbei die Gefahr des sogenannten Nachklapphustens, jenes unkontrollierten Nachbebens, das sich hartnäckig hält, während das Orchester schön längst wieder auf einem zarten Klangteppich dahinschwebt. Aber sagen Sie, wer hat sie nicht erlebt, diese unangenehmen Nachklapphuster, die den Opernhäusern über die Jahrhunderte hinweg treu ergeben geblieben sind.
So sehr wir uns auch um den perfekten Publikumsauftritt bemühen mögen, so sind wir vor Hustenattacken nie gefeit. Und wenn der Sänger auf der Bühne inbrünstig seinen letzten Atemzug singt und irgendwo aus Reihe 12 im Parkett ein tapferer Kehlkopf seinem Husten Luft macht, dann weiß man, dass die Oper lebt, atmet und eben auch hustet.
©Nicole Hacke / Operaversum
Es ist eine universelle Wahrheit, irgendwo zwischen Aristoteles und Aida verborgen, dass sich jede Oper grundsätzlich um ein Frauenschicksal dreht und dabei jene Sorte Frau beleuchtet, die daran glaubt, das am Ende alles gut wird und die Liebe obsiegt, um nach gerade Mal 45 Minuten ihre Gutgläubigkeit bereits bitter zu bereuen.
Frauenfiguren in der Oper sind das musikalische Urgestein des naiven Optimismus. Sie öffnen Türen, die sie besser geschlossen ließen, glauben jedem Mann mit einer halbwegs passablen Tenorstimme und sind am Ende tragischerweise entweder tot, wahnsinnig oder in einer fatalen Beziehung gefangen.
Letzteres gilt in der Oper übrigens als das schlimmste aller drei Schicksale, denn es führt zwangsläufig in den Wahnsinn, beziehungsweise in den sicheren Tod. Nehmen wir zum Beispiel Violetta aus La Traviata, die Dame, die sich denkt: „Ach, dieser Alfredo, das ist ein Mann für´s Leben!“ Fünf Arien später stirbt sie an Tuberkulose, während er immer noch in Zeitlupe erkennt, dass Liebe allein keine Krankenversicherung ersetzt.
Oder Tosca, eine Frau, die aus Liebe leidet, mordet, verfolgt wird und dann in einem waghalsigen Akt heroischer Theatralik von der Engelsburg springt. Wäre sie realistisch veranlagt gewesen, hätte sie sich vermutlich einfach einen Anwalt genommen.
Und Carmen? Ach, Carmen. Die glaubt, sie könne einen Mann umerziehen, ein Unterfangen, das selbst in der modernen Paartherapie noch als Hochrisikoprojekt gilt und in der Oper mit Carmen´s sicherem Tod endet.
Doch das Faszinierende daran ist: Wir lieben sie alle, diese Frauen, die zu viel fühlen, die zu sehr hoffen, die zu beseelt singen und zu spät merken, dass Vertrauen in der Oper ungefähr so gefährlich ist wie ein Duett mit einem Tenor auf leerem Magen.
Es ist, als hätte die Oper sich verschworen, die naive Hingabe zur Kunstform zu erheben. Jede Bühne, jede Arie, jeder Tränenmoment lebt davon, dass jemand glaubt, gegen jede Vernunft, dass Liebe die einzige und wahre Rettung ist. Und genau da, in diesem blindlings hingeworfenen Vertrauen, liegt der ganze Zauber.
Denn ohne sie, ohne diese glühenden, überdramatischen Frauenfiguren, die sich kopfüber ins Verderben singen und schauspielern, gäbe es keine Oper, sondern lediglich gelangweilte Herren im Frack, die auf der Bühne über Steuererklärungen diskutieren würden.
Und ja, jedes Operndrama beginnt und endet mit einer Frau, die zu viel Vertrauen in die Liebe hat. Aber sie endet auch mit uns, den Zuschauern, die immer wieder glauben, das es dieses Mal gut ausgehen wird. Und dann sitzen wir jedes Mal wieder mit glänzenden Augen und einem Taschentuch in der Hand in einem Auditorium, während das Orchester die letzten Akkorde spielt, wissend, dass wir uns schon morgen wieder dieselbe Geschichte ansehen werden. Aber warum? Nun, weil wir genauso sind wie eben diese Frauenfiguren: Hoffnungsvoll, melodramatisch und manchmal auch so herrlich unverbesserlich.
Die gute Nachricht zuerst: Niemand versteht Italienisch. Die schlechte: Alle tun so. Kaum hebt sich der Vorhang, nicken ringsum gelehrte Köpfe bedeutungsvoll im Takt und murmeln „Ah, die Rezitativstelle!“ Dabei schauen sie überaus wissend, als hätten sie gerade den Sinn des Lebens entschlüsselt. In Wahrheit haben 90 Prozent des Publikums keine Ahnung, was da gerade auf der Bühne dargeboten wird. Das hält sie allerdings nicht davon ab, an den genau richtigen Stellen traurig zu seufzen oder andächtig die Augen zu schließen, so als wären sie im direkten Dialog mit Verdi höchstpersönlich.
Überlebensstrategie Nummer eins:
Lesen Sie den Klappentext im Programmheft. Wenn Sie den Anfang („Liebe, Ehre, Verrat“) und das Ende („Tod“) kennen, wissen Sie bereits 98 % der Handlung.
Überlebensstrategie Nummer zwei:
Wenn Sie neben einem echten Kenner sitzen, also jemandem, der laut mitsummt, wenn die Stretta naht, nicken Sie einfach gelegentlich anerkennend und flüstern: „Was für ein unglaubliches Legato, finden Sie nicht?“ Egal, was das bedeutet, es wirkt immer gebildet.
Überlebensstrategie Nummer drei:
Wenn Sie sich gar nicht mehr zurechtfinden, achten Sie auf das Bühnenbild. Sitzt jemand auf einem Sofa, wird es emotional. Steht jemand auf einem Turm, wird er gleich springen. Und sobald das Licht bläulich wird: Machen Sie sich auf einen Tod gefasst.
©Nicole Hacke / Operaversum
Es ist die hohe Kunst des gepflegten Opern-Smalltalks über etwas zu sprechen, von dem man bestenfalls die Ouvertüre kennt oder, im schlimmsten Fall, nur den Klingelton seines Nachbarn, der zufällig "Nessun dorma" vor sich hinpiept. Doch keine Sorge, auch das will gelernt sein. Und mit der richtigen Strategie kann man selbst unter eingefleischten Kennern glänzen, als hätte man persönlich mit Verdi zu Abend gegessen.
1. Das Grundprinzip: Nicken, lächeln, murmeln
Wenn jemand im Gespräch den Satz fallen lässt: „Also ich finde, die Netrebko hat im dritten Akt viel von ihrer stimmlichen Leuchtkraft verloren“, antworten Sie mit einem wissenden Nicken: „Ja, absolut – dieser Ansatz war riskant, aber im Kontext der Inszenierung durchaus nachvollziehbar.“ Was Sie gesagt haben, bedeutet rein gar nichts, aber genau das ist der Trick. Opernliebhaber hören in Nebelphrasen die Poesie des Eingeweihten. Und sollten Sie wirklich in die Enge getrieben werden, fügen Sie leise hinzu: „Man merkt einfach, dass sie auf der großen Bühne zu Hause ist.“ Dieser Satz funktioniert immer. Wirklich immer!
2. Benutzen Sie große Worte mit banaler Bedeutung
Je bedeutungsvoller das Vokabular klingt, desto weniger muss der Inhalt tragen. Sagen Sie etwa: „Diese Regiearbeit ist sehr mutig, gerade im Hinblick auf die ästhetische Verfremdung des Bühnenraums.“ Oder: „Ich fand den interpretatorischen Bruch zwischen dem zweiten und dritten Akt konzeptionell durchaus spannend.“ Niemand wird Sie hinterfragen. Im Gegenteil: Sie wirken, als schrieben Sie heimlich eine Doktorarbeit über postdramatische Klangästhetik in der spätromantischen Oper.
3. Der Name-Drop – Ihr bester Freund
Beginnen Sie bitte kein Gespräch über Oper, ohne mindestens zwei Namen zu erwähnen, die man fallen lässt wie kostbare Arienperlen. „Also, ich erinnere mich, wie Jonas Kaufmann die Rolleninterpretation in Zürich gelöst hat. Das war viel subtiler!“ Oder, wenn Sie auf intellektuelle Wirkung aus sind: „Bei Karajan war das ja noch alles viel organischer, finden Sie nicht?“ Sollte Ihnen spontan kein Household-Name einfallen, erwähnen Sie Maria Callas. Das funktioniert immer. Oder Luciano Pavarotti. Beide sind seit Jahrzehnten tot, was Sie automatisch davor schützt, dass jemand kontert: „Ach, den hab ich letzte Woche doch gehört.“
4. Emotion schlägt Kompetenz
Wenn Sie gar nicht mehr weiterwissen, setzen Sie auf Gefühl. Seufzen Sie tief und sagen Sie: „Diese Musik! Ich habe selten etwas so Ergreifendes erlebt!“, auch wenn Sie in Wahrheit die ganze Zeit damit beschäftigt waren, herauszufinden, ob die Dame in der Reihe vor Ihnen wirklich ein Diadem getragen oder ob es nur im Licht so gefunkelt hat. Emotion ist die Universalwährung des Operngesprächs. Keiner wird wagen, einer aufrichtigen Rührung zu widersprechen. Sie ist sakrosankt.
5. Flucht nach vorn: Die intellektuelle Nebelkerze
Wird das Gespräch zu fachspezifisch, etwa, wenn jemand plötzlich über das Libretto in Originalsprache zu referieren beginnt, lächeln Sie milde und sagen: „Das ist natürlich alles eine Frage der Perspektive. Die Rezeptionsgeschichte hat sich ja seit den 70ern stark gewandelt.“ Niemand weiß, was das bedeutet, aber alle nicken ehrfürchtig. So bewaffnet, sind Sie für jede kulturelle Herausforderung gerüstet. Sie werden mühelos in jedem Opernfoyer bestehen, ganz gleich, ob Sie Don Giovanni oder Don Camillo gesehen haben. Wichtig ist nur, dass Sie dabei so klingen, als hätten Sie beide Opernwerke schon mal dirigiert.
Es gibt zwei Arten von Opernbesuchern: jene, die gleiten, und jene, die stolpern. Die ersteren bewegen sich mühelos über den roten Teppich, als hätten sie ihr ganzes Leben damit verbracht, Türen von Portiers öffnen zu lassen, während sie lässig „Bonsoir“ murmeln. Die anderen, also die Mehrheit, bleiben mit dem Mantel am Türgriff hängen, ringen mit der Garderobenmarke und fragen sich bereits nach den ersten drei Minuten, ob sie overdressed oder underdressed sind. Die Wahrheit: In der Oper ist man immer beides gleichzeitig.
Nun die Frage aller Fragen: Was ziehe ich an?
Die Kleiderordnung ist in der Oper eine Art Glaubensbekenntnis. Für manche gleicht sie einem liturgischen Ritus, das die Oper als Hochamt mit Frack und Fliege zelebriert. Für andere ist sie längst zu einem Casual-Friday im Abendlicht geworden. Doch wehe, man verkennt den Grad der Feierlichkeit! Wer glaubt, ein schwarzes T-Shirt mit einem diskreten Opernlogo („Verdi forever“) reiche, der wird spätestens beim Blick in die Reihe vor sich schimmerndes Satin und Brillantringe groß wie Türklinken erkennen: hier wird noch Ritualpflege betrieben.
Die goldene Regel lautet also: Lieber zu sehr nach Gala aussehen als nach Getränkestand in der Pause. Und falls Sie sich fragen, ob das kleine Schwarze zu gewagt oder der Smoking zu steif ist, dann sei Ihnen gesagt: Die Arie des guten Geschmacks ist immer in Moll komponiert, aber mit einem Augenzwinkern.
Das Opernpublikum ist eine faszinierende zoologische Gattung, die sich in fein abgestufte Unterarten gliedert:
• Der Kennerus Pedantus
sitzt in Reihe 5, murmelt bei jedem hohen C „Zu forciert!“ und schreibt später Leserbriefe an die Intendanz.
• Die Selfie-Diva
erkennt man an der Clutch, die mehr glitzert als der Kronleuchter im Foyer, und daran, dass sie bei der Ouvertüre versucht, ein Foto mit dem Dirigenten zu machen.
• Der Dauergast
besitzt denselben Stammplatz seit 1973, trägt stets denselben Cordanzug und kann noch genau sagen, wann die Luft im dritten Rang „besser“ war.
• Der Neuling
erkennbar an der nervösen Haltung und dem fieberhaften Studium des Librettos glaubt, das „Vorspiel“ sei ein eigener Akt.
Wenn diese Spezies aufeinandertreffen, ist das wie ein gesellschaftliches Oratorium, dissonant, aber spannend. Und wenn Sie das Gefühl haben, Sie gehören nirgends so richtig dazu, dann haben Sie keine Sorge. Das ist der sicherste Beweis, dass Sie angekommen sind.
©Nicole Hacke / Operaversum
Endlich! Der Vorhang schließt, das Orchester verstummt, die Spannung löst sich. Zeit für den heiligen Gral der Opernunterbrechung: den Pausenwein.
Kaum ist die letzte Note verhallt, setzt eine zivilisierte Massenflucht unter den Publikumsgästen in Richtung Foyer ein. Nicht etwa, weil man das Gesehene verdauen müsste, sondern weil man gesehen werden möchte, wie man das Gesehene verdaut.
Die Opernpause ist schließlich kein einfaches Zeitintervall zwischen zwei Akten, sondern eine gesellschaftliche Bühne, auf der das Publikum selbst zur Inszenierung wird. Hier entscheidet sich, wer dazugehört und wer nur so tut. In der einen Hand hält man das Glas, vorzugsweise Weißwein, leicht gekühlt, etwas säuerlich, mit einer Note von „teurem Plastikbecher“, in der anderen das Programmheft, in dem man so tut, als würde man den Regiekommentar tief durchdringen.
In Wahrheit überlegt man angestrengt, ob man mit dem Schaumwein an der Seite vom Cousin des Baritons aus Düsseldorf besser punkten würde als beim Smalltalk mit dem Herrn im Samtjackett, der einem gerade erklären möchte, warum Verdi eigentlich ein verkannter Revolutionär war.
Während man nun den ersten Schluck vom Pausenwein nimmt, entwickelt sich am Gaumen ein geschmackaufdringliches Bouquet, das sich irgendwo zwischen Mosel, Fußbodenbelag und ungespültem Glas einordnen lässt. Aber das spielt keine Rolle, denn der Opernpausenwein wird nicht getrunken, um zu schmecken, er wird getrunken, um zu signalisieren: „Ich bin Teil dieser Welt. Ich gehöre dazu. Ich kann den Schmerz von Don José nachvollziehen und gleichzeitig über Korkenqualität hinwegsehen.“
Je nach Haus variiert die Typologie des Pausengetränks: Im Luxushaus ist es Champagner, der die Leere des Herzens mit prickelndem Snobismus füllt. Im Stadttheater ist es ein Riesling, der seine besten Jahre hinter sich hat, genau wie die Deko. Und in der Freilichtoper fließt das Bier in Plastikbechern, während eine Opernfreundin in Stilettos verzweifelt versucht, auf der Rasenfläche Haltung zu bewahren. Doch der Pausenwein hat noch eine weitere, tiefere Funktion: Er ist ein Trostpflaster. Ein alkoholisch zarter Puffer zwischen dem Pathos der ersten Hälfte des Opernabends und dem drohenden Liebestod im letzten Akt. Er hilft, das eben Gesehene kurzzeitig zu vergessen, um es danach umso intensiver wieder zu fühlen.
Denn nach der Pause ist nichts mehr, wie es mal war. Man ist leicht benebelt, etwas mutiger, vielleicht sogar empfänglicher für hohe Töne, die man ansonsten nüchtern nie überlebt hätte. Und während der Gong ertönt, dieses feierliche akustische „Jetzt bitte zurück in eure Logen der Läuterung“, leert man hastig das Glas, stellt es mit einer Geste ab, die weltgewandte Lässigkeit suggeriert, und sagt halblaut den Satz, der in keinem Foyer fehlen darf: „Ach, diese Pause kam genau richtig.“
Was sie eigentlich bedeutet: „Ich weiß nicht, was da auf der Bühne passiert ist, aber der Wein hat´s gerichtet.“
©Nicole Hacke / Operaversum
Ach, die Opernkarten – diese kleinen, goldglänzenden Tickets, die gleichzeitig Glück, Prestige und akute Panik auslösen. Wer sie nicht hat, steht draußen und starrt sehnsüchtig durch die Glasscheiben des Vorverkaufsbüros, während der Tenor im Haupthaus probenhalber bereits die erste Arie in den Orbit schmettert.
Zuerst einmal: Planung ist alles. Oder besser gesagt: Planung ist fast alles, denn ein bisschen Glück gehört auch dazu. Denn wer glaubt, er könne einfach spontan eine Karte ergattern, irrt sich gewaltig. Opernkarten, besonders für große Namen oder Premieren, sind heiß begehrt wie Champagner auf einer einsamen Insel.
Die Profis unter den Opernliebhabern gehen deshalb strategisch vor: Sie zücken ihren Kalender, stellen ihren Alarm auf dem Handy und haben immer ihre Kreditkarte parat. Sie wissen ganz genau, wann die Tickets in den Online-Verkauf gehen und sitzen schon zwei Stunden vorher vor dem Bildschirm, die Hand auf der Maus, die Stirn leicht angespannt, als hinge ihr Leben davon ab.
Dann gibt es die Geduldigen, die stillen Beobachter, die ihre ganze Hoffnung auf Rückläufer setzen. Diese tapferen Seelen checken stündlich die Website, die E-Mail-Updates, sogar die sozialen Medien, in der verzweifelten Hoffnung, dass irgendwo ein Ticket wie ein verlorenes Sockenei wieder auftaucht.
Und dann gibt es natürlich noch die Abenteuerlustigen, die riskieren, sich spontan in den Opernsaal zu stürzen, auf ein Wunder hoffen oder einen besonders nachsichtigen Kartenverkäufer, der ein Ticket aus der hintersten Ecke des Lagers zückt, quasi der Heilige Gral der Opernwelt. Spoiler: die Chance, dass das klappt, ist ungefähr so hoch wie ein Tenor, der bei Otello die Hölle- und die Paradiesarie gleichzeitig singt.
Für alle, die es ernst mit ihren Opernkarten meinen: Unterschätzen Sie bitte niemals, wie schnell die Plätze im Opernhaus ausverkauft sein können. Wer zu spät kommt, geht leider leer aus. Punkt. Keine Ausreden, kein Mitleid, kein Kuss der Muse. Wenn die Plätze weg sind, steht man leider draußen im Regen, während drinnen das Orchester schon den ersten Akkord anschlägt. Wer jedoch glaubt, mit Stil und Charme ließe sich noch etwas deixeln, täuscht sich gewaltig.
Die Mode spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, obwohl: gut gekleidet sein schadet nie. Schließlich wollen Sie beim Kartenverkauf nicht aussehen wie jemand, der gerade aus dem Pyjama geschlüpft ist. Ein Hauch von Eleganz signalisiert: „Ich gehöre hierher. Ich bin Oper.“
Denn Oper ist mehr als Musik – sie ist ein Spiel aus Spannung, Drama und kleinen persönlichen Heldentaten. Wer den triumphalen Moment der Ticketjagd überstanden hat, weiß: Der erste Ton auf der Bühne ist wie der wohlverdiente Schluck Champagner nach einem Marathon – berauschend, aufregend und einfach süß, weil man ihn sich redlich verdient hat.“
Ach, der Opernbesuch! Was für ein Ereignis, bei dem sich die Modewelt ebenso intensiv austobt wie die Orchestergräben selbst. Und genau wie bei der Ticketjagd gilt auch hier: Wer den Dresscode missachtet, läuft Gefahr, entweder wie ein Fashion-Ikone zu glänzen oder wie ein wandelnder Jogginghose-Fauxpas durch den Saal zu schlurfen.
Doch machen Sie sich keine Sorge: Ihre Panik ist unnötig. Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie im Frack erscheinen, es sei denn, Sie wollen für die nächste „Best Dressed“-Liste der Kritiker kandidieren. Ein gut sitzendes Abendoutfit, ein Hauch von Eleganz, etwas, das sagt: „Ja, ich weiß, wie man in die Oper geht, auch wenn ich gerade zum ersten Mal hier bin“ – mehr braucht es nicht.
Aber Achtung: Zwischen den Zeilen lauern Fallen. Die Frau mit dem glitzernden Kleid, das mehr Scheinwerferlicht reflektiert als die Bühne selbst, oder der Herr, der im feinen Anzug schon beim Aperitif ein Glas Rotwein auf der Hose verteilt, all das gehört zum ungeschriebenen Regelwerk der Opernetikette. Sehen Sie es als Survival-Training und lernen Sie folgende Formel wie ein Gebet:
Eleganz + Selbstbeherrschung = Überleben.
Und dann gibt es natürlich die, die sich in Jeans, Hoodie und Sneakers für hypercasual halten, was absolut tödlich enden kann, wenn man von der gesellschaftlichen Erwartung getroffen wird. Aber eine kleine Insiderinfo am Rande: Solange Sie Ihre Opernkarte in der Hand halten, haben Sie die Lizenz zum Stilbruch. Mit anderen Worten: Sie dürfen theoretisch unbehelligt joggen, turnen oder dösen, ohne dass sie sich gleich eine Abfuhr für Stilbruchverletzungen holen. Und noch ein Tipp: Schmuck sollte Ihr Freund sein.
Aber bitte nicht zu viel des Guten. Sie wollen schließlich glänzen, nicht blenden. Ein feiner Schal, dezenter Schmuck, eine Tasche, die nicht quietscht, all das zeigt: Sie sind bereit, sich der Magie der Oper hinzugeben, ohne das Orchester visuell zu erschlagen. Apropos Schuhe! Bitte, denken Sie daran, dass sie mit den Schuhen ihrer Wahl sitzen, stehen, aufstehen und sich evtl. sogar bücken müssen.
Dabei wollen sie sicherlich nicht, dass das Ganze in einem schmerzhaften Tanz mit unbequemen Absätzen endet. Bequem und elegant zugleich, das macht die hohe Kunst der Schuhwahl aus. Am Ende gilt: Selbstbewusstsein schlägt Moderegeln.
Denn wer die Oper mit einem Lächeln betritt, stolz auf seine Karte und auf seine (mehr oder weniger) stilvolle Erscheinung ist, wird automatisch akzeptiert. Schließlich schauen die Leute gebannt auf das Bühnengeschehen und nicht auf ihre Füße. Und wenn Sie doch mal die falsche Kleider- und Schuhwahl getroffen haben, schieben sie bloß keine Panik! Betreten Sie einfach den Saal, atmen Sie tief durch und erinnern Sie sich daran, dass die Musik alles richten wird. Ein Opernabend spielt immer die erste Geige, ihre Jogginghose, die Glitterkatastrophe oder die zu hohen Absätze nur die zweite.
©Nicole Hacke / Operaversum
Wer glaubt, ein Opernbesuch bestünde lediglich aus Musik, Emotionen und großen Gesten, unterschätzt eine ihrer wichtigsten Disziplinen: den strategischen Toilettengang. Ja, tatsächlich! Wer die Blase nicht richtig timt, riskiert nicht nur peinliche Momente, sondern gleich eine ganze Kaskade an Unglück, die da wäre:
Unterbrechung des Orchesters, verstörte Blicke aus dem Publikum und den eigenen inneren Alptraum eines „Ich muss raus, aber darf nicht“-Marathons. Denn Hand aufs Herz: Ein Opernakt kann leicht 90 Minuten oder länger dauern. Das ist Zeit genug, dass selbst der geduldigste Mensch ungeduldig wird. Wer also während der Vorstellung die eigene Blase ignoriert, begibt sich in ein Minenfeld: Jedes Geräusch, jedes Rutschen auf dem Sitz, jedes ungeduldige Zappeln wird von Opernpuristen sofort registriert.
Und nichts, wirklich nichts, zerstört den Opernzauber schneller als ein plötzlich aufspringender Sitznachbar, der in die Stille brüllt: „Entschuldigung! Ich muss…“ Die goldene Regel lautet deshalb: vor der Vorstellung und in den Pausen aufs Klo gehen. Punkt. Kein Ausweichen, keine Ausreden. Lieber einmal mehr für "Kleine Mädchen" ausgetreten, als einmal zu spät. Denn wer erst während des Aktes erkennt, dass die Blase protestiert, hat nur eine Option: diskret leiden, versuchen, die Spannung zu ignorieren und hoffen, dass das Publikum allzu nachsichtig mit einem ist.
Und wehe dem, der einmal das Auditorium während der laufenden Vorstellung verlässt! Dann heißt es: im Foyer ausharren, warten bis der Akt vorbei ist, und sich bitterlich darüber ärgern, dass der leere Sitzplatz sehnsüchtig auf einen wartet und dennoch tabu ist.
Man steht dann frustriert wie der sprichwörtliche Ochs vorm Tor, während man reumütig denkt: „Hätte ich doch nur vorher…“ Merke: Ein Opernabend verlangt Timing, Planung und ein wenig Demut vor der Blasenkontrolle. Wer diese einfache Regel beherrscht, sitzt entspannt, verpasst nicht einen einzigen dramatischen Moment und muss sich auch nicht mitten im "Te deum" in peinlicher Hast aus dem Saal stehlen.
Wer glaubt, man könne einfach so in die Oper spazieren und sich von der Musik treiben lassen, hat die erste Lektion des Opernerlebnisses noch nicht vollumfänglich verstanden: Ohne Opernführer sind sie nämlich aufgeschmissen. Mit ihm haben sie den verlässlichsten Freund an ihrer Seite. Zwar mag es wie eine lästige Pflicht erscheinen, vor der Vorstellung noch schnell ein paar Seiten zu überfliegen.
Aber glauben Sie mir: Wer sich rein auf sein Gedächtnis verlässt, wird spätestens beim dritten Akt feststellen, dass die komplexen Beziehungen und Intrigen wie ein in sich verheddertes Wollknäuel schwer zu entwirren sind. Und dann steht man da, verdattert wie ein Tourist in Venedig ohne Stadtplan, während sich die Sänger auf der Bühne die Seele aus dem Leib singen und man sich selbst nur noch perplex fragt: „Wer zum Teufel ist dieser Graf? Und warum ist er plötzlich tot?“
Um solch ein Fiasko zu vermeiden, sollte man den Opernführer unbedingt vor der Vorstellung gelesen haben, sich die Höhepunkte der Handlung markieren, die wichtigsten Figuren memorieren sowie Intrigen und Affären verinnerlichen. Auf diese Weise wird man zum kleinen Regisseur, der den Abend bereits mental im Kopf inszeniert. Und glauben Sie mir: ihr Sitznachbar wird es Ihnen danken, denn nichts ist peinlicher, als mitten im dramatischsten Moment zu flüstern: „Äh, wer singt jetzt eigentlich was?“, während die Dame auf der Bühne die Luft anhält, als hinge ihr Leben am nächsten Ton.
Noch ein Geheimtipp: Wer den Opernführer nicht nur liest, sondern sich darin auch Notizen macht, um kleine Eselsbrücken zu bauen, steigert nicht nur sein Verständnis, sondern wirkt hinterher auch erstaunlich gebildet. Dann nämlich kann man später bei Aperitif oder Champagner in der Pause leicht beiläufig sagen: „Ach, diese Arie, die ist ja so raffiniert komponiert, weil der Komponist die Interaktion zwischen Bariton und Sopran mit subtilen Tritonus-Übergängen versieht…“, was unweigerlich dazu führen wird, das alle um sie herum ehrfürchtig nicken.
Kurzum: den Opernführer studieren ist keine Option, es ist eine Überlebensstrategie. Ohne ihn ist man verloren, sitzt ahnungslos im Saal und wird die wahren Höhepunkte der Aufführung erst dann begreifen, wenn die letzte Note verklungen ist. Merken Sie sich also: Wer vorbereitet in die Oper geht, versteht die Handlung, kann aktiv mitfiebern und wird nicht zum tragischen Statisten im eigenen Opernabenteuer.
Ach ja, die Untertitel sind eine überschätzte Versuchung, sie strahlen Dich an wie ein grelles Leuchtschild, nur dass es nicht blinkt, sondern stoisch die Worte serviert, die man doch eigentlich gar nicht sehen wollte. Manche Opernbesucher schwören darauf, jeder Text müsse akribisch mitgelesen werden, als hinge das eigene Überleben davon ab. Dabei könnte man fast meinen, sie hätten Angst, ohne Untertitel in die Oper gehen zu müssen, so, als würde man ein Raumschiff ohne Bedienungsanleitung betreten.
Aber mal ehrlich: wer während der Arie den Blick starr auf die Untertitel richtet, verpasst die Musik, das Schauspiel und all die Gesten und Zwischentöne, die eine wirklich großartige Aufführung ausmachen. Merke: das Auge sieht, das Ohr hört, das Herz erlebt. Nur wenn man ständig zwischen Textzeile und Bühne hin- und herpendelt, ist das wie ein Tanz auf zwei völlig unterschiedlichen Partys, pardon Partituren.
Man stolpert, verpasst irgendwie das eigentliche Bühnenerlebnis und fühlt sich irgendwann wie ein Synchronisationszwangopfer. Mein Rat: Studieren Sie vorher den Opernführer. Kennen Sie Handlung und Figuren, als hätten Sie sie selbst erfunden. Dann brauchen Sie die Untertitel während der Vorstellung nämlich nicht mitlesen, sondern können sich vollständig in den Moment der Handlung stürzen, indem Sie die Musik aufsaugen, jede Emotion inhalieren und jeden dramatischen Augenblick mit Ihrem ganzen Körper nachspüren.
Untertitel sollten lediglich als letzter Notnagel dienen, wenn man ganz plötzlich den roten Handlungsfaden verliert. Wer nämlich wirklich clever ist, lässt die Augen auf der Bühne, die Gedanken bei der Musik, und das Herz bei der Oper. Denn wer zu sehr auf die Untertitel fixiert ist, verpasst das Wesentliche aus Magie, das Gänsehautgefühl und aus der unvorhersehbaren Kraft, die eine Live-Oper entfalten kann.
Merken Sie sich also: Der Opernführer macht die Untertitel überflüssig, und Ihr Erlebnis um ein Vielfaches intensiver. Wer sie ständig liest, hört weniger, fühlt weniger, lebt weniger.
©Nicole Hacke / Operaversum
Lieber Opernnovize, keine Panik! Es gibt Opern, die sind wie zartschmelzende Schokolade nach einem bitteren Arbeitstag – süß, verführerisch und sofort unwiderstehlich. Andere wiederum gleichen einem bitteren, trockenen Espresso, der einem im Hals stecken bleibt, während die Musiker fröhlich „Crescendo!“ rufen.
Aber da ich Sie kenne, weiß ich, dass Sie Ihren ersten Opernbesuch nicht direkt mit einem musikalischen Kater beginnen, nicht wahr? Sollten Sie tatsächlich noch Opernnovize sein, empfehle ich Stücke, die Ihnen die Handlung und Musik wie ein charmantes Buffet servieren: verständlich, eingängig und doch voller Überraschungen. „La Traviata“ zum Beispiel ist ein absoluter Klassiker, der alles bietet: Drama, Liebe, Herzschmerz, und das alles in einem Tempo, das das Publikum nicht zu Tode langweilt. Sie können gespannt zuhören, erleichtert aufatmen und sich dabei denken: „Ach, Oper ist ja gar nicht so kompliziert wie ich dachte.“
Auch Mozarts „Die Zauberflöte“ ist ein unschlagbarer Einstieg. Hier gibt’s nicht nur eingängige Melodien, sondern auch die Möglichkeit, zwischen ernster Magie und albernem Humor zu schwelgen. Ideal, um sich heimlich Notizen zu machen, welcher Charakter nun der Bösewicht ist und wer eigentlich warum singt. (Spoiler: Am Ende versteht man es trotzdem meistens erst nach dem dritten Mal.) Für alle, die sich gerne optisch verführen lassen, eignen sich Verdis „Aida“ oder Puccinis „La Bohème“, die mit ebenso großen Gefühlen wie bildhaft schönen Bühnenbildern und opulenten Kostümen bestechen. Hier können Sie sich entspannt in Ihren Sitz fallen, das Popcorn … äh, den Blick schweifen lassen und einfach genießen, ohne dass Sie sich fragen müssen: Wer singt jetzt was und warum?
Das alles regelt die Musik. Mein Geheimtipp für besonders Abenteuerlustige: Starten Sie mit einer Oper, die Sie schon aus Film, Literatur oder der Popkultur kennen. So fühlt sich dann der erste Besuch sofort wie ein Wiedersehen mit alten Freunden an. Sie wissen, worauf Sie achten müssen, können der Handlung problemlos folgen und genießen die Überraschungen, die das Live Erlebnis unweigerlich mit sich bringt.
Merken Sie sich: Einsteiger-Opern sind wie ein gemütlicher Spaziergang durch eine belebte Altstadt. Sie dürfen staunen, sich verlieren, ab und zu lachen, und am Ende haben Sie das Gefühl, einen unvergesslichen Nachmittag erlebt zu haben, ohne sich gleich todesmutig vom Opernolymp gestürzt zu haben.
Falls Ihnen der Gedanke an dramatische Tosca- oder Otello-Aufführungen intellektuell noch ein wenig zu hoch hängt, gibt es eine exzellente Zwischenlösung: die Operette. Leichter, beschwingter, mit mehr Augenzwinkern als Herzblut, quasi der prickelnde Aperitif vor dem großen Operndinner.
Hier begegnen Sie charmanten Intrigen, singenden Damen in glitzernden Kleidern und Herren, die entweder ihr Herz oder ihre Uniform verlieren, manchmal sogar beides gleichzeitig. „Die Fledermaus“ von Johann Strauss etwa ist ein Klassiker für Einsteiger: Musik, Humor, Verwechslungen. Es ist alles da, was das beschwingte Herz begehrt und noch dazu leicht verdaulich. Bei so einem musikalischen Festschmaus können Sie lachen, staunen, die Kostüme bewundern und dabei die Furcht vor stundenlangem, hochdramatischem Gesang vergessen.
Oder aber „Der Zigeunerbaron“, sollten Sie eine Prise Romantik und Volkstümlichkeit mögen. Bei dieser Operette dürfen Sie schmunzeln, die Füße unauffällig mit wippen und dabei sogar heimlich in sich hineinsummen, ohne dass Sie sich schuldig fühlen.
Merken Sie sich: Operetten sind die charmanten Türöffner in die Welt der Opern und bilden die etwas kleinere Bühne, auf der man sich langsam an das große Drama herantasten kann. So kann der Einstieg in das klassische Musikfach bestens gelingen, denn Musik, Handlung, Witz werden musikalisch so köstlich serviert, ohne dass man gleich im Crescendo der Hochdramaturgie ertrinkt.
Man kann die Opernwelt grob in zwei Lager einteilen: Diejenigen, die Wagner lieben und diejenigen, die realistisch sind. Wer sich auf den „Ring des Nibelungen“ einlässt, braucht drei Dinge: Sitzfleisch, mentale Stabilität und eine Überlebensration Traubenzucker.
Denn der erste Akt dauert länger als mancher Kurzurlaub. Und wenn Sie glauben, Sie hätten den Faden verloren, machen Sie sich darüber keinen Kopf, er war nie wirklich da.
Wagner ist schließlich kein Komponist, den man hört, sondern ein Zustand; ein körperlich-psychisches Erlebnis zwischen Erleuchtung und Muskelkrampf. Die eingefleischten Wagnerianer erkennt man an einem leicht glasigen Blick und der Tendenz, nach jeder Aufführung mindestens zehn Minuten in völliger Stille auf ihrem Sitz zu verharren - und zwar nicht, weil sie gerührt sind, sondern weil sie ihre Beine nicht mehr spüren. Aber wehe, Sie wagen es, in ihrer Gegenwart zu äußern, Sie fänden Puccini „eingängiger“. Dann erleben Sie das wahre Drama, ganz ohne Musik, dafür aber mit einer gehörigen Portion Pathos.
©Nicole Hacke / Operaversum
In der Opernpause verwandelt sich das Foyer zum sozialen Hochamt. Hier entscheidet sich, wer dazugehört und wer nur zum Schauen gekommen ist. Während die einen mühelos mit einem Glas Champagner in der Hand intellektuell über die „Tempomodulation in der Stretta“ plaudern (ohne zu wissen, was das überhaupt ist), suchen die anderen verzweifelt den nächsten Tisch, um endlich ihre unbequemen Schuhe auszuziehen.
Den wahren Opernprofi aber erkennt man daran, dass er mit leicht gelangweilter Miene am Rand steht, sein Glas wie ein Zepter in der Hand hält und hin und wieder lächelnd „Ja, dieser zweite Akt – herrlich dekadent, nicht wahr?“ murmelt.
Niemand weiß, worauf er sich bezieht. Aber alle nicken respektvoll.
Applaus ist in der Oper keine bloße Gefühlsäußerung. Nein, er ist ein Ritual, eine Kunstform für sich, ein Balanceakt zwischen Würde und Begeisterung, zwischen „Ich bin berührt“ und „Ich weiß, wann man klatscht." Denn Applaus in der Oper ist gefährliches Terrain. Er trennt die Kenner von den Kulturamöben. Wer zum falschen Zeitpunkt klatscht, etwa mitten in einer Arie, kurz bevor die Sopranistin sich heroisch in die Brust stützt, um ihren finalen Ton in die Sphären göttlicher Selbstaufgabe zu schleudern, begeht geradezu ein gesellschaftliches Sakrileg.
Ein leises, zögerndes Klatschen, das in solchen Momenten aufflackert, wirkt wie das versehentliche Räuspern bei einer Trauerminute, nämlich peinlich, unpassend und vor allem tödlich für den sozialen Ruf. Doch keine Angst: Erfahrene Opernbesucher erkennt man daran, dass sie klatschen, wenn alle anderen klatschen, aber mit einer Millisekunde Verzögerung, um den Eindruck zu erwecken, sie hätten den Einsatz selbst gefunden. Das ist die hohe Schule der Opernetikette: selbstsicher nachahmen, nie führen.
Und dann gibt es das Bravo-Rufen, jene vokale Selbstverwirklichung, die manchem Besucher mehr Befriedigung verschafft als die Vorstellung selbst. Ein beherztes, aus tiefster Brust geschmettertes “Braaaaavo!“ gilt als Zeichen kultivierter Ekstase, sofern es nicht nach dem falschen Sänger gerufen wird. Denn wer „Brava!“ ruft, obwohl da gerade ein Tenor seinen letzten Atemzug singt, hat sich unwiderruflich disqualifiziert. Da hilft kein Lächeln mehr, kein Programmheft als Tarnung. In den Augen der eingeweihten Opernpuristen werden sie auf immer und ewig disqualifiziert.
Manchmal jedoch, in seltenen Glücks- und Ausnahmemomenten, wenn eine Vorstellung wirklich überirdisch gut war, bricht der Applaus wie eine Welle über alle hinweg. Man steht, man jubelt, man ist Teil eines kollektiven Taumels. Selbst das Publikum wirkt, als wolle es die Decke des Hauses "durchklatschen". Das nennt sich dann Standing Ovation, die bürgerlich-sakrale Form des Heiligsprechens durch rhythmisches Händeklatschen.
Aber auch hier lauert Gefahr. Zu früh aufstehen und man gilt als unerfahren, zu spät aufstehen und man steht allein in der zweiten Reihe, während einem 500 elegante Rücken entgegenschimmern. Richtig ist: aufstehen, wenn alle aufstehen, aber immer leicht verspätet, als Zeichen intellektueller Reflexion.
Und falls Sie sich einmal unsicher sind, wann Applaudieren angebracht ist, atmen Sie tief ein, schauen Sie nach links, schauen Sie nach rechts, und tun Sie, was alle tun. Oper ist schließlich auch ein bisschen Synchronturnen der Emotionen. Denn am Ende geht es beim Applaus gar nicht nur um Musik. Es geht um Haltung. Um den würdevollen Versuch, Begeisterung mit Manieren zu verbinden. Und seien wir ehrlich: Diese Kunst beherrschen heute nur noch wenige.
Der Schlussapplaus brandet auf, die Sänger verbeugen sich, Blumen fliegen, Tränen schimmern wie Perlen auf der Wange. Und Sie? Sie erheben sich, richten sich stolz auf, lächeln geheimnisvoll und verlassen den Saal, als hätten Sie gerade die Tosca gesungen. Ein kleiner Trick:
Verlassen Sie nie zu früh das Auditorium. Das Publikum merkt sich Gesichter. Aber verweilen Sie dort auch nicht zu lange, sonst werden Sie vom Reinigungspersonal höflich hinausgekehrt. Und wenn Sie am Ende eines gelungenen Opernabends draußen in der kalten Nachtluft stehen, tief durchatmen und die Schlussarie noch heftig in Ihrem Ohr nachklingt, dann denken Sie daran: Sie haben es geschafft.
Sie haben die Oper überlebt und erlebt. Und das mit Pauken und Trompeten! Bravissimoooo!!!