Oper für Alle, wirklich für alle

VOM AUFBRUCH IN EINE NEUE KULTURELLE ÄRA UND WARUM DIE OPER EIN DEBATTIERCLUB SEIN SOLLTE

02. August 2021

©Wilfried Hösl /Bayerische Staatsoper

Ein Augenblick kommt, ein Augenblick geht - doch die Erinnerung bleibt! Erinnere ich mich zurück an das Jahr 2020, so weiß ich nur noch, dass das Operngeschehen einer weltweiten Pandemie zum Opfer fiel, so wie fast alle kulturellen Ereignisse, die bis auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt wurden.

 

Auch die Bayerische Staatsoper litt unter dem strikten Reglement der feingeistigen Entsagungen.

 

Doch im Nu vergessen sind die Augenblicke, die so schnell kommen, wie sie eben auch wieder gehen. Was bleibt, sind die Erinnerungen an eine besondere Ära, in der Kultur einem Freiheitsgedanken folgend, auch immer Anstoß zur Erneuerung, Neudefinition und zum Umbruch gab.

 

Kultur im Wandel. Daran hat sich auch durch die Pandemie nichts geändert. Die Oper lebt, erlebt sich neu. In einzelnen Bereichen sogar deutlich restriktiver, dafür in anderen intensiver und zeitgemäßer denn je.

 

©Wilfried Hösl /Bayerische Staatsoper

Unkonventionell, kontrovers, streitbar, modern: So versteht sich die Bühne heute, die mit ihrer Kunst aufrühren und sogar Debatten entfachen will.

 

"Von der Spannung lebt das Theater", so das Credo des scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler, der so gut wie jeder Opernverständige weiß, dass bereits zur Jahrhundertwende große Auseinandersetzungen in den Opernhäusern der Welt zu tobsüchtigen Ausbrüchen und heftigen Auseinandersetzungen geführt haben.

 

Ob wir an diesen Punkt wieder kommen müssen? Sicher ist, dass die Kunst ihre Freiheit braucht, von der Freiheit lebt und sich in ihr erst so richtig entfalten kann.

 

Genauso sicher ist auch, dass wir von der Freiheit Gebrauch machen sollten, die uns erst durch die Kunst zuteilwird. Wir können uns natürlich auch der Freiheit, Provokation, Debatte und Austausch zu leben, entziehen, indem wir auf Altbewährtes setzen, uns wie vor den Fernsehbildschirmen von opulenten Bühnenbildern, Kostümen und einer heilen Welt berieseln lassen, die nichts weiter tut, als in der Komfortzone des Stillstands und der Kritiklosigkeit zu verweilen.

©Wilfried Hösl /Bayerische Staatsoper

Wir können uns aber auch auf ein modernes Kunstverständnis einlassen, selbst wenn wir nicht immer jede Inszenierung, jeden Gedanken hinter einer Neuproduktion verstehen.

 

Wichtig ist, dass unser kunstverständiger Geist in Bewegung bleibt, neue szenische Reize, musikalisch erfrischende Interpretationen erfährt und das Geschehen auf der Bühne einfach nur wirken lässt.

 

Toleranz und Akzeptanz sind dabei die Schlüssel zu einem Tor, hinter dem sich eine ganz neue Welt voller kreativer, schöpferischer und zeitgeistiger Möglichkeiten befindet, die nur darauf wartet, entdeckt und erlebt zu werden.

 

Machen wir es doch einfach möglich, sowie die Bayerische Staatsoper es zu den diesjährigen Festspielen mit der Neuinszenierung von Wagners Meisterwerk "Tristan und Isolde" ermöglicht hat, auch auf die Gefahr hin, dafür ausgebuht zu werden.

 

©Wilfried Hösl /Bayerische Staatsoper

©Wilfried Hösl /Bayerische Staatsoper

Mit einer Cast, die ohne Starallüren auskommt, einem Welttenor namens Jonas Kaufmann, der in seiner Zeit lebt, als moderner Interpret eine zeitaktuelle Botschaft vermittelt, bodenständig, grundsolide, nahbar und unglaublich menschlich daherkommt, erleben wir den Kosmos der klassischen Musik, erfahren wir die Welt der Oper sowieso rundum modern, auf dem Boden der Tatsachen, realitätsnah und im Hier und Jetzt angekommen.

 

Wir können uns dem Fortschritt auch in der klassischen Musikbranche nicht mehr entziehen. Dass das zu Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten und teilweise auch zu Unverständnis führt, ist eine logische Konsequenz, die uns aber hilft, uns die Hörner an den alten, längst verstaubten und unzeitgemäßen Kamellen ein für alle Mal abzustoßen.

 

©Wilfried Hösl /Bayerische Staatsoper

Denn wenn die "Oper für Alle" gemacht sein soll, dann braucht sie einen modernen Anstrich, dann muss sie sogar einer breiteren Masse den Zugang erlauben, damit das oftmals realitätsfremde Genre nicht irgendwann auf immer und ewig in der Versenkung verschwindet.

 

Wie soll man ansonsten nachkommende Generationen für eine Musik begeistern, die in den Kinderschuhen der Vergangenheit stecken geblieben ist und der Moderne so dermaßen hinterherhinkt, dass man ihr die Daseinsberechtigung über kurz oder lang absprechen muss.

 

Das Bayerische Staatstheater tut gut daran, der Moderne immer wieder auf die Sprünge zu helfen, entgegen jeglicher Kritik, die es oft genug immer noch hagelt.

 

Aus der Spannung lebt das Theater. So war es früher, so ist es heute und so wird es hoffentlich auch in Zukunft bleiben.

 

©Wilfried Hösl /Bayerische Staatsoper


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