John Dews I Puritani mit einer elektrisierenden Pretty Yende an der Wiener Staatsoper

09. Juni 2022

Rubrik Oper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

In Bellinis letzter epischer Oper "I puritani" glänzt die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende erstmals in ihrem Rollendebüt als Elvira an der Wiener Staatsoper.

 

Bühnentechnisch schlicht, aber dennoch effektvoll gehalten, gibt sich die szenische Umsetzung eindringlich. So rücken gleich zu Beginn des 1. Aktes die monumentalen Statuen des Bühnenbildners Heinz Balthes in den szenischen Fokus.

 

Hypnotisiert und doch auch angewidert starrt man auf die abgeschlagenen Köpfe der steinernen Überreste und weiß sogleich, dass die Geschichte zweier sich Liebenden vor dem Hintergrund der britischen Revolutionsgeschichte spielt und keinen guten Ausgang nehmen wird.

 

John Dew, der mit wenigen Requisiten und noch weniger interpretatorischer Effekthascherei auf sich und seine künstlerische Umsetzung des Belcanto-Klassikers aufmerksam macht, lässt den dramaturgischen Purismus walten und setzt dabei voll und ganz auf die Wirk- und Sogkraft der sängerdarstellenden Zunft.

 

Mit großem Entfaltungsspielraum beleben Pretty Yende als Puritanertochter Elvira, John Osborne als ihr Geliebter Aturo, Roberto Tagliavini als Giorgio und Adam Platchetka in der Rolle des niederträchtigen Rivalen Sir Riccardo Forth das Bühnengeschehen und hauchen dem melodramatischen Werk mit Verve, Leidenschaft und ausdrucksstarker Dramatik spannungsgeladene Thrillerqualitäten ein.

 

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Glatt, geschmeidig und im letzten Drittel dramaturgisch sogar äußerst temporeich zieht sich der Handlungsstrang bildmalerisch durch die drei melodramatischen Akte der Belcanto-Oper. Und wirklich nichts Störendes lenkt von der Tragödie der fatal endenden Liebesgeschichte zwischen Elvira und Arturo ab.

 

Die Bühne bleibt während der gesamten Spieldauer in ein schummrig dunkles Licht getaucht und wird lediglich an den Schlüsselstellen mal blutrot, bläulich kalt oder dunkelviolett ausgestrahlt.

 

So werden die situativen Aggregatzustände brennglasscharf akzentuiert und unterstreichen so die emotionalen Temperaturen der Protagonisten. Alles andere ergibt sich aus der Interaktion der Sängerdarsteller.

 

Pretty Yende, die im Belcantofach versiert und sicher alle erforderlichen technischen Kniffe und koloraturfeinen Trümpfe ausspielen kann, bezirzt ihr Publikum nicht nur gesanglich, sondern ganz besonders auf darstellender Ebene.

 

Dem Wahnsinn verfallend, nachdem sie von der Flucht ihres geliebten Arturo erfährt, schaukelt sich der seelische Zustand der labilen Frau in stürmische Tiefen, schwankt wie ein sinkendes Schiff auf tobender See, bäumt sich immer wieder in Verzweiflung auf und verglimmt zu guter Letzt wie eine Kerze im Wind.

 

Yende versenkt sich mit absoluter Hingabe in der ambivalenten Frauenfigur der Elvira, als gäbe es kein Morgen und kein Übermorgen.

 

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Mal Lichtgestalt, mal depressives Mauerblümchen: Pretty Yende schauspielert mit einer darstellenden Strahlkraft, die aus gereifter Beseeltheit gewachsen scheint.

 

Nicht permanent auf vokalen Höhenflügen bleibt der gesangliche Höhenrausch leider aus. Leicht brüchig wirkt die Stimme der Sopranistin. Es fehlt der Feinschliff und die mit Bedacht herausgearbeiteten Nuancierungen in den Koloraturen.

 

Und dennoch: Wenige Opernsängerinnen kommen tonal überhaupt in die Nähe des schwierigen Schöngesangs.

 

Yende zählt definitiv zu einer der wenigen Expertinnen, die den Drahtseilakt zwischen technisch fein justierten Koloraturen und stimmlich zartschimmernder Leichtigkeit beherrschen, inklusive ihrer ausgeprägten Gabe für messerscharf brillante Spitzentöne.

 

Arturo alias John Osborne, der auf der Seite der Stuarts für die royale Sache kämpft und sich schlussendlich gegen Elvira und für die Monarchie entscheidet, gerät nicht nur zwischen die politischen, sondern insbesondere zwischen die amourösen Fronten seines Rivalen Sir Riccardo Forth, der ebenfalls ein Auge auf Elvira geworfen hat.

 

Osborne, der zwar mit einem tenoral hellen Timbre, aber einem wenig saturierten Klangschmelz gesegnet ist, stielt an diesem Abend kaum einem anderen Sängerdarsteller die Show. Die Baritone und Bassisten warten mit so inbrünstiger Stentorkraft auf, die kaum noch überboten werden kann.

 

©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Um sich gesanglich zu behaupten, reizt John Osborne die brustsprengenden Töne bis zum Anschlag seines Stimmvermögens aus, sodass sie am Ende forciert klingen und an der einen und auch anderen Stelle leicht brechen.

 

Mit dem hohen F im 3. Akt macht er allerdings schnell wett, was er sich durch herausgepresste Spitzentöne verdorben hat. Wunderbar falsettiert verteidigt der Amerikaner seine tenorale Strahlkraft, die doch mehr stemmen kann, als sie an diesem Abend unter Beweis zu stellen vermag.

 

Besonders virtuos, sowohl darstellerisch aus auch gesanglich zeigt sich Roberto Tagliavini in der Paraderolle des Giorgio. Bassistisch außergewöhnlich durchdringt das Stimmorgan des Italieners jede tonale Pore samtfein austariert und mit einem schokoladenintensiven Klangschmelz gesegnet, der kribbelnde Gänsehautmomente heraufbeschwört.

 

Bleibt noch der Bösewicht, der Rivale, der sich nur eines Gedankens verpflichtet fühlt, nämlich seinen Kontrahenten Arturo aus dem Weg zu räumen. Nicht ganz so verlockend, auch nicht verführerisch, aber von einer subtilen Bedrohlichkeit singt sich Sir Riccardo Forth alias Adam Plachetka in wutentbrannte Rage.

 

Seine Stimme wirkt raumgreifend, schneidend und entbehrt einer gewissen tonalen Ästhetik, was nicht wirklich stört, da der Rollencharakter brutal und eiskalt zu verstehen ist.

 

Orchestral erhebt sich Bellinis Musik zu einer farbenreichen Erzählung, die elegant, grazil und wie feindurchwirktes Geschmeide auf einem schier schwebenden Klangteppich melodiös dahinplätschert, Franceso Lanzilottas umsichtigen und feinfühligen Dirigat sei Dank.

 

Ein rauschend klangvoller Abend mit viel Dramatik und leidenschaftlichem Esprit geht in einem frenetischen Applausregen unter.


©Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

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