Grandioser Tosca Thriller mit Ailyn Pérez und Adam Smith an der Staatsoper Hamburg

17. März 2024

Rubrik Oper

©Arno Declair /Tosca

Nicht mehr ganz so jung ist Robert Carsons Inszenierung von Puccinis epischem Meisterwerk Tosca an der Staatsoper Hamburg.

 

Das allerdings tut der Interpretation und dem spannungsgeladenen Handlungsstrang keinen Abbruch, zumal an diesem Abend grandiose Sänger auf der Bühne die fatale Dreiecksbeziehung mit Strahlkraft, Verve und schauspielerischem Können zum Leben erwecken.

 

Von Nicole Hacke

 

Allen voran die US-amerikanische Sopranistin Ailyn Pérez, die als Floria Tosca alle Register der Verführungskunst zieht und diese ganz besonders im ersten Akt flirtiv zur Schau stellt.

 

Dort nämlich bezirzt Sie den schwer verliebten Mario Cavaradossi, der grundsätzlich nur Augen für die kapriziöse Diva hat, wäre da nicht sein noch unvollendetes Wandgemälde einer "blonden Schönheit", deren Augen so verblüffend an Toscas Erzrivalin erinnern.

 

Voller Eifersucht verlangt sie von Cavaradossi, diese zu übermalen. Mit Charme, Eleganz und einer gehörigen Portion Esprit schafft es Ailyn Pérez die Rolle der Tosca charakterstark auszukleiden. Ein Bündel an Energie und Temperament, leidenschaftlich, impulsiv und explosiv:

 

Man staune verblüfft, wie der charismatische Wirbelwind vor Eifersucht schäumend einen Fächer klatschend an die Wand pfeffert.

 

Immer wieder machen sich leise Lacher aus den Reihen des Publikums bemerkbar, ob der famosen Darstellungskunst von Ailyn Pérez. Sie ist aber auch köstlich amüsant, so authentisch wie sie diesen volatilen Charakter mal zickig, mal anschmiegsam, mal kühl und unnahbar und dann wiederum voller explosiver Leidenschaft auf der Bühne zum Wirken bringt.

 

©Arno Declair /Tosca

©Arno Declair /Tosca

Doch auch musikalisch strahlt das Energiebündel Leidenschaft aus jeder vokalen Pore. Unübertrefflich interpretiert Ailyn Pérez die Rolle der verliebten, bangenden und schlussendlich verzweifelten Frau, die 100 Prozent auf der Bühne gibt.

 

Ihr Gesang gleicht dabei einem zarten Geflecht aus irisierend schimmernden Klangfarben, die warmgolden in der satten Mittellage glänzen und betörend schön in den sphärisch entrückten Höhen anmuten.

 

Feinsilbern und von schillernder Brillanz und mit einem Meer aus emotionalen Facetten versehen, so herrlich berührend erfasst einen die volle Wucht dieser weichen, runden und fast schon zuckersüßen Stimme. 

 

Und dann erst dieses "Vissi d´Arte", in das sich die Sängerin aus vollem Herzen versenkt, bescheiden und demütig, der Kunst ergeben. Ganz sicher lebt Ailyn Pérez für die Kunst. Und das sie liebt, nimmt man ihr ebenfalls auf der Stelle ab.

 

Mucksmäuschenstill ist es mittlerweile im Auditorium. Es fühlt sich an, als ob das Publikum diese ganze Arie lang den Atem anhält, hypnotisiert von so viel überirdischem Zauber, der wie ein opiatischer Duft die Sinne verklärt.

 

Eine echte Überraschung ist auch der britische Tenor Adam Smith, der an diesem Abend zum ersten Mal an der Staatsoper Hamburg sein Hausdebüt gibt - und zwar mit einer Rolle, die ihm auf Maß geschneidert zu sein scheint.

 

©Arno Declair /Tosca

©Arno Declair /Tosca

Als Mario Cavaradossi erweckt er einen Charakter zum Leben, bei dem alle Facetten eines schicksalhaften Lebens abgegriffen werden.

 

Adam Smith hat Tiefgang, er hat Substanz in seiner mehr als authentischen Interpretation dieser Rolle. Lebt er sie, fühlt er sie, ist sie in ihm so gereift und gewachsen, dass er sich vielleicht sogar schon mit ihr verwachsen fühlt? 

 

Jede Gefühlsregung, ob beim verliebten Tête-à-Tête mit Tosca oder kurz vor seinem bitteren Ende im dritten Akt, packt einen ganz gewaltig.

 

Adam Smith ist ein wunderbarer Schauspieler, charakterstark und so dermaßen überzeugend, dass man sein Leid förmlich nachspüren kann.

 

Phänomenal ist insbesondere seine tiefberührende Interpretation von "E lucevan le stelle", eine Arie, die mittlerweile mit einem Tenor in Verbindung gebracht wird, für den sie als "Signature-Arie" gilt.

 

Genau diese Arie ist für viele Tenöre schwer zu erreichen, schwer zu greifen. Jedwede Interpretation muss daher meistens einem Vorbild standhalten, was unübertrefflich und daher kaum erreichbar scheint.

 

Adam Smith hingegen findet seine eigene "Version", mit der er sich diese Arie zu eigen macht. Tief versenkt er sich dabei in sein Leid, verzweifelt immer mehr am Leben und an sich selbst und erträgt dennoch sein Schicksal mit stoischer Aufmüpfigkeit.

 

Ob er schon verrückt geworden ist. Seine Stimme jedenfalls schwankt zwischen Hoffnung, abgrundtiefer Verzweiflung und Resignation.

 

Dabei setzt er gekonnt dynamische Akzente und bringt seine Stimme insbesondere in den intensiven "diminuendi" zu klangvoller Blüte. Es sind auch bei Smith die leisen Töne, die Substanz und Farbenreichtum verströmen und seine Stimme zum Strahlen bringen.

 

©Arno Declair /Tosca

Ebenfalls überzeugt der italienische Bariton Franco Vassallo als machtbesessener Baron Scarpia mit seinem ozeanisch tiefen Stimmvolumen und einem gelungenen Schauspiel.

 

Wie ihm hungrig nach der Liebe von Tosca dürstet. Wie getrieben dieser unglückselige Mensch doch ist. Und was für ein widerlicher Artgenosse, der so abgrundtief böse und abstoßend auf sein Umfeld ausstrahlt.

 

Recht geschieht es ihm, dass seine brutal erpresserischen Annäherungsversuche ihm bereits im 2. Akt den Tod bringen. 

 

Franco Vassallo ist ein großartiger Scarpia, den man gleich von der ersten Sekunde an hasst.

 

Das Dirigat von Yoel Gamzou vermisst die geschichtenerzählerische Untermalung, die für diese Puccini Oper so bezeichnend ist. Solide führt er das Orchester klangfarbenreich, aber wenig konturiert durch den Dreiakter.

 

Am Ende springt Tosca von der Engelsburg, ihr letzter Ton verklingt aufbäumend triumphal. Dann wird es dunkel auf der Bühne und im Auditorium. Das Publikum hält inne.

 

Dann plötzlich fällt ein Lichtkegel auf Ailyn Pérez, der strahlende Stern am heutigen Abend.

 

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Ein Applaussturm bricht los - und nicht nur für die Sopranistin des Abends, sondern auch für den Tenor Adam Smith, der von den Hamburgern frenetisch gefeiert wird. Fast demütig verbeugt sich Smith, der, wie es scheint, seinen Erfolg kaum fassen kann.

 

An der Bühnentür begegne ich ihm. Über das ganze Gesicht strahlt er - und kann scheinbar immer noch nicht glauben, was da noch vor wenigen Minuten auf der Bühne passiert ist. "E lucevan le stelle". Auch für Adam Smith leuchteten sie an der Staatsoper Hamburg strahlend hell. 


Freuen Sie sich auf ein Interview mit Adam Smith, den ich bereits vor zwei Jahren entdecken und interviewen durfte. In der 9. Ausgabe des Operaversum Magazins erzählt Adam von seinen Anfängen als Violinist, warum er der Ansicht ist, dass sich die Schönheit einer Tenorstimme über die Mittellage definiert und warum es ihm so wichtig ist, sein Publikum emotional zu berühren.

 


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