in hamburg wienert heut´der kaufmann

26. JANUAR 2020

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

© Sebastian Madej

 

Der Konzertsaal der Laeiszhalle in Hamburg ist erfüllt von freudiger Aufgeregtheit, denn heute bietet der Münchner Tenor Jonas Kaufmann ein Operetten- und Liedrepertoire dar, das der nordischen Kühle, so Gott will, feurig heißes Wiener Blut entgegensetzt.

Noch vor ein paar Tagen von dezenten Hustenattacken geplagt, schlug sich Herr Kaufmann in Berlin und Paris besonders tapfer und überspielte mit den nötigen gesangstechnischen Fertigkeiten gekonnt und äußerst professionell seine Erkältungsbeschwerden.


Doch entgegen aller Hoffnung, dass diese sich mit dem bevorstehenden Auftritt wieder verflüchtigt haben könnten, bekräftigt ein überraschenderweise gelassener und fast schon entspannt wirkender Tenor dem Hamburger Publikum seine gesundheitliche Indisposition.  Mit angerauter und leicht belegter Stimme gestaltet sich die erste Hälfte des mit Operetten- Evergreens bestückte Programm daher auch tendenziell behäbiger.

 

Spritzig leichte Dreivierteltaktseligkeit kommt nicht wirklich auf. Dafür braucht die Stimme einen zu kräftezehrenden Anlauf, um die locker, heitere Bonvivant-Dynamik temporeich aufleben zu lassen. Umso überraschender dann der Auftritt seiner Gesangspartnerin, Johanni von Oostrum, die mit schwereloser Nonchalance, dem Operettenlied tonale Flügel verleiht.

 

Leicht, feinperlig und elegant erblüht die lyrische Stimme, exponierte Höhen nimmt Frau von Oostrum offensichtlich mühelos und ohne scheinbare Anstrengung.


Beim Vilja- Lied aus der Operette: "Die lustige Witwe" von Franz Lehár manifestiert sich noch einmal mehr die sichere und technisch einwandfreie Stimmqualität der Sopranistin, die allerdings ohne experimentelles Risiko, beseelte Einfärbungen unterbindet.

 

© Sebastian Madej

 

Nach der Pause kehrt zur Freude des Publikums gemütlich, beschauliche Heurigenatmosphäre ein. Der Konzertsaal schrumpft plötzlich auf die Größe eines lauschigen Weingartens und Jonas Kaufmann gewinnt nun eindeutig an Präsenz. Wandelbar, wie ein Chamäleon raunt er mit warmgoldener Stimme, die von einer schokoladencremigen Textur durchzogen ist, einen liebreizenden Gassenhauer nach dem anderen.


Mimik und Gestik unterstreichen dabei gekonnt die schauspielerischen Qualitäten des Weltstars. Sogar meine Sitznachbarin, die für die Hamburger Morgenpost einen Artikel über dieses Konzert verfassen muss, ist tief beeindruckt, schlägt ihr Herz normalerweise ausschließlich für die Popularmusik.


Es scheint so, als ob sich jetzt kaum noch jemand, der Sogwirkung des Wiener Lieds entziehen kann. Romantik, entrückte Glückseligkeit und eine Atmosphäre, die das Mitsummen provozieren, stimmen das Hamburger Publikum versöhnlich. Da spielt es fast auch schon keine Rolle mehr, dass der stimmliche Glanz Kaufmanns krankheitsbedingt durch eine hauchzarte, ungewollte Mattigkeit überdeckt wird.

 

Ganz im Gegenteil. Dem Wiener Lied steht das irgendwie ganz gut und verleiht ihm eine samtige Gedämpftheit, die auf eine neckende Art sogar schon ein wenig unterschwellige Erotik versprüht.


Verschwörerisch kokettiert Jonas Kaufmann gesanglich und darstellerisch immer mehr mit dem Publikum. Es entsteht eine emotionale Resonanz, die sich bei den Zuhörern just in dem Moment in Belustigung äußerst, als Herr Kaufmann sich einen wirklich ausgesprochen charmanten Patzer leistet.


Bei "Lippen Schweigen" schweigt auch er sich über seinen Einsatz aus. Versäumt ist nun mal versäumt. Die Lacher, die er charismatisch, sich selbst nicht ernst nehmend, evoziert, bringen ihm absolute Sympathiepunkte ein. Der Knoten ist wohl endgültig geplatzt.


Bei Wien wird erst schön bei Nacht, sehnsüchteln die Hamburger nach der österreichische Metropole an der schönen blauen Donau und hoffen auf noch mehr "Heile-Welt-Musik".

 

© Sebastian Madej

 

Zwei Zugaben singt Herr Kaufmann noch und brilliert mit der ersten Nummer: "Zwei Märchenaugen" von Emerich Kálmán, die höhepunktreifer an diesem Abend nicht hätte sein können. Nach einem letzten, leisen, verbindlichen Servus, verlässt er sichtlich strahlend, aber doch müde wirkend die Bühne.

 

Ganz bestimmt fällt Jonas Kaufmann der Abschied von Hamburg schwer, denn die Dankbarkeit des Publikums für den einzigartigen Musikgenuss und der entgegengebrachte Respekt für seine gesundheitlich missliche Lage, entladen sich begeisterungsstark, noch sehr lange nachhallend in überschwänglichem und ungewöhnlich temperamentvollem Applaus.

 

Weitere Konzerttermine können über die ofizielle Webpräsenz von Jonas Kaufmann abgerufen werden:

 

Website: www.jonaskaufmann.com

Der facettenreiche und experimentierfreudige Jonas Kaufmann hat sich auf seiner neuen CD dem Wiener Lied verschrieben und singt mit Schmäh und raunender Stimme ein gut und sorgfälltig ausgewähltes Liedrepertoire aus längst vergangenen, guten alten Zeiten. Als die Welt noch in Ordnung, die Zeit etwas langsamer und gemach voranschritt, meine Mutter mit ihrem Großvater tagelang mit der Pferdekutsche über Land fuhr, als das Leben einfach, überschaubar und unverfälscht romantisch war, wurden die schönsten und süffigsten Wiener Lieder namhafter Komponisten, wie Robert Stolz, Hans May und Ralf Benatzky, um nur einige zu nennen, geboren.


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