Drei Tage Wach mit Tobias Kratzer: Glänzende Impulse an der Staatsoper Hamburg

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©Monika Ritterhaus

Zwischen Popcorn, Edelhäppchen, Drag und Mut kann die Nacht an diesem heutigen Abend noch ziemlich spannend werden. Drei Tage wach, so lautet das Motto der Eröffnungssaison der Hamburgischen Staatsoper, die ganz neuen, frischen Wind in das Getriebe des vermeintlich lange schon angestaubten Musentempels bringen soll. Schließlich demonstriert Tobias Kratzer, der neue Intendant des Hauses, wie Oper auch einmal ganz anders auf der Bühne funktionieren kann.

 

Zuvor jedoch gibt es für Sponsoren und Presse einen Rundgang durch das neugestaltete Haus, das mit einem Bodenkunstwerk und einer besonderen Lichtinstallation über dem Barbereich im dritten Stockwerk glänzt.

 

Von Nicole Hacke

 

Alles neu macht die Oper beziehungsweise der Fördertopf, der gut gefüllt ist und einige Moneten locker machen konnte, selbstverständlich auch für den Stifterlaunch, der nun zu einem ganz besonderen Schmuckstück im 50er-Jahre-Look avanciert ist. Elegant glänzt er ebenso gülden von den tragenden Säulen herab und hinaus auf die Straße, genau dorthin, wo das Leben der Massen pulsiert.

 

Mit diesem gestalterischen Konzept soll die Hamburgische Staatsoper als unübersehbarer Verlängerungsarm fungieren, weit in den öffentlichen Raum hineinstrahlen und im Gewusel des belebten Stephansplatzes eine charismatisch-einladende Außenwirkung entfalten.

 

Nun denn, Herrn Kratzers Wort in aller Ohren. Eloquent, hellwach und mit einer Art, die verspielt und kreativ ist, verkalkuliert sich der Intendant bei seiner Eröffnungsrede absolut nicht. Sehr reflektiert, sehr klar mit sich und seinen Visionen im Reinen, beeindrucken die Ideen und der Wunsch nach Öffnung einer Institution, die doch eine Oper für alle sein sollte – inklusiv und nicht elitär.

 

Ob Kinderoper, neue Formate oder moderne Regiekonzepte; ein Pferd auf vier Menschenbeinen zeigt anschaulich, dass die Oper nicht nur Mozarts Zauberflöte kann, sondern auch einmal etwas Zeitgenössisches auf die Beine stellen wird, komponiert von einer Frau. Chapeau! Das klingt wirklich nach Raum für Neues, Vielversprechendes und nach einer bewussten Öffnung.

  

©Monika Ritterhaus

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Exakt so erlebt sich auch das anschließende „Housewarming Concert“, das alles andere als konventionell ist. Ungewöhnlich, gewöhnungsbedürftig und dennoch sehr unterhaltsam. Wie könnte es auch anders sein, wenn Ina Müller durch das multifacettierte Programm moderiert und in Haifischbar-Manier mit Kratzer und Co. an einem improvisierten Tresen hockt, um locker und mit liebenswerter Hamburger Schnauze aus dem klassischen Nähkästchen zu plaudern.

 

Dass Frau Müller sich für die Oper zu dumm hält, für das Musical aber zu gescheit, sorgt im Auditorium für amüsiertes Gelächter. Ja, die Moderatorin kann niederschwellig, nahbar und mit einer verschmitzten Prise Humor Abende gestalten, die man in der Oper gerne öfter erleben würde. Das nenne ich Hemmschwellen-Eliminierung!

 

Doch dann wird es musikalisch ernst, und die Hemmschwelle steigt mit dem Unbehagen des Unbekannten deutlich an. Elbenita Kajtazi betritt die Bühne und interpretiert das Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper, das der Komponist Marko Nikodijevic eigens für den besonderen Anlass vertont hat. Es ist die „Hymne, mit Hölderlinfragment“, eine Uraufführung und somit schon etwas ganz Besonderes.

 

Tatsächlich taucht man als Zuhörer, wenn nicht bereits in den betörenden, sphärisch anmutenden Klangzauber von Elbenita Kajtazi, dann doch wenigstens in die dichterische Tonpoesie ein, die sehr viel substanzielle Tiefe und Menschlichkeit im Kern des Fragments offenbart. Ein intellektueller Genusshappen und zudem wunderschön, der dann aber durch eine „Kurze Fahrt in einer schnellen Maschine“ aufgebrochen wird. John Adams, wie man den amerikanischen Zeitgenossen wohl noch nie an der Hamburgischen Staatsoper gehört hat.

  

©Monika Ritterhaus

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Neu, andersartig und begeisterungswürdig ist ebenfalls die gepfiffene Interpretation von Mozarts „Königin der Nacht“. Nikolaus Habjan, der Kunstpfeifer, demonstriert dies auf eine Art, dass einem Augen und Ohren übergehen.

 

Doch als sei das längst noch nicht „Top of the Pops“, muss auch noch eine Drag Queen her. Mit Le Gateau Chocolat und der Whitney-Houston-Nummer „I Wanna Dance With Somebody“ ist dann endlich auch bei mir das Eis gebrochen, selbst wenn ich die Verbindung zur Oper nicht vollständig herstellen kann. Spaß und gute Laune macht es trotzdem.

 

Und da die Oper natürlich nicht gänzlich fehlen darf, legen der neue Generalmusikdirektor Omar Meir Wellber und die anmutige Sopranistin Vera-Lotte Boecker mit Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ eine klassisch-barocke Interpretation mit Akkordeon und Gesang aufs Parkett.

 

Der Höhepunkt jedoch, der den Abschluss eines solchen Housewarming Concerts bildet, ist die letzte musikalische Einlage: Ina Müller präsentiert einen unbekannten Song von Udo Jürgens, „Bis ans Ende meiner Lieder“. Da sage noch einer, Oper könne nicht vielseitig, andersartig und auch einmal aus der Reihe tanzen.

 

 

Schließlich ist Popcorn in der Oper auch nicht die erste Wahl, wenn man lieber Edelhäppchen genießt. Doch nichts muss, alles kann. Und wer weiß, für welche extravaganten Überraschungen die Hamburgische Staatsoper noch gut sein wird.

 

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