WElchen Tenor hätten Sie denn gerne?

13. Mai 2022

UNAUFGEFORDERTE WERBUNG

©Operaversum Photocollage / Jonas Kaufmann - Piotr Bezcala - Juan Diego Flórez - Pavel Breslik - Charles Castronovo

"Welchen Tenor hätten Sie denn gerne? Den dunkelsamtig timbrierten, den metallisch hell klingenden oder den mit der heroisch vokalen Strahlkraft?"

 

Was für eine Frage, denke ich. "Natürlich den dunkelbraun gelockten, den mit der baritonal eingefärbten schokoladensatten Stimme und der erotischen Ausstrahlung", entgege ich der scheinbar unwissenden Verkäuferin hinter der verlockenden Auslage energisch.

 

"Das Modell führen wir leider nicht mehr in unserem Sortiment", bedauert die offensichtlich unerfahrene Mitarbeiterin des Ladengeschäftes. "Ein Auslaufmodell, wissen Sie. Mittlerweile wollen unsere Kundinnen doch lieber die etwas leichtere, weniger schwere gesangliche Kost. Gaumig, vollmundig und wie sagten Sie baritonal eingefärbt ist nicht mehr so "en vogue" wie noch vor ein paar Jahren."

 

"Gefragt sind aktuell die hellen, duftigen und tendenziell jugendlich strahlenden Tenöre, also mehr die lyrische Variante. Was sagen Sie? Darf es vielleicht eine Kostprobe davon sein?"

 

Ohne auch nur eine Antwort abzuwarten, legt mir das dreiste junge Ding auch schon die Kopfhörer an meine Ohrmuscheln und träufelt mir, so Gott denn will, ein paar gesangliche Klänge in meinen Gehörgang.

 

©Christian Kleiner

Klingt irgendwie unangenehm, denke ich und versuche mich dennoch auf die Stimme in meinem Ohr einzulassen.

 

Scheppernd vibriert nun eine viel zu metallisch überspannte, bis zum Anschlag reizlose Tenorstimme in meinem Gehörgang, malträtiert mein Trommelfell, was das Zeug hält und raubt mir den letzten Nerv, anstatt beruhigend und entspannend auf mich zu wirken.

 

Nein, das ist wirklich schrecklich. Das kann und will ich nicht hören, nicht eine Sekunde länger. Mit einem kräftigen Ruck reiße ich mir die Kopfhörer von den Ohren und bitte die Verkäuferin umgehend, den Ton leiser zu drehen.

 

"Das ist ja kaum auszuhalten", gebare ich mich entnervt.

 

"Haben Sie denn keinen Restbestand des, wie sagten sie noch, Auflaufmodells?"

 

"Wissen Sie, was", klärt mich die Verkäuferin belehrend auf. "Das von ihnen nachgefragte Modell war ein Sondermodell. Es wurde leider nie in Serie produziert und wird auch leider seit geraumer Zeit nicht mehr hergestellt. Sie müssen sich schon mit der Auswahl begnügen, die wir derzeit auf dem Markt führen."

 

©Christian Kleiner

"Wollen Sie es nicht wenigstens einmal mit unserem Kassenschlager probieren? Er singt wirklich fantastisch und ist allseits sehr gefragt?"

 

Völlig desillusioniert negiere ich heftigst. "Brauche ich nicht. Vielen Dank auch! Wissen Sie, ich habe ganz bestimmte gesangliche Vorlieben. Die sind so absolut subjektiv und qualitativ individuell genormt, dass ich diesbezüglich keine Kompromisse eingehen kann. Oder würden Sie etwa ihre Lieblingseissorte, sagen wir mal Vanilleeis, gegen eine völlig andere Geschmacksrichtung eintauschen wollen, wenn sie ausschließlich der Genuss eines Vanilleeises überwältigt?"

 

"Machen Sie tatsächlich solche faulen Kompromisse und betrügen sich selbst am Ende?" Keiner tut das wirklich, oder?"

 

"Ach, wo! Ein Tenor ist ein Tenor, ist ein Tenor", flötet mir die mittlerweile ungeduldige Verkäuferin in den höchsten Tönen zu.

 

Schön wär´s, denke ich resigniert. Ein Tenor personifiziert leider viel zu oft all das, was man möglicherweise nicht will und all jenes, was man wirklich will, das, was man händeringend sucht wie die verlorene Stecknadel im Heuhaufen, bleibt quasi ein selbst gebackener Kuchen, ein sogenanntes Jahrhundertphänomen, das ebenso viel Seltenheitswert hat wie eine vorbeifliegende Sternschnuppe in einer lauen romantikgeschwängerten Sommernacht.

 

©Christian Kleiner

Den Jahrhunderttenor gibt es nur einmal in gefühlt hundert Jahren. Na ja, vielleicht sind es auch ein paar mehr von den trällernden Exoten.

 

Von den "Drei Tenören" gibt es schließlich auch ein gefühltes Dutzend Nachahmer. Von den Königen der Tenöre aktuell allerdings nur einen legitimen Großmeister des Gesanges und von den edlen Rittern des elegant brustsprengenden hohen C´s,  gerade Mal eine großzügige Handvoll.

 

Mehr aber auch nicht. Fragt man nun die Damen und Herren der Schöpfung, so scheiden sich die Geister ebenfalls vehement darüber, wer im Sängerolymp derzeit am Herrschen ist.

 

Die einen sagen so, die anderen so. Viele stellen bei dieser vorprogrammierten Streitfrage sogar ihre innigste Busenfreundschaft samt Freundin infrage. Es ist ein Hauen und ein Stechen, wenn es um die Krönung des Lieblingstenors geht, denn jeder und jede hat eindeutige, unverhandelbare Präferenzen. 

 

Mir geht es dabei nicht viel anders, denn wie bereits angedeutet, divergieren die Meinungen über dieses explosive Thema so extrem, wie es der Geschmäcker ausufernd viele gibt.

 

Was aber muss ein herausragender Tenor unbedingt mitbringen, damit sich die streitbare Publikumswelt nicht dauerhaft zeternd in den Haaren liegt und sich zumindest auf ein paar fachliche und sängercharakteristische Persönlichkeitsmerkmale einigen kann?

 

1. Iconic good looks - Wenn erotische Ausstrahlung zum sängerberuflichen Attribut wird

Unbestreitbar, weil mittlerweile unabdingbar, ist die konsenserfahrende Meinung, dass der absolute Tenor der Herzen mit Charisma, Bühnenpräsenz und einem bestechend attraktiven Äußeren gesegnet sein sollte (Letzteres ist natürlich nicht zwingend erforderlich, hilft aber ungemein als Projektionsfläche für herzerwärmende Fantastereien).

 

Wer auf der Bühne nämlich nicht den authentisch unverwechselbaren "Loverboy", den schmachtenden, liebestaumelnden oder gar vulkanisch leidenschaftlichen Held abliefern kann, der erweckt gerade mal lauwarme Gefühle bei der Damenwelt und bei den Herren höchstwahrscheinlich wenig Überzeugungskraft.

 

Zumindest glaube ich, dass auch das männliche Publikum sich dem werbenden Alphatiergehabe des Tenors auf der Bühne auf eine beispielhafte, vorbildfunktionale Weise nicht entziehen kann.

 

Die erotische Ausstrahlung eines Tenors ist, seit es eben auch vermehrt attraktive Tenöre gibt, zu einem nicht wegzudenkenden beruflichen Attribut eines Sängerdarstellers geworden.

 

Wer gut aussieht sowie über eine ausgeprägte Ausstrahlung und ein versiertes schauspielerisches Vermögen verfügt, der hat bereits die halbe Miete seiner Sängerkarriere eingefahren und muss sich quasi nur noch gesanglich von der Masse abheben, um in den Sängerolymp der heiß begehrten Tenöre aufzusteigen.

 

©Christian Kleiner

2. Die Ritter des hohen C - wenn die Leidenschaft in starker Brust tonal heranschwellt

Und damit wären wir bereits beim wichtigsten Punkt angelangt: der Gesang! Oft höre ich mir an, wie schlecht phrasiert, geknödelt oder falsettiert ein Tenor gesungen hätte. Das sind tatsächlich gesangstechnische Errungenschaften oder Eigenarten, die bei jedem Tenor anders ausgeprägt sein können.

 

Der eine singt mit starken Vibrato, der andere kann extreme Legati, hervorragende Registerverblendungen, während ein anderer kaum Vibrato hat, das Passagio nicht besonders gut beherrscht und von ausschweifend langatmigen Legati überhaupt keine Rede sein kann, geschweige denn von einer strahlkräftigen vokalathletisch gestählten Stimme.

 

Den professionellen Kritiker stört das ungemein. Den gemeinen Zuhörer oftmals auch. Doch selbst bei einigen technischen Raffinessen, die sängerspezifisch individuell ausfallen können, gibt es Vorlieben und Abneigungen genauso wie beim äußeren Erscheinungsbild der Fall. Geschmäcker sind eben grundlegend verschieden.

 

Das Gleiche gilt in noch extremerer Ausprägung für die Klangfarbe der Tenorstimme.

 

Ja, welches Zuckerl hätten´s denn da gern? Die Qual der Wahl oder eben doch nur eine Qual, wenn es um die Wahl der absolut perfekten Stimme geht. Gibt es die denn überhaupt? Und was wäre dann die perfekte, unverwechselbare, einzigartige Tenorstimme?

 

So unterschiedlich wie ihr jeweiliges äußeres Erscheinungsbild, ihr Charisma und ihre mehr oder minder stark ausgeprägte Bühnenpräsenz gibt es auch der Stimmfarben viele. Ob samtweich timbriert, schokoladensatt, baritonal eingefärbt mit vollmundigem Gaumenschmelz oder aber strahlend hell, kristallklar, metallisch, scheppernd oder gar zartschimmernd: kein Tenor ist wie der andere.

 

Alle singen sie mit einer anderen Klangfarbe. Und darüber lässt sich einfach nicht streiten. Die Klangfarbe gefällt oder eben nicht. Das helle kristallklare Timbre eines Tenors liebt man oder man bevorzugt eben das dunkelsamtige, schokoladensatte Timbre.

 

Nur beim hohen C, da trennt sich meines Erachtens die Spreu ganz offensichtlich vom Weizen. Beim hohen C erkennt man das große Könnertum in der schwellenden, sich aufplusternden Brust des vor musikalischer Leidenschaft entbrannten Tenors.

 

Obgleich der Komponist Rossini (Verfechter des kopfgesungenen hohen C´s) das brustgesungene hohe C ganz abfällig mit folgendem Wortlaut bedachte:" Es klingt wie der Todesschrei eines Kapauns, dem man gerade den Hals umdreht", so kann man nicht umhin, genau diesen herzzerreißenden Ton anbetungswürdig zu finden, wenn er denn so gut gestützt, wie ausdauernd gehalten und mit einer ekstatischen Leidenschaft strahlkräftig in das Auditorium geschmettert wird.

 

Lächerlich wird es nur dann, wenn der Ton nicht kraftvoll fließend und frei entströmt, sondern gepresst, eng und mickrig klingend auf dem tonalen Höhepunkt in größter Atemnot abgewürgt werden muss. Dann und nur dann hat Rossinis Aussage tatsächlich ihre berechtigte Relevanz.

 

Wer also am lautesten, sonorsten und ausdauerndsten "brüllen" kann, der bekommt das "Weibchen? 

 

3. Wenn die fachliche Versaltilität zum Markenzeichen wird

Wer sich als Opernsänger heutzutage nur noch auf eine gesangliche Disziplin stützt, der muss damit rechnen, dass, wenn genau dieser eine Pfeiler in sich zusammenstürzt, damit gleich auch die ganze Sängerkarriere zusammenbricht, denn wer auf seinem Fachgebiet nicht mehr abliefern kann, dem bleibt bei einer Spezialisierung keine Ausweichmöglichkeit.

 

Gesund ist, wer vielseitig aufgestellt ist. Das gilt sowohl für die Stimme als auch für die Persönlichkeitsentwicklung und Rollenversatilität. Je mehr ein guter Sänger zwischen lyrischem und dramatischem Fach sowie zwischen mehreren Stilen hin- und herchangieren kann, desto vielversprechender ist sein Karriereweg, desto flexibler kann er umschwenken und desto gefragter ist auch sein Typ.

 

Generalisten gehören im Opernbusiness mittlerweile zum "Must-have", Spezialisten sind ein "Nice-to-have", können aber immer nur für bestimmte Genre eingesetzt werden. Die Auswahl der Fächer ist somit für diesen eng abgesteckten Sängertypus stark eingegrenzt und eben auch begrenzt.

 

Kommen bei einem Tenor dann noch mehrere Fremdsprachen hinzu, die in perfekter Diktion gesungen und eventuell sogar noch fließend gesprochen werden, dann steht einer internationalen Karriere nicht mehr wirklich viel im Weg - gesetzt den Fall, es passen die unter Punkt 1. und 2. beschriebenen Attribute.

 

4. Wertsteigerung eines Tenors durch Marketing und mediale Präsenz

Woran erkenne ich aber in letzter Instanz, ob ich es mit einem Weltspitzetenor zu tun habe? Schlicht und ergreifend daran, dass er medial sichtbar ist - und zwar nicht nur in den sozialen Medien.

 

Es ist leider so, dass viele gute Tenöre und Opernsänger generell erst dann ernsthaft wahrgenommen werden und ihren Karrieredurchbruch erlangen, wenn sie ein Engagement an der MET in New York ergattern.

 

Eine Rolle an der Met ist für jeden Sänger wie ein Sechser im Lotto. In jedem Fall ist es der Ritterschlag schlechthin und der Startschuss für eine himmelwärtszeigende Karriere.

 

Doch was vielleicht noch viel wichtiger erscheint, auch wenn das Gastieren an den größten Opernhäusern der Welt bereits Glanz und Ruhm genug sein sollte, ist die Verewigung der Stimme auf Tonträger.

 

Sobald ein Tenor bei einem Plattenlabel unter Vertrag genommen wird, ist das wie ein Qualitätsmerkmal mit dem Gütesiegel "Startenor".

 

Von dem Zeitpunkt an beginnt der mediale Rummel, die öffentlichkeitswirksame Arbeit, eine Marketingmaschinerie, die in Gang gesetzt wird und alles daran setzt, dass der Sängerinterpret regelmäßig beworben und in seiner Wertigkeit als Persönlichkeit und Interpret auf ein elitär hohes Podest gehoben wird.

 

Bei den Konsumenten weckt das Begehren, "Haben-wollen-Gefühle" und vor allem Illusionen, denn das Musikbusiness versteht es ganz ausgezeichnet, mit genau diesen Fantastereien der opernaffinen Fans zu spielen.

 

Die Kehrseite dieses relativ einträglichen Geschäfts kann unter Umständen sein, dass man sich als Musikkonsument von diesen kanalisierten Marketingprojektionen blenden lässt, denn nicht alles, was so golden an der Oberfläche schimmert und schimmernd gemacht wird, ist wirklich mit Goldstaub überzogen. Man muss schon selbst hinsehen und hinhören, um sich ein eigenes Meinungs- und Hörbild zu formen.

 

5. Fazit: Welchen Tenor kann ich denn nun empfehlen?

Die Antwort lautet: Keinen! Ich empfehle grundsätzlich keinen Tenor, weil ich weiß, dass die Meinungen und insbesondere die gesanglichen wie auch optischen Vorlieben ganz extrem auseinandergehen.

 

Obgleich diese Frage unter gesangstechnischen Aspekten sicherlich eindeutiger beantwortet werden kann, so würde die Antwort für den einen oder anderen dennoch ziemlich unbefriedigend ausfallen und dann höchstwahrscheinlich auch sehr unfriedlich hochköcheln.

 

Nur eines kann man unbedenklich sagen: Menschen reagieren auf Menschen, mal positiver, mal negativer, mal gleichgültig oder überhaupt nicht. Genau so verhält es sich auch mit einem Tenor und mit Sängern im Allgemeinen.

 

Wenn mich also der Mensch im Sänger als darstellender Künstler mit seiner Stimme überzeugt, seine Stimme in mir Gefühle weckt, ich emotional berührt werde, auf die Stimme, den Ausdruck und die Darstellung ergriffen, begeistert oder gar so euphorisch reagiere, dass ich nach dem Konzert glücklich, beseelt und mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen nach Hause gehe, dann habe ich aller Wahrscheinlichkeit gefunden, wonach ich gesucht habe.

 

Allerdings ist diese Suche keine Leichte und die Frage: "Welchen Tenor hätten Sie denn gerne?" genauso wenig einfach zu beantworten wie die scheinbar banale Suche nach dem passenden und passgenauen Abendkleid.


©Screenshot 3Sat / Dokumentation Die Oper - das knallharte Geschäft

Die Oper - das harte Brot der brotlosen Kunst

Was willst du denn beruflich mit der Musik machen? Du studierst dich dumm und dämlich, strengst dich wahnsinnig an, um nach sechs Jahren harter, verbissener Arbeit bitte was zu verdienen? Lerne doch gleich etwas Anständiges. Singen ist eine brotlose Kunst.

 



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